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Interview mit
Stefan von

Das Interview führte: Malte H. am 29.10.2010 

Am 29. Oktober erscheint die Compilation "Whom the Moon a Nightsong sings" von Prophecy Productions, auf der unter anderem Bands wie ULVER, NEUN WELTEN, DORNENREICH, TENHI und EMPYRIUM (mit ihrem neuen Song "The Days Before The Fall") vertreten sind. Die Besonderheit dieser Zusammenstellung ist, dass nahezu jede vertretene Band eigens für diese Compilation einen neuen Song geschrieben hat. Grund genug ein Interview mit Stefan Belda, welcher seit 2002 für Prophecy arbeitet und momentan für Künstlerbetreuung und Promotion zuständig ist, zu führen.

Malte H.: Hallo Stefan. Danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Prophecy Productions steht für emotionale, atmosphärische und verzaubernde Musik. Es fällt auf, dass sich bei euch hauptsächlich Bands aus dem schwarzmetallischen und dem folkloristischen Sektor wiederfinden. Danach sind eure beiden Sublabels Auerbach Tonträger und Lupus Lounge ja mehr oder weniger unterteilt. Sind das die beiden groben Musikrichtungen, die für euch emotionale, verträumte Musik repräsentieren? Oder könntest du dir auch vorstellen, dass es passieren kann, dass bspw. Doom Metal Bands bei euch unterkommen? Dem Doom Metal wird ja auch nachgesagt, dichte, dunkle Emotionen hervorzurufen.

Stefan: Die Künstlerauswahl erfolgt bei uns vor allem nach persönlichem Gefallen und ohne Genre-Filter. Wir verschließen uns weder generell einer bestimmten Musikrichtung, noch würde ich sagen, dass wir einen bestimmten Stil bevorzugt behandeln. Ich stimme Dir bei Deiner Beobachtung insofern zu, dass viele unserer Künstler - genauso wie wir, das Prophecy-Team - im Black Metal verwurzelt sind. Aber ihre Wurzeln hört man vielen Gruppen kaum mehr an. Diejenigen Bands, die nach wie vor einen klaren Black-Metal-Bezug haben, firmieren bei uns unter dem Lupus-Lounge-Banner, Auerbach Tonträger verstehen wir als Label für vorwiegend ruhige, akustische Musik. Ansonsten finde ich gerade, dass eine Gemeinsamkeit vieler unserer Künstler ist, schwer kategorisierbar zu sein und nicht in gängige Schubladen zu passen - das finde ich auch an Musik generell sehr spannend. Ich würde auch Abstand von der Aussage nehmen, dass z.B. Black Metal grundsätzlich emotionaler ist als andere Musik, da sich in diesem Genre so viele uninspirierte, seelenlose Gruppen tummeln, die einen eines Besseren belehren.

Malte H.: Wie gestaltet sich bei euch die Zusammenarbeit mit den Bands? Ist es ein rein professionelles Verhältnis oder gibt es auch außerhalb der Labelaktivitäten Kontakt? Gerade bei EMPYRIUM, mit denen ihr viele Jahre zusammenarbeitet, würde es mich nicht wundern, wenn man sich mittlerweile auch privat ganz gut versteht.

Stefan: Mit den meisten unserer Musiker harmonieren wir auch auf persönlicher Ebene. Das wird natürlich auch dadurch erleichtert, dass Musik für unsere Künstler wie für uns weit mehr ist als "bloßer" Job. Sie ist vorrangig Leidenschaft und Hobby, und daher sind die Übergänge von "beruflicher" und privater Korrespondenz auch oft fließend. Darüber hinaus ist es eigentlich immer sehr schön, wenn wir unsere Künstler auch mal auf Konzerten oder Festivals persönlich treffen und etwas Zeit miteinander verbringen können, da man ansonsten in der Regel via E-Mail und Telefon korrespondiert.

Malte H.: Neben der Band EMPYRIUM arbeitet ihr ja auch schon einige Jahre mit dem Klangschmiede Studio E von Markus Stock (EMPYRIUM) zusammen, um einen hohen Qualitätsstandard eurer Produktionen gewähren zu können. Wie ist die Zusammenarbeit mit Markus? Inwiefern bringt er seine eigenen Ideen mit ein? Müsst ihr ihm überhaupt noch explizit sagen, was ihr euch wünscht? Ich kann mir vorstellen, dass er nach der langen Zeit genau weiß, was ihr wollt und was die Bands brauchen.

Stefan: Die künstlerische Autorität beim Studio E lag von Anfang an allein bei Markus, und das Tagesgeschäft des Studios hängt auch in keiner Weise mit dem von Prophecy zusammen. Markus produziert ja auch nicht nur Prophecy-Bands, und nicht alle Prophecy-Bands nehmen auch in der Klangschmiede Studio E auf. Beide Unternehmen agieren also weitgehend unabhängig voneinander. Wenn Markus also ein Album produziert, dann macht er das zusammen mit den Musikern und mit dem Ziel, ihrer Musik den bestmöglichen Klang zu geben. Prophecy hat darauf keinen Einfluss, aber ist auch insofern nicht wichtig, als dass wir wissen, dass Markus äußerst kompetent auf seinem Gebiet ist.

Malte H.: Kommen wir auf eure Compilation "Whom the Moon a Nightsong sings" zu sprechen. Auf der Compilation sind viele verschiedene Bands aus dem folkloristischen Sektor vertreten, welche größtenteils eigens für "Whom the Moon a Nightsong sings" neue Songs geschrieben haben, was für eine Compilation doch recht ungewöhnlich ist. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

Stefan: Zunächst sehe ich die vertretenen Künstler gar nicht mal als Folk-Acts. Es ist ein populärer Irrtum, dass Musik nur aufgrund ihrer akustischen Instrumentierung gleich Folk ist. Darüber hinaus hat sich mir in letzter Zeit viel eher die Frage gestellt, warum wir erst jetzt (bzw. im Sommer 2009, als wir die Compilation konzipiert haben) auf diese Idee gekommen sind und noch nicht früher. Den Musikstil, den Ulver mit "Kveldssanger", Empyrium mit "Where At Night The Wood Grouse Plays" und Tenhi mit "Kauan" definiert haben, lieben wir seit jeher, und Gruppen wie Empyrium, Tenhi oder Dornenreich haben nicht nur das Genre mitgeprägt, sondern auch maßgeblich zur Identität Prophecys beigetragen. Die Compilation passt auch einfach zu Prophecy und der Label-Philosophie. Das bislang überschwängliche Feedback der beteiligten Künstler, Journalisten und Fans hat uns dann auch gezeigt, dass eine solche Compilation längst überfällig war.

Malte H.: Und wie kam sie bei den Bands an? Musstet ihr Überzeugungsarbeit leisten oder waren die Künstler sofort begeistert von der Idee?

Stefan: Ausschließlich positiv. Tatsächlich waren alle Künstler von Anfang an sehr kooperativ, und insbesondere die jüngeren Bands waren begeistert von der Aussicht, auf einer Compilation zusammen mit ihren Vorbildern vertreten zu sein. Da das zugrunde liegende Konzept ohnehin das aufgriff, wofür die einzelnen Bands ohnehin standen, hatten sie auch unmittelbaren Bezug zu dem Projekt. Viel Überzeugungsarbeit war also nicht nötig.

Malte H.: Wie erfolgte die Auswahl der Bands? Ich kann mir vorstellen, dass es viele Bands gibt, die gerne auf dieser Compilation gewesen wären.

Stefan: Das ist richtig. Gerade nachdem die Promotion bereits begonnen hatte, haben sich noch einige Gruppen gemeldet und gefragt, ob sie nicht noch ein Lied beisteuern können. Die Auswahl der Bands erfolgte aber letztendlich einerseits nach Relevanz (eine solche Compilation ohne Ulver, Empyrium, Tenhi, October Falls und Neun Welten geht einfach nicht), andererseits nach persönlichen Präferenzen. Daher bin ich auch sehr glücklich darüber, dass sich relativ unbekannte Künstler wie Bauda, Nhor oder Syven auf "Whom The Moon..." einem größeren Publikum vorstellen können - sie haben es verdient.

Malte H.: Von DORNENREICH, TENHI und NUCLEUS TORN gibt es keine neuen oder seltenen Aufnahmen, sondern man findet bereits bekannte Lieder vor. Hängt dies damit zusammen, dass die Bands momentan an ihren neuen Alben feilen und daher keine Zeit hatten, noch extra neues Material für "Whom the Moon a Nightsong sings" zu kreieren? Ich bin sicher nicht der einzige, der sich auf neues Material der drei gefreut hätte, um den Appetit auf die kommenden Alben noch zu steigern.

Stefan: Auch wir hätten uns sehr über neue Lieder von Dornenreich und Tenhi gefreut. Dornenreich waren aber tatsächlich sehr in die Arbeiten zu "Flammentriebe" eingebunden, und auch ein neues Tenhi-Stück ist nicht rechtzeitig fertig geworden. Nucleus Torn ist wiederum ein Spezialfall. Da die Band sich im Laufe der Jahre kompositorisch viel mehr in Richtung Prog/Art Rock und Kunstmusik entwickelt hat, stand für uns schon recht früh fest, dass wir gerne ein Stück von "Krähenkönigin" auf der Compilation haben würden, da diese EP in unseren Augen völlig unterbewertet ist. Die Wahl von "Krähenkönigin III" war also keinesfalls ein Kompromiss. Auf der Nucleus-Torn-Zusammenstellung "Travellers" machen wir die vergriffene 10"-EP übrigens in Kürze auch erstmals auf CD erhältlich.

Malte H.: Das tolle Cover-Artwork stammt aus der Feder von Fursy Teyssier (LES DISCRETS) und passt wunderbar zu der Zusammenstellung. War es euer Wunsch, dass Fursy das Cover anfertigt oder kam er mit der bereits fertigen Arbeit zu euch?

Stefan: Ja, Fursy war von Anfang an unser Wunschkandidat. Wir kennen ihn mittlerweile auch schon seit vielen Jahren, und aufgrund seiner grafischen Arbeiten für u.a. Les Discrets und Alcest wussten wir, dass er ein gutes Händchen für romantische Motive hat. Wir haben ihm ein paar grobe Richtlinien gegeben, und dann hat er das Gemälde für uns bzw. für das Compilation-Cover gemalt. Das Ergebnis hat uns dann auch einmal mehr sprachlos gemacht.

Malte H.: Es ist erstaunlich, dass die einzelnen Lieder zusammen sehr homogen wirken, obwohl so viele verschiedene Künstler am Werk waren. Wie erklärst du dir dieses Phänomen? Liegt es ausschließlich am engeren Rahmen, der gesteckt wurde, oder daran, dass die musikalische Interpretation der Natur und ihrer Bilder so ineinander greift, dass sich selbst Kontraste ergänzen? Immerhin glänzen auf der Compilation schamanisch-beschwörende Songs ebenso wie flottere Folk-Nummern, ohne deplatziert zu wirken.

Stefan: Die Frage ist gut, und ich hab keine richtige Antwort darauf. Dass die Compilation derart homogen wird, ohne jedoch eintönig zu werden, hat mich schlussendlich auch selbst überrascht. Vielleicht liegt es ja daran, dass alle beteiligten Künstler irgendwie auf einer Wellenlänge funken bzw. die Welt durch ähnliche Augen sehen. Die Vorstellung davon gefällt mir zumindest sehr. John Jones von Nhor hat es mir gegenüber mal so ausgedrückt: Der Compilation liegt zwar eine Grundidee zugrunde, aber alle Künstler nähern sich dieser aus ihrer eigenen Perspektive. Diesen Gedanken finde ich auch sehr schön.

Malte H.: War es schwer, an das rare Material bspw. von ULVER zu kommen? Und wenn ULVER schon Erwähnung finden: Wie stehst du zu dieser Band? Wie groß ist ihr Einfluss in deinen Augen auf das, was heutzutage gerade im Bereich des Neo-Folk musikalisch dargeboten wird?

Stefan: Tatsächlich war die Einigung mit Ulver denkbar unkompliziert. Nach einer Anfrage per E-Mail kam kurze Zeit später die Erlaubnis "Synen" zu verwenden. Das war's dann im Wesentlichen auch schon. Den Einfluss Ulvers auf den Neofolk halte ich nicht für besonders groß. Aber abgesehen von Orplid würde ich auch keinen auf "Whom The Moon..." vertretenen Künstler diesem Genre zurechnen. Ulver haben aber auf jeden Fall den Grundstein für das Genre gelegt, dem die Compilation gewidmet ist: naturbezogener, romantischer Akustikmusik. Schon Empyrium führen ja ihre Akustik-Alben ausdrücklich auf "Kveldssanger" zurück, und ich bin sicher, dass so ziemlich jede auf "Whom The Moon..." vertretene Band stark von "Where At Night The Wood Grouse Plays" und eben "Kveldssanger" beeinflusst ist. Ich persönlich schätze Ulver sehr und würde sie auch heute noch zu meinen Lieblingsbands zählen. Ihre Radikalität und Musikalität suchen Ihresgleichen.

Malte H.: Wie zufrieden seid ihr letztendlich mit "Whom the Moon a Nightsong sings"? Gibt es im Nachhinein noch Dinge, die ihr gerne ändern würdet? Und wie fiel die bisherige Resonanz der Fachpresse aus?

Stefan: Du musst wissen, Du stellst die Frage zu einem Zeitpunkt, wo noch nicht mal die CDs und LPs aus dem Presswerk gekommen sind. ;-) Generell sind wir momentan aber überaus zufrieden mit "Whom The Moon...". Nahezu all unsere Wunschkandidaten haben ein Lied beigesteuert, nahezu jedes Lied ist wirklich sehr gut geworden. Fursy hat ein fabelhaftes Bild gemalt und auch beim Layout hervorragende Arbeit geleistet. Die Compilation ist in sich sehr schlüssig und wirkt wie aus einem Guss. In Anbetracht der Tatsache, dass alle Lieder unabhängig voneinander entstanden sind, halte ich das für eine bemerkenswerte Leistung, aber die will ich Prophecy als Label gar nicht zuschreiben. Tatsächlich könnten wir, die im Entstehungsprozess am ehesten die Dirigenten-Rolle übernommen haben, kaum zufriedener mit dem Ergebnis sein. Jetzt hoffen wir natürlich, dass es da draußen noch ein paar natur-romantische Musikjunkies gibt, die sich auch ein Exemplar kaufen. Die Pressereaktionen sind bislang überwältigend gut. "Whom The Moon..." hat schon einige Sonderauszeichnungen und Höchstpunktzahlen abstauben können!

Malte H.: Ein besonderes Highlight auf der Compilation ist sicherlich der neue Song von EMPYRIUM. War die Freude groß, als die Band euch mitgeteilt hat, dass sie sich bereit fühlt, wieder neues Material aufzunehmen? Schließlich handelt es sich bei der Band wohl um eines eurer größten Zugpferde.

Stefan: Selbstverständlich! Tatsächlich haben wir kaum damit gerechnet, dachten uns aber "Fragen kostet nicht". Als Schwadorf dann grundsätzlich Interesse bekundete, war die Freude natürlich schon mal groß, aber letztendlich wollten wir uns auch nicht zu früh freuen. Aber als es dann irgendwann hieß, dass die Aufnahmen konkret geplant sind und kurze Zeit später "The Days Before The Fall" fertig war, war für uns natürlich die Sensation perfekt. Dass dieses Lied nun auch der Startschuss für eine neue Schaffensphase Empyriums ist, lässt "Whom The Moon..." natürlich nochmal in einem besonderen Licht erscheinen.

Malte H.: Gibt es auf den beiden CDs Songs, die dir besonders gut gefallen? Songs, die dir nicht mehr aus dem Kopf gehen wollten oder die besonders schöne Bilder in deinen Gedanken erzeugt haben? Oder ist jeder einzelne Song ein Baustein eines großen, schönen Gemäldes für dich, das in seiner Gesamtheit strahlt?

Stefan: Eher das Zweitgenannte. Mir würde es jedenfalls sehr schwer fallen, jetzt zwei oder drei Lieder gegenüber allen anderen Beiträgen hervorzuheben. Das Gesamtniveau der Compilation ist letztendlich unerwartet hoch geworden, so dass die Frage wirklich nicht leicht zu beantworten ist.

Malte H.: Was können wir in Zukunft von Prophecy noch erwarten? Wie sieht euer Plan für die Zukunft aus?

Stefan: Erwarten von Prophecy kannst Du weiterhin Musik mit einem gewissen Etwas und mit Identität, die Du so nicht überall finden wirst. Momentan treffen wir erste Planungen für 2011, in dem wir unser 15-jähriges Jubiläum feiern werden. Neben neuen Veröffentlichungen von Dornenreich, Lifelover, Negura Bunget, Tenhi, Empyrium, Alcest, Les Discrets, Lantlôs und einigen anderen unserer Künstler planen wir natürlich noch ein paar Besonderheiten, um den Anlass gebührend zu feiern.

Malte H.: Gibt es eine aktuell bevorstehende Veröffentlichung, auf die du besonders gespannt bist? Oder eine Band, von der du dir wünschst, dass sie endlich ein neues Album auf den Markt schmeißt?

Stefan: Wir arbeiten ja recht eng mit unseren Künstlern zusammen und sind daher über ihre kreative Arbeit eigentlich immer sehr gut informiert. Da wir den Entstehungsprozess eines Albums also von Anfang an mitverfolgen, bleiben am Ende die großen Überraschungen aus bzw. es gibt eigentlich nichts, wo sich über einen längeren Zeitraum Erwartungen und Spannung aufbauen. Wenn ein Album aber schließlich irgendwann fertig ist, ist das fast immer ein erhebendes Gefühl. Von Bands, die Alben auf den Markt schmeißen, halte ich generell nicht viel. ;-) Gut Ding will bekanntlich Weile haben. Das neue Album von Vàli könnte aber tatsächlich langsam mal fertig werden.

Malte H.: Stefan, ich bedanke mich für die Zeit, die du Dir genommen hast und wünsche Dir und dem restlichen Team auch in den nächsten Jahren viel Erfolg und das ihr den Fans weiterhin solch tolle Veröffentlichungen präsentieren könnt. Die letzten Worte gehören selbstverständlich dir.

Stefan: Danke für die netten Worte und vor allem Dein Interesse an Prophecy und unserer "Whom The Moon A Nightsong Sings"-Compilation. Und viel Erfolg mit metal.tm!

 
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