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Interview mit Xenoyr von Ne Obliviscaris

Interview mit Xenoyr von Ne Obliviscaris

Torben K.: Hallo! Beste Grüße ans andere Ende der Welt! Als Erstes möchte ich euch zu "Portal Of I" gratulieren. Ich gehe mal davon aus, dass ihr kein Deutsch sprecht und euch somit gar nicht an meinen ganzen Lobgesängen zu eurem Album erfreuen konntet. Soweit ich weiß, gehen die deutschen Pressestimmen alle in eine ähnlich positive Richtung. Wie fühlt es sich also an, ein Album zu veröffentlichen, welches als eine der besten Neuentdeckungen des Jahres gefeiert wird?

Xenoyr: Hallo aus Australien und vielen Dank für die netten Worte. Es ist schön zu wissen, dass Du und deine Landsleute zu schätzen wissen, was wir tun - trotz all der guten Dinge, die es in Deutschland gibt.
Wir haben Verlust, Liebe, Schmerz, Trauer und Freude beim Erschaffen dieses Monsters erlebt und es nun gehen zu lassen, fühlt sich einerseits erlösend und befreiend an, macht aber andererseits traurig. Sich anzuschauen wie die Welt zu Grunde geht, stelle ich mir ähnlich vor (er lacht). Die Menschen waren so positiv und gütig zu uns, es ist schwer die unglaubliche Resonanz zusammenzufassen - Wir saugen das immer noch in uns auf!

Torben K.: Obwohl ihr gerade ein hoch gelobtes Album veröffentlicht habt, seit ihr nicht sehr bekannt in der europäischen Metal-Szene. Bitte stellt euch unseren Lesern vor und erklärt Ihnen, was sie alles verpassen, wenn sie "Portal Of I" nicht antesten.

Xenoyr: Da hast du Recht - Europa hat nicht wirklich mitbekommen, dass wir existieren. Wenn ich also erklären soll, was wir sind, würde es so klingen: Wir sind eine sechsköpfige Band, die die verschiedensten Metal-Stile (wie Black, Death, Thrash, Prog) mit Jazz, Rock, Flamenco, Akustik, Klassik und Country kombiniert. Unsere Musik drückt so viele Dinge wie Licht, Dunkelheit, Schönheit, Traurigkeit, Leidenschaft und Hoffnung aus. Um es kurz zu machen: Musik für Menschen ohne Scheuklappen.

Torben K.: "Ne Obliviscaris" ist ein alter, lateinischer Spruch, der in etwa "Du sollst nicht vergessen" bedeutet. Warum habt ihr gerade diesen Namen gewählt und was bedeutet er für euch?

Xenoyr: Wir wollten einen Namen, der in den Menschen widerhallt. Etwas zu dem sie einen Bezug herstellen können und sich damit identifizieren können. Ne Obliviscaris könnte bedeuten, zu wissen, wer man ist und wofür man einsteht und das niemals zu vergessen. Es könnte aber auch bedeuten, sich an die wichtigen Dinge im Leben zu erinnern. Oder (was die meisten Menschen damit verbinden) sich an einen verlorenen, geliebten Menschen zu erinnern.

Torben K.: Lass uns jetzt mal über euren ersten Langspieler sprechen. "Portal Of I" wurde zwar erst kürzlich in Europa veröffentlicht, ist aber schon einige Monate alt. Ich gehe mal davon aus, dass ihr inzwischen die nötige Distanz zum Album habt. Gibt es Dinge, die ihr ändern / verbessern würdet?

Xenoyr: Wenn wir auf das Material zurückblicken, sind wir stolz auf das Ergebnis und die ganze Arbeit, die wir reingesteckt haben. Die einzige Sache, die ich verbessern würde, ist die lange Zeit, die wir zum Schreiben gebraucht haben - Haha!
"Portal Of I" ist der Ausdruck eines gewissen Zeitfensters in unserer Karriere und es ist ein ehrlicher Ausdruck. Also wäre jede Veränderung eine Lüge. Die Leistung und Qualität im Songwriting von jedem Einzelnen und der Band als Kollektiv werden sich verbessern zwischen dem Jetzt und Album Nummer 2. Es gibt eine Menge Druck mit dem nächsten Album noch einen Schritt weiterzugehen, wenn man sich anguckt, was wir da losgetreten haben aber für den Moment sind wir echt zufrieden.

Torben K.: Ein Aspekt, der Songs wie "And Plague Flowers The Kaleidoscope" so besonders macht, ist das brillante Geigen-Spiel von Tim, ein echtes Charakteristikum eurer Musik, wenn du mich fragst. Wann und vor allem wie habt ihr die Idee bekommen, extremen Metal mit klassischem Gefiedel zu kombinieren?

Xenoyr: Ja, Tim ist in der Tat ein Wunder. Als wir als Band angefangen haben, wollten wir eine andere Form der Dynamik in die Musik einbauen. Entweder durch Geige oder ein Cello. Wir wollten ein authentischeres Instrument als ein Keyboard nutzen, etwas organischeres und tiefer gehendes. Ich habe zwar kein Problem mit Keyboards aber das würde einfach nicht zu uns passen. Ich habe Tim in einem Forum gefunden, wo er über die Einbettung von Instrumenten mit Saiten in Heavy Metal diskutiert hat und die Chance erkannt. Und hier sind wir nun...

Torben K.: Jedes Mal, wenn ich "Portal Of I" höre, bin ich aufs Neue beeindruckt, wie viele verschiedene Musik-Stile ihr kombiniert und wie homogen das Ergebnis trotzdem klingt. Ein "typischer" Song von euch beginnt mit progressivem Black Metal, entwickelt sich zu Melodic Death Metal, hat dann ein akustisches Zwischenspiel (was irgendwie nach spanischem Flamenco klingt) und endet irgendwo im Dschungel der Metal Stilistiken. Woher nehmt ihr all diese Einflüsse? Vor allem die der "unmetallischen" Parts interessieren mich.

Xenoyr: Als Individuen haben wir so viele verschiedene Einflüsse und wir arbeiten alle daran, uns auf einem gemeinsamen Level zu treffen. Dorthin wo uns die Musik führt, fühlen wir uns als eine Band. Es muss sich natürlich und lebendig anfühlen. Jeder Song nimmt das Leben auf eine eigene Art und Weise, sie sind alle eine Reise in sich.

Torben K.: Und wo wir schon mal bei der Vielfalt von "Portal Of I" sind : Wie würdest du deine Musik einem dieser Genre-Fetischisten beschreiben (Ich schätze, die gibt's nicht nur in Deutschland ;) )

Xenoyr: *er lacht* Ich würde die Musik so ungefähr als Melodic Extreme Progressive Metal beschreiben... vielleicht...

Torben K.: "Portal Of I" ist ein ziemlich interessanter Titel, der Platz für Interpretationen lässt. Warum hat ihn so gewählt und was bedeutet er im Kontext des Albums?

Xenoyr: Ja, die Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten war durchaus so beabsichtigt. Als Gesamtpaket betrachtet, ist es eine Art Reise - ein Ausdruck von wo wir herkommen, was wir alles durchgemacht haben und wer wir sind. Dahin möchten wir unsere Hörer mitnehmen und ihnen so einen Platz schaffen, wo sie inspiriert sein können, sich selbst zu erkennen und ihr wahres Ich zu finden. Die Menschen müssen in ihrem Denken, ihrem Leben und ihren Träumen frei sein.

Torben K.: Leider hatte ich keine Lyrics in meinem Promo-Paket. Das ist folglich ein Aspekt eurer Musik, der nicht in meinem Review diskutiert wurde. Würde es dir etwas ausmachen, ein paar Sätze über die Texte hinter "Portal of I" zu verlieren?

Xenoyr: Die Songtexte handeln vom Leben, vom Tod, Selbstfindung und Evolution, von Dunkelheit, Licht, Farbe und letzten Endes der Hoffnung. Was ich schreibe, empfinden viele als dunkel aber die Aussage ist immer positiv. Negativität hat keinen Platz in unserer Musik. Es kann zwar stellenweise lyrisch etwas zu abstrakt für manche Hörer werden, aber es öffnet sich zur Interpretation. Das gibt den Leuten eine eigene Verbindung zu unseren Kreationen.

Torben K.: Ein anderer Aspekt, der eher stiefmütterlich in meinem Review behandelt wurde, ist das Artwork. Ich habe mir zwar viel Mühe gegeben aber abgesehen davon, dass ich es sehr hübsch finde, kann ich dem Bild keine Bedeutung zuordnen. Hilf mir weiter ;) Wer hat dieses Schmuckstück gemalt und was steckt dahinter?

Xenoyr: Ha, danke! Ich habe das Artwork gemalt und bin froh, dass es dir gefällt. Ich liebe abstrakte Kunst mit dem Hauch einer Richtung und ich schätze, dass das mein Ausdruck dieser Liebe ist. Das Bild soll unsere Musik beschreiben und all die Elemente, die wir benutzen, die verschiedenen Themen von Licht und Dunkelheit, sowie die Emotionen.

Torben K.: Wenn du mich fragst, betritt die australische Metal-Szene gerade den Fokus der Europäer. In meinem Weltbild der vergangenen Jahre, war Australien stets ein tolles Land zum Reisen aber ich habe niemals an tolle Musik gedacht, wenn das Thema auf Australien kam. Das hat sich mit aufstrebenden Bands wie Ne Obliviscaris, Be'Lakor, Germ, Austere und Psycroptic geändert. Das ist jetzt deine Chance noch mehr Künstler aus deinem Land zu promoten.

Xenoyr: Wenn man so abgeschnitten von der internationalen Szene existiert wie wir, leidet die Musik und wir müssen härter arbeiten um gehört zu werden. An Bands fällt mir grade ein (abgesehen von denen, die du bereits erwähnt hast): Virgin Black, Ruins, Arbrynth, A Million Dead Birds Laughing, Arcane, Katabasis, Nazxul, Paradigm und Okera. Es gibt noch viel mehr Bands zu entdecken, von daher möchte ich die internationalen Leser ermutigen, ein bisschen Zeit zu verwenden und ihre Ohren auf die fremden Küsten zu lenken – Sie werden es nicht bereuen!

Torben K.: Lass uns einen kleinen Blick in die Zukunft werfen. Wo siehst du Ne Obliviscaris in zehn Jahren? Werden wir wieder neun Jahre auf Album Nr. 2 warten müssen?

Xenoyr: In zehn Jahren haben wir hoffentlich ein paar Alben auf dem Kerbholz (Minimum!), haben auf der ganzen Welt ausgiebig getourt und können uns trotzdem immer wieder herausfordern, neue Musik zu kreieren, die uns repräsentiert. Momentan haben wir begonnen an unsrem zweiten Album zu schreiben und haben eine viel genauere Vorstellung davon, was es bedeutet ein Album aufzunehmen und zu veröffentlichen. Dieses Mal sollte es also deutlich besser laufen.

Torben K.: Du hast es fast geschafft. Aber bevor es Zeit wird, sich zu verabschieden, würde ich gerne noch ein kleines Brainstorming mit dir machen. Deine ersten Assoziation zu:

Xenoyr: Europa: Ein wunderschöner Ort, an den ich unbedingt zurückkehren muss...mit der Band das nächste Mal!
Australien: Isoliert und ein Schmelztiegel von kreativen Bands
Religion: Nichts für mich, aber wir alle glauben an irgendetwas.
Sex, Drugs und Rock'N'Roll: Sex: Muss ich dir darauf wirklich antworten? Drugs: Musik ist meine Droge! Rock'N'Roll: Wenn du ein paar Blast-Beats hinzufügst...
Die beste Band auf diesem Planeten: Emperor

Torben K.: Das war's von meiner Seite! Vielen Dank für deine Zeit, vielen Dank für die großartige Musik. Die letzten Worte gehören natürlich dir!

Xenoyr: Ich danke dir für diese Gelegenheit und die tollen Fragen, es hat sehr viel Spaß gemacht. Ich möchte außerdem unseren internationalen Fans für ihre Geduld danken - ob neu, ob alt. Wir sehen uns auf Tour! Bis dahin, be well and be free!

 
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