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Interview mit Tobias Buck von Neaera  

Das Interview führte: Pascal S. am 10.10.2010 

Tobias Buck: Moin, hatte es fast vergessen, hatten wir 3 Uhr gesagt? Sorry, hab aber jetzt Zeit und bin da.

Pascal S.: 17:30 hatten wir gesagt, aber von mir aus auch jetzt, mir egal, hehe. Also fangen wir an?

Tobias Buck: Ich hab auch jetzt Zeit. Können auch später, ist mir latte.

Pascal S.: Gut, dann haben wirs hinter uns. Zunächst einmal: Am Ende dieser Woche erscheint euer neues Album, "Forging the Eclipse", euer fünftes Album seit 2003, ihr werdet nicht müde oder?

Tobias Buck: Auf jeden Fall nicht müde vom musizieren. Es ist bei uns ganz natürlich, dass wir das ganze Jahr an Songs arbeiten. Zwischen den Shows und Touren. Wenn wir genug Material haben, gehen wir ins Studio.

Pascal S.: Ich habe den Eindruck, dass es sich bei diesem Album sowohl um eine logische Weiterentwicklung, als auch um einen positiven Rückschritt zu früheren Werken handelt. Im Bezug auf den Vorgänger fallen mir die eingestreuten Black Metal Elemente ein, in Bezug auf ältere Werke die eigenständigen Melodien. Geschieht das bei euch bewusst oder eher unbewusst?

Tobias Buck: Bei uns geschieht das immer unbewusst. Es ist nicht so, dass wir im Proberaum stehen und sagen "wir müssen jetzt so einen Song oder so einen Song schreiben". Unsere letzte Platte OMNICIDE war ein wenig härter als die ersten drei Platten, deshalb hatten wir Bock wieder etwas mehr Melodie in die Songs zu bringen. Aber natürlich hat uns OMNICIDE auch gezeigt was wir können. Ich denke, wir haben bei der neuen Platte eine gesunde Mischung aus allen unseren Platten.

Pascal S.: Das sehe ich ähnlich, vor allem die Melodien haben es mir angetan, großartige Arbeit! Textlich gesehen bearbeitet ihr ja an sich relativ "simple" Themen wie Leben, Tod und die Gesellschaft, worauf ist Benjamin auf "Forging the Eclipse" textlich speziell eingegangen?

Tobias Buck: Erst mal ein Danke, dass dir die Platte gefällt. Das Freut uns natürlich. Die Texte wurden auf dieser Scheibe komplett von Stefan (Gitarre) und Benjamin (Bass) geschrieben. Sie handeln von verschiedenen Themen, wie Missbrauch, Umweltzerstörung und behandeln auch persönliche Themen. ARISE BLACK VENGEANCE handelt z.B. von der Öl-Katastrophe im Golf von Mexico. Bei HEAVEN'S DESCENT geht es um die Missbrauchsfälle an den kirchlichen Einrichtungen.

Pascal S.: Gut, ich dachte euer Sänger wäre Texteschreiber, naja, man lernt nie aus. Die Frage wollte ich eigentlich erst später stellen, aber da du es grade ansprichst: Du hast sicher vom Giftschlamm-Unfall in Ungarn gehört. Nach all diesen Umwelt- und Naturkatastrophen, nach Tschernobyl, hast du das Gefühl, der Mensch lernt nicht daraus, und vor allem, hast du das Gefühl, es wird auch beim Thema Ungarn momentan einiges verschwiegen?

Tobias Buck: Was in Ungarn passiert ist eine Schande. Den Menschen und der Natur gegenüber. Ich habe das Gefühl, die Menschen lernen nicht aus den Fehlern der Vergangenheit. Ich meine, wie viele Katastrophen noch? Und auch wie mit der Situation umgegangen wird. Keiner sagt wie gefährlich dieser Schlamm ist und welche Giftstoffe in ihm enthalten sind. Die Menschen kehren in ihr Dorf zurück und keiner informiert sie über die gesundheitlichen Folgen.

Pascal S.: Das war ja in Tschernobyl genau das gleiche, ich muss dir also Recht geben. Ich habe ein Buch drüber gelesen, und war ehrlich gesagt erschrocken, wie unverantwortlich die UdSSR damals handelte, ich hab die genauen Daten zwar nicht im Kopf, jedoch weiß ich noch, dass der Unfall erst 3 bis 4 Tage nach dem Super-GAU öffentlich wurde, vorher wurden noch scheinheilig Feierlichkeiten in Russland zu Ende geführt, die Menschen waren der Strahlung hilflos ausgesetzt. Und ich habe den Eindruck, das läuft jetzt wieder genauso, aber es nutzt leider nichts sich darüber aufzuregen, es wird sich leider nichts ändern, zumindest in naher Zukunft nicht.

Tobias Buck: Das glaube ich auch. Katastrophen werden von den Verantwortlichen einfach ausgesessen. In unserer schnellen Medienwelt ist das Thema leider bestimmt bald wieder vom Tisch.

Pascal S.: Es hat zumindest den Anschein, als wäre es wieder vom Tisch, ähnlich wie die Waldbrände in Russland. Lass uns gleich mal in der Nähe des Themas bleiben, aktuelle Politik. Was denkt ihr, beziehungsweise was denkst du von der momentanen Regierung und was sagst du zu den relativ populistischen Aussagen des Herrn Sarrazin?

Tobias Buck: Mir gefällt das absolut nicht. Klar hat Deutschland Probleme. Aber einfach nur mit dem Finger drauf zeigen ohne Lösungen anzubieten bringt doch nichts. Es ist wichtig dass über Probleme diskutiert wird, aber bitte nicht auf so einem Niveau.

Pascal S.: Ich habe einige Seiten durchgeblättert, kann durchaus Wahrheitsgehalt darin entdecken, vieles ist mir jedoch zu verallgemeinernd und vor allem zu plump, es passt allerdings zur aktuellen Regierung, viel Gerede, wenig Gehalt, bevor wir vom eigentlichen Thema abkommen, wollte ich noch ein paar Fragen zur Band selbst stellen. Als ich anfing, mich mit eurer Musik zu beschäftigen, mich über eure Band zu informieren, ist mir schon bei OMNICIDE aufgefallen, dass euer Line-Up bisher kein einziges Mal irgendwelche Wechsel zu vermelden hatte. Ich finde, das ist der Hauptgrund für das konstant hohe Niveau eurer Werke. Ihr kommt nicht nur live wie eine zusammengeschweißte Gruppe rüber, die sich blind versteht, sondern auch auf euren Alben ist das deutlich hörbar. Versteht ihr euch wirklich so gut? Es gibt doch sicher auch mal Streitereien bzw. Unstimmigkeiten?

Tobias Buck: Streitereien kommen in den besten Familien vor. Klar, fliegen bei uns auch mal die Fetzen, aber wir waren schon vor der Bandgründung Freunde. Wenn einer mal zu einer Show oder Tour nicht konnte, haben wir uns einen Ersatz gesucht. Ich glaube fast jeder ist schon mal ersetzt worden. Das kommt ja in jeder Band mal vor.

Pascal S.: Aber ihr habt nie an die Trennung von einem bestimmten Mitglied gedacht? Das ist sehr selten geworden, und äußerst respektabel wie ich finde. Kommen wir gleich zum zweiten "auffälligen" Punkt bei euch, ihr seid seit den Anfängen von NEAERA Metal Blade Records treu. Die Labels werden heutzutage auch wie die eigene Unterhose gewechselt. Ich bin mir sicher, dass ihr schon mal Anfragen anderer Labels bekommen habt, wenn ja, aus welchen Gründen lehnt ihr ab?

Tobias Buck: Wir sind glücklich wie es läuft. Kein Grund für Trennungen. Über solche Sachen macht man sich glaub ich erst Gedanken, wenn es soweit ist.

Pascal S.: Ihr seid als sehr fan-nah bekannt, scheut euch nicht, nach einem Konzert unter die Leute zu gehen und mit ihnen zu quatschen, auch heute noch. Ihr seid also nach all den erfolgreichen Jahren nicht abgehoben. Ist das essentiell für euch, der Kontakt zu den Leuten und die Rückmeldungen der Fans?

Tobias Buck: Na klar. Ich benutze auch ungern das Wort FAN. Das ist mir unangenehm. Ohne die Leute die zu den Shows kommen oder Platten kaufen, könnten wir das nicht so durchziehen. Es ist doch auch super für uns zu erfahren, was den Leuten nicht gefällt oder gefällt. Wir schreiben die Musik so, wie wir sie für richtig halten, aber ein Feedback zu bekommen ist natürlich cool. Am Ende des Tages sind wir doch alle Fans. Egal, ob Musiker oder Fan.

Pascal S.: Gut, ich werde es nicht mehr erwähnen, ich bin froh darüber, dass ihr da so aufgeschlossen seid, eure Live-Auftritte sind nahezu immer ein positives Erlebnis. Apropos Live, ihr geht im November auf große Europatour zusammen mit Caliban, Soilwork, All That Remains und Bleed From Within, danach gehts direkt auf eine kleine Weihnachtstour mit Callejon und WBTBWB, was haltet ihr persönlich von den Bands, und was ist euch neben der Zufriedenheit der Zuhörer bei einem Konzert, bei einem Festival das wichtigste?

Tobias Buck: Mit Caliban sind wir schon seit unseren Anfangstagen befreundet. Wir sind schon mehrmals mit ihnen getourt und es ist immer schön mit den Jungs unterwegs zu sein. Callejon sind auch gute Freunde, mit denen wir schon mehrmals die Bühne teilen durften. Das wichtigste ist, dass die Leute Spaß haben. Denn die haben dafür bezahlt. Ich bin immer glücklich, wenn die Technik funktioniert, dann wir die Show auch gut.

Pascal S.: Gut ist untertrieben, hehe. Ich bin meine Fragen los, und würde mich damit verabschieden, und dir recht herzlich für das Interview danken, deine letzten Worte an uns und unsere werten Leser bitte!

Tobias Buck: Vielen Dank für das Interview. Checkt unsere neue Platte FORGING THE ECLIPSE aus. Sie erscheint am 22.10. Besucht uns auf der nächsten Tour. Danke für die Unterstützung.

 
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