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Interview mit
Jochen "Eviga" Stock

Das Interview führte: Pascal S. am 04.02.2011 

Pascal S.: Sei gegrüßt Jochen, wie geht's?

Jochen: Danke, wir sind mitten in den Tour-Vorbereitungen. Ich rotiere - und es fühlt sich gut an.

Pascal S.: Glückwunsch zu "Flammentriebe", ich und mein Kollege Malte sind nach wie vor schwer begeistert davon, reife Arbeit! Wann entstanden die Ideen bzw. Songs dazu, wie haben sich die Stücke im Laufe der Zeit entwickelt?

Jochen: Besten Dank! Die meisten Stücke sind zwischen 2007 und 2010 entstanden, doch einige tragende musikalische Themen der Stücke "Wolfpuls", "Fährte der Nacht" und "Wandel geschehe" sind älter, das Hauptthema von "Fährte der Nacht" ist sogar zehn Jahre alt. Bei der Ausarbeitung der Stücke gingen wir dieses Mal etwas anders vor als bei den letzten Alben. Gilvan und ich verzahnten Schlagzeug und Rhythmusgitarren nämlich in sehr intensiven Proben ohne Inve, parallel dazu entwickelte ich aber mit Inve (und ohne Gilvan) die harmonische und melodische Seite des Albums. Erst Anfang 2010 begannen wir damit, die finalen Arrangements zu dritt auszuhecken.

Pascal S.: Es ist euer erstes Metal-Album seit Jahren, ich persönlich finde eure akustischen Werke genauso ansprechend wie die metallischeren, da man eure Leidenschaft und Hingabe auf jedem eurer Alben hören kann. Wie wichtig war es für euch, mit "Flammentriebe" nun wieder metallischere Züge anzunehmen, bzw. wie kam es dazu?

Jochen: Schon sehr bald nach der Fertigstellung von "In Luft geritzt" war uns klar, dass es äußerst reizvoll sein würde, diesem rein akustischen Album ein kontrastierendes Album folgen zu lassen. Wenn ich mir nun beide Alben anhöre, so finde ich, dass beide Alben von der Existenz des jeweils anderen profitieren. Beide Alben scheinen so zusätzliche Tiefe preiszugeben – und, was mir das Wichtigste ist, diese beiden Alben bezeugen, wie sehr wir Musik und freien künstlerischen Ausdruck an sich lieben.

Pascal S.: Ihr habt diesmal nach einem genauen Zeitplan aufgenommen, geholfen haben euch dabei die Jungs aus der Klangschmiede. Wie lief die Zusammenarbeit und inwiefern hat dieser zeitliche "Druck" Einfluss auf eure Kompositionen genommen?

Jochen: Ähnlich wie bei den Aufnahmen zu "Her von welken Nächten" buchten wir zwanzig Studiotage in Markus Stocks Studio E und teilten die Produktion in zwei Abschnitte auf. So nahmen wir Schlagzeug, Percussion und alle Gitarren in zehn Tagen Mitte Juli 2010 auf. Im August spielte Inve alle Geigen in Eigenregie in unserer Heimat Tirol ein. Mitte September 2010 schlossen wir die Studioarbeiten mit den Aufnahmen der Stimmen, mit dem Mix und dem Mastering ab. Die zeitliche Limitierung hat sich bewährt, würde ich sagen. Es verlangte uns zwar viel ab, uns in der knapp bemessenen Zeit Take für Take ins emotionale Epizentrum der Stücke hinein zu spielen, aber das große Finale Loslassen des Albums fiel uns dieses Mal auch leichter, da wir nach dem Studioaufenthalt das unbezahlbar gute Gefühl hatten, innerhalb der eingeplanten Zeitspanne alles für dieses Album gegeben zu haben. Die Zusammenarbeit mit Markus lief auf allen Ebenen fantastisch ab, was gewiss auch daran liegt, dass "Flammentriebe" bereits die fünfte gemeinsame Produktion war. Wir sind in den gut zehn Jahren unserer Zusammenarbeit gute Freunde geworden, die die Stärken und Schwächen des jeweils anderen bestens kennen und dieser Umstand wirkte sich sehr, sehr positiv auf die Aufnahmen aus. Die Kommunikation war großartig, wir waren bis zum letzten Produktionstag gemeinsam kreativ und mit viel Freude bei der Sache.

Pascal S.: Ich bin in meinem Review nicht genauer drauf eingegangen, weil ich mir durch die Texte einen Eindruck verschaffen konnte und eigentlich der Meinung bin, dass unsere Leser sich ebenfalls selbst ein Bild der Thematik verschaffen sollten. Ich möchte dich dennoch bitten, kurz und grob auf das Konzept um "Flammentriebe" einzugehen, bzw. wie du an die Texte "gelangt" bist.

Jochen: Im Zentrum der Texte steht die Entwicklung des Flammenmenschen der modernen westlichen Gesellschaft, der sein Modell (unhinterfragten) Lebensglückes in einem unaufhörlichen Streben nach Mehr - auf Kosten von Erde und Kreatur - zu verwirklichen sucht, hin zum naturintegrierten menschlichen Individuum, welches meiner Meinung nach das Potenzial in sich trägt, die Gesellschaft von innen heraus auf natürliche, integere Weise zu verändern. Da die Musik zu "Flammentriebe" Schreie ja regelrecht einforderte, war es mir ein besonderes Anliegen, das Album mit Inhalten zu verbinden, die all dieses "Schreien am Limit" auch wirklich legitimierten und die mich so zusätzlich dazu motivierten, alles, was in mir tobte, in meine Stimme zu feuern. Das ging so weit, dass wir die Aufnahmen der Stimmen für mehrere Tage unterbrechen mussten, weil meine Stimme zu strapaziert war ...

Pascal S.: Ihr wirkt rein musikalisch gesehen aufgeräumter als früher, der gewisse "Wahnsinn", der aus euren früheren Songs sprach, ist stellenweise gewichen, viel Gefühl und rohe Energie finden auf "Flammentriebe" ihr Ventil. Deine Stimme ist natürlich nach wie vor vom Wahnsinn getrieben, immer noch eigenständig, einzigartig. Wie siehst du deine/eure Entwicklung?

Jochen: Im Rahmen von "Flammentriebe" spiegelt meine Stimme lediglich den Wahnsinn unserer ausbeuterischen und überreizten Gesellschaft wider. Jedoch bin ich ja selbst ein Teil dieser Gesellschaft und bin in vielerlei Hinsicht selbst ein Flammenmensch, was meine extreme - mitunter verzweifelte und nah am Aus entlang gleißende - Stimme auf "Flammentriebe" mitbedingte. Generell denke ich, dass ich meine Stimme auf jedem Album so einsetzte, wie es die jeweiligen Stücke verlangten - mit einem Maß an Hingabe, das mich als Mensch nicht selten an meine Grenzen führte.

Pascal S.: Dein Vater ist erneut der Maler eures Artworks. Hierfür erst mal großes Lob. Bist du einfach nur überzeugt von seiner Kunst oder gibt es da einen noch tieferen Sinn?

Jochen: Ich bin ein Bewunderer seiner Arbeit und es ist großartig, wenn man sich während des Entstehungsprozesses eines Bildes bzw. Gemäldes immer wieder mit dem Maler austauschen kann, um das für die Albumintention stimmigste Ergebnis zu erzielen. Dafür ist die Vater-Sohn-Konstellation nicht die schlechteste Ausgangslage.

Pascal S.: Mir gefällt eure Interpretation des Black Metals. Ihr kommt sehr natürlich, "anders" und leidenschaftlich rüber, bastelt euch euren Sound und überzeugt damit Unmengen an Menschen auf Live-Konzerten und manchmal auch Festivals. Wie siehst du den Black Metal heutzutage, oder beschäftigst du dich damit nicht?

Jochen: Dass ich in den zwei Worten "Black Metal" eine Kunstform wahrnehme, die eine einzigartige Eindringlichkeit auszeichnen kann, die den Hörer mit seinem nackten Menschsein in Berührung zu bringen und ihn durch die mystische Weite der Musik mit dem Lebensganzen zu verbinden vermag, macht "Flammentriebe" sehr deutlich, meine ich. Tatsächlich habe ich im Augenblick kaum Einblick in die aktuelle Black-Metal-Szene.

Pascal S.: Das leidige Thema: Euer letztes Metal Album? Oder kannst du dazu noch nichts sagen? Ihr klingt auf "Flammentriebe" zumindest so, als wolltet ihr euch nochmal komplett in dieser Instrumentierung entfalten als gäbe es kein weiteres (Metal-)Album mehr. Eine Art Schlusspunkt quasi?

Jochen: Wir werden sehen. Im Moment ist es aber tatsächlich sehr wahrscheinlich, dass wir in Zukunft in erster Linie mit akustischen Instrumenten arbeiten werden. Es sind in den vergangenen Jahren jedenfalls zahlreiche weitere Stücke auf der Basis "Geige/Akustikgitarre" entstanden. Das heißt aber nicht, dass diese Stücke letztlich nicht doch wieder anders instrumentiert werden könnten, denn auch das Stück "Wandel geschehe" wurde ausschließlich mittels akustischer Gitarre komponiert, was man dem Stück im jetzigen Klanggewand allerdings ganz und gar nicht anhört.

Pascal S.: Habt ihr bei der Aufnahme irgendwie das Gefühl verspürt, oder sagen wir's anders... wolltet ihr wie auf euren Frühwerken klingen oder habt ihr einfach "drauf los" musiziert?

Jochen: Alle Stücke haben ihren Ursprung in meinem intuitiven Spiel der Gitarre. Es gab kein Kalkül, keinen Maßstab aus der eigenen Vergangenheit.

Pascal S.: Wir kommen langsam zum Ende! Ihr tourt im Februar mit Agrypnie, habt dabei zwei verschiedene Konzepte für die Konzerte. Wie versteht ihr euch mit Torsten und seinen Jungs und um welche Konzepte handelt es sich dabei?

Jochen: Wir haben uns ganz bewusst für Agrypnie entschieden, weil wir diese Band sehr schätzen. Als Menschen wirklich kennen lernen, werden wir uns zwar erst auf Tour, aber ich bin mir sicher, dass diese Konzertreise für alle Beteiligten unvergesslich werden wird. Diese Tour ist für uns etwas ganz Besonderes, da wir ja nicht nur unser neues Album "Flammentriebe" präsentieren, sondern auch das fünfzehnjährige Bestehen Dornenreichs feiern werden - und deswegen ist uns auch äußerst wichtig, beide Seiten Dornenreichs zu verbinden. Wir werden also jeden Abend sowohl ein akustisches als auch ein metallisches Set spielen - und dementsprechend lange auf der Bühne sein ...

Pascal S.: So, dann muss ich dir erst mal für die investierte Zeit danken und viel Erfolg wünschen, auch wenn sich dieser 100% sowieso einstellt. Famous last words, Eviga!

Jochen: Ich habe zu danken für die interessanten Fragen - und ich hoffe, dass wir euch alle da draußen schon in wenigen Tagen auf besagter Tour sehen werden

 
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