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Bericht:

08.09.2010

Wacken 2010 - X-tra large! (oder: Ein Wacken-Tagebuch)


BildMit einem sicheren Gefühl mache ich mich mit zwei Kumpanen auch dieses Jahr wieder auf Richtung Norden. Nachdem das Wacken-Sicherheitsteam groß verkündete, es würde nach der ganzen Loveparade-Tragödie sein Sicherheitskonzepts nochmal genauestens unter die Lupe nehmen, stelle ich mir die Frage, was sich denn wohl bei der 21. Ausgabe für uns ändern wird? Ist der Bereich vor den Bühnen mit Watte gepolstert? Werden die nietenbesetzten Besucher in Schutzfolien abgepuffert? Oder gibt es an den zahlreichen Essensständen "Vorpuster", damit sich auch ja niemand die dringend benötigte Zunge zum Bier-Schlucken verbrüht?
Oder mit anderen Worten: Was soll man bei einem jahrelang, reibungslos ablaufenden Festival, das mitten auf riesigen, ausgedehnten Feldern zuhause ist noch ändern, beziehungsweise verbessern?

Mittwoch, 4. August 2010 - Tag 1

Am frühen Mittwoch-Morgen rollen wir uns Schlaftrunken aus den Federn und setzen uns in unser, vor wenigen Stunden vollgepacktes Blechgefährt. Aus Solidarität zum Fahrer heißt es wach bleiben. Sollte die auf das Festival einstimmende Musik nicht ausreichen, schlummern im BildHandschuhfach zur Not auch noch vier flüssige Taurin-Koffein-Chemiekeulen. Doch jeden Kilometer den wir unserem Ziel über Hamburg näher kommen, ist besser als jedes Aufputschmittel.
Nach einem übersichtlichen Stau, geht's geschmiert wie Butter durch kleine Ortschaften bis in das kleine Dorf, dem jedes Jahr ein "leicht" erhöhter Geräuschpegel, gepaart mit einem rapiden Einwohnerwachstum wiederfährt: Wacken - Und das Ortsschild steht sogar noch... eingeschweißt, festgeschraubt und sicher in Stahl gerahmt. Die Schlange vor dem Presse Check-In ist erfreulich übersichtlich, voran gehen will es allerdings nicht. Kein Problem, dann werden eben direkt die ersten Kontakte mit anderen zum Warten verdammten geknüpft.

Nachdem das nagelneue Zelt nach einigen Anläufen tatsächlich steht, und sich unsere drei (vernehmbar) schwäbischen Nachbarn für die nette, amüsante Zirkusvorstellung bedanken (Ihr dreifach so hoher Pavillon, samt Leder-Sofa Marke "Extraweich" stand blamabler Weise schon in der Hälfte der Zeit), brechen wir auch schon auf zu ein paar Bekannten, die zufälligerweise heute ihren Grill anschmeißen wollen. Nach der langen Fahrt, lechzend nach etwas richtigem zwischen den Beißern, trollen wir uns über das (gigantomanische) Zeltgelände. Nach ewiger Rumfragerei ("Hey, wo geht's denn hier zu "D"?" ..."Moment hatte er nicht "E" gesagt?") und vergeblicher Suche nach den sonst so hilfreichen Straßenschildern (Wenn schon nicht das Ortsschild, dann wohl wenigstens die nett betitelten Wegweiser als Souvenir mit nach Hause nehmen, was?!), findet sich an ein paar Dixis ein geeigneter Treffpunkt. Naja. Wie man's nimmt. Die etlichen, über das Gelände verteilten "Stillen"-Örtchen sind schließlich keine Seltenheit, doch der Hinweis "bei dem blau-weiß gestreiften Pavillon neben dem Van" ist sicher noch weniger hilfreich.
Etwa 45 Minuten später stehen und sitzen wir schließlich mit dem wohlverdienten Gerstensaft in der Hand um den Grill. Doch wie heißt es so schön: Die Ruhe kommt vor dem Sturm und das ist in unserem Fall wörtlich zu nehmen. Die entspannte Runde findet ein jähes Ende, als von jetzt auf gleich ein Orkan - der Badewannen-Mengen Wasser vor sich herschiebt - aufzieht und so manches, gerade aufgestellte Zelt auf eine harte Probe stellt. Haben wir auch keinen Hering vergessen? Hoffentlich ist unser nicht gerade zierliches Zelt auch windschnittig genug... Die Windböen peitschen samt heftigem Regen so stark an den uns (noch) schützenden Pavillon, dass sich alle eine der Stangen greifen und dem Wind in den Planen versuchen entgegenzuwirken. Zum Glück ist das Unwetter, typisch für den Norden genauso schnell vorbei wie es aufgezogen ist - Ausnahmslos Nass geworden sind wir trotzdem alle.


Waschtag

Nach einem kurzen Nickerchen in unserem glücklicherweise noch unversehrt stehenden Zelt, sind wir für den ersten Abend gewappnet. Da Bandtechnisch, bis auf die Metal Battle Finalisten noch nicht viel zu hören und zu sehen ist, wird an diesem Abend natürlich erst mal ausgiebig der Biergarten eingeweiht.

Donnerstag, 5. August 2010 - Tag 2

Beim erwachen am Donnerstag-Morgen bleibt das erwartete Zelt-Sauna-Grauen glücklicherweise aus. Es ist Regen angekündigt und ausnahmsweise bin ich froh über die zahlreichen Wolken am Himmel. Trotzdem wird fürs richtige Wohlbefinden erst einmal die Dusche aufgesucht (wie auch noch jeden weiteren Festival-Tag. Man muss den Hygiene-Sünden-Klischees ja schließlich entgegenwirken), und ein Kaffee bei der netten Frühstücks-Stand Mutti abgeholt, die es schafft mit ihrer niedlich-fröhlichen Art, allen noch so verpennten und morgenmuffligen Metal-Campern ein Lächeln abzuringen.
Durch das späte aufstehen sind Mittag und Nachmittag schnell vorüber und kurz vor 6 lockt uns schon Mr. Cooper vor die True Metal Stage mit einem wie gewohnt theatralisch-morbiden Bühnenprogramm. Der Mann will partout nicht altern... außer vielleicht äußerlich. Doch die perfekt einstudierte Bühnenperformance meistert der Schocker-Opa mit Leichtigkeit. Vier Mal segnet er während seiner "Theatre of Death"-Show auf unterschiedlichste Weise das Zeitliche, sei es vergiftet mit einer überdimensionierten Spritze (natürlich während "Poison"), erhängt an einem Galgen, geköpft mir einer Guillotine oder aufgespießt. Mehr als doppelt so oft präsentiert sich der modebewusste 62-Jährige in den unterschiedlichsten Kostümierungen. Während "Dirty Diamonds" wird das Publikum mit Perlenketten beglückt und bei "Billion Dollar Babies" macht Alice Cooper einer Babypuppe stilecht mit einem Schwert den Gar aus, um kurz darauf den kleinen Plastik-Schädel auf der Spitze des Mordinstruments zur Schau zu stellen.


Ein (noch) leeres und grünes (!) Infield

Wie gewohnt liefert uns der Alt-Rocker Theater, Zirkus, Zaubershow und Konzert in einem, sodass Langeweile für die eineinhalb Stunden zu einem Fremdwort wird. Trotzdem ich zum Schluss begeistert die Bühne hinter mir lasse, ist ein Wermutstropfen, die von der uns umgebenden Natur verwehrten, passende Atmosphäre. Bei strahlendem Sonnenschein, wird den Mordszenen einfach die lustig-schockierende Faszination genommen.
Da mein Zeltkabinen-Nachbar mit Iron Maiden aufgewachsen ist, stellt sich gar nicht erst die Frage was die nächsten Stunden ansteht. Die Briten sollen um halb 10 auf gleicher Bühne folgen und die üppige Umbauphase wird für einen Happen an den Zahlreichen Imbissständen genutzt, die zu einer "kulinarischen" Weltreise einladen. Tatsächlich schaffen wir es, uns von deutschen Bratkartoffeln, über asiatische Gemüse-Nudeln und einem gut gefüllten Döner bis zu einer italienischen Pizza durchzuarbeiten. Ein bisschen träge stehen wir schließlich auf einer kleinen Anhöhe, um uns von hinten das Spektakel anzusehen. Auch wenn Iron Maiden als einer der Metalacts der Welt gefeiert wird, bleibt bei mir die scheinbar bei vielen vorhandene Faszination für die Band schon seit Beginn meiner (von meiner Mutter damals sogenannten) Metal-"Phase" aus. Und so kann ich schwer beurteilen ob die nicht mehr jüngsten, um Bruce Dickinson postierten Herren auch dieses Mal mit ihrer Live-Show die Alt- und Jung-Eingesessenen Fans überzeugen können. Mein Kollege zumindest klingt nach den zwei Stunden merklich enttäuscht und auch mir wird der Iron Maiden-Auftritt beim Wacken 2008 eher in Erinnerung bleiben als der in diesem Jahr.


Iron Maiden Ausblick

Doch eine Sache findet bei mir alljährlich großen Anklang, auch nach eher misslungenen Maiden-Konzerten: Das altbewährte beschallen der großen Fan-Meute mit einem Klassiker der Monty Python'schen Film-Historie: "Always look on the bright side of life" schafft es, alle eben noch mehr als lebhaften Gemüter in zufriedenen Einklang zu bringen, während der Menschenpulk in Gelassenheit, ohne drängen die Ausgänge in "Feierabend-Stimmung" ansteuert und begeistert den Refrain mit trällert. Für mich eindeutig ein größeres, wenn auch kürzeres Highlight als das vergangene Konzert.

Nach einem kurzen Besuch auf unserem Zeltplatz beschließen wir Tag 2 mit lauter Musik aus der Konserve gediegen auslaufen zu lassen, und machen uns mit unseren Nachbarn - die wir mittlerweile liebevoll unsere "Papas" nennen - auf zur Metal Hammer Party, auf der nicht nur die Partygäste unten im Zeltraum der W.E.T. Stage, sondern auch die gesamte Metal Hammer Redaktion auf der Bühne feucht-fröhlich abfeiert und die Mähne kreisen lässt. Der DJ trifft den Nerv der Hörer und die (sehr lange) Nacht besteht aus nichts weiter als gegenseitigem zuprosten und füreinander Feiern, von Bühne zu Partygästen und andersherum.
Um kurz vor fünf zwingen wir uns endlich die kurze "Heimreise" anzutreten. Die nächsten Tage werden schließlich noch anstrengend genug und für einen Alkoholpegel mit Zurechnungsfähigkeit kann auch niemand mehr garantieren.


Der Alkohol zeigt seine Wirkung

Freitag, 6. August 2010 - Tag 3

Der Schrecken, der mir nach der ersten Übernachtung zum Glück erspart blieb, holt mich am Freitag-Morgen auf seine brutalste und schweißtreibendste Art ein. Zwar hoffnungslos verschwitzt wache ich jedoch glücklicherweise ohne Kater im gefühlt 70 Grad heißen Zelt auf. Stattdessen reduziert sich mein Unwohlsein auf ein enorm übles Dörr-Obst Gefühl. Auch neben mir regen sich zwei, merklich nicht ganz fitte Gestalten. Eine mir den Worten: "Scheiße. Meine Isomatte steht mit mir auf..." was trotz der widrigen Umstände erst mal für allgemeine Erheiterung sorgt.
Während die anderen beiden aus dem Zelt robben um sich um 11 Uhr zu End Of Green zu "quälen", welche zu dieser inhumanen Zeit auf der Party Stage auftreten, gönne ich mir eine dringend nötige Dusche und ein kleines Frühstück.
Trotzdem ich die Ereignisse der vergangenen Nacht nicht so schwer in den Knochen merke, verbleibe ich bis zum Nachmittag doch lieber bei Wasser und Saft, um meinen Wasserhaushalt wieder aufzufüllen... nur um ihn am selben Abend gleich wieder zunichte zu machen.

Während uns um kurz nach 2 Ill Nino auf das Infield locken, läuft uns plötzlich eine Person über den Weg, die man sicher als letztes mit einem Metalfestival wie Wacken in Zusammenhang bringen würde, und wir sind auch nicht die einzigen, die erst mal verdutzt aus der Wäsche schauen. Wasserstoff-Blond gefärbte Haare über stechenden, stahlblauen Augen, die über die größtenteils schwarzgekleidete Masse schweifen, fallen einfach zu sehr auf, um die Anwesenheit eines H.P. Baxxter für längere Zeit unbemerkt zu lassen. Ja richtig gelesen. Der Sänger des deutschen Eurodance Exportschlagers Scooter schleicht über das Festivalgelände - diesmal jedoch ohne später auf der Bühne zu stehen (zum Glück). Der Mann ist tatsächlich nicht zum arbeiten da, sondern (so wie es scheint) zum reinen Vergnügen.
Weiter vor der Bühne fangen unsere Lauscher noch die letzten Töne von Orphaned Land ein.


"Jesus" Farhi - Orphaned Land

Band-Stimme Kobi Farhi läuft in einem seltsamen Jesus-Gewand über die Bühne und die länglichen, leicht zotteligen Haare und der Bart tun ihr übriges um die Illusion perfekt zu machen. Mit den musikalischen Leistungen der Israelis muss man sich dann doch länger befassen um während der letzten Songs zu einem Urteil zu kommen. Mein spontanes Fazit: Gewöhnungsbedürftig aber definitiv einen eingehenderen Hör-Versuch wert.
Kurz darauf melden sich die US. Metal-Latinos Ill Nino von der nebenstehenden Stage. Sänger Cristian scheint ein paar Pfunde zugelegt zu haben (ebenso wie der End Of Green Sänger wie mir berichtet wurde), aber das kann einem ganz egal sein, wenn die stimmlichen Leistungen die selbe, gute Qualität aufweisen, die Band trotz der bratenden Sonne energisch über die Bühne jagt und das Publikum zum Feiern bringt.
Kurz darauf ist mal wieder Besuchszeit. Es ist so gut wie unmöglich den Weg, auch beim vierten Mal ohne unnötige Umwege über die mit Menschen und Zelten vollgeladenen Kuhwiesen zu finden. Aber das ärgert nicht weiter, schließlich werden wir trefflich von fast allen, die uns über den Weg laufen unterhalten. Klassikern wie Flunkiball-Turnieren und Limbo-Parcouren begegnen wir permanent. Neu ist mir der "schick" geschmückte, überdimensionale "Mai"-baum, über den bis in die Baumkrone Klopapier und Absperrband gehängt sind, in dem aber auch Bierkästen und kaputte Campingstühle Platz gefunden haben. Die arme Sau die das Zeug wieder runterholen muss... .


Wackener "Mai"-Baum

Im Laufe des frühen Abends machen wir uns wieder auf den Weg Richtung Infield. Endstille bringen in den letzten Zügen die Saiten ihrer Gitarren zum Schwingen und geben ein eher belustigendes Bild ab, wie sie keifend, kunstblutüberströmt und im schwarz-weißen Leichenlook unter der vom Himmel lachenden Sonne auf den Bühnenbrettern stehen. Ein nächtlicher Slot wäre der Atmosphäre nun wirklich zuträglicher gewesen. Die Fans kümmert das jedoch glücklicherweise nur wenig. Vor allem die vorderen Reihen drehen ihre Mähne fröhlich in Richtung Schädel-Hirn-Trauma.

Nach einer kleinen Stärkung (für die wir wiedermal zu faul waren unseren eigenen Kocher anzuschmeißen - es duftet auf dem Gelände einfach viel zu gut) rufen uns um halb 9 Arch Enemy Richtung Bühne.
Auch wenn ich die Schweden mit der energischen Frontfrau schon mal live erleben durfte, beeindruckt es mich doch immer wieder, wie solche bösen, tiefen Growls aus einer so zierlichen Person wie Angela Gossow kommen können. Um ihrem, von Natur aus weiblichen, zarten Erscheinungsbild entgegen zu wirken, hat sich die Sängerin zwei dicke, schwarze Balken unter die Augen gemalt. Was den American Footballspielern und Armeen in Sonnenreichen gebieten als Blendschutz dient, entfaltet auch hier neben der rein optischen seine praktische Seite, denn die Sonne prallt trotz angebrochener Abendstunde noch ordentlich frontal auf die Bühne.
Die Hitze des Tages fordert ihren Tribut - allerdings nicht bei den Fans. Die zeigen noch kein bisschen Müdigkeit und schaufeln neben den zahlreichen Crowdsurfern auch ordentlich viel Staub vom ausgetrockneten Boden in die Luft. Nachdem Angela zur großen "Jumpaction" aufruft, kommt schließlich keiner mehr um eine Staublunge herum. Ein Großteil des Publikums verschwindet in dermaßen dichtem Dunst, dass die Nebelmaschinen einpacken können.


Arch Enemy und die wallenden Massen

Slayer sparen wir uns anschließend komplett. Beim letzten Mal, wurde ich über die gesamten Stunden das Gefühl nicht los, dass die Luft bei dem weltbekannten "Inbegriff des Bösen" raus ist. Außerdem zieht es die anderen zur Wackinger Stage, auf der in 30 Minuten Equilibrium aufspielen sollen.
Scheinbar hegt ein Großteil der Leute den selben Wunsch und der recht schmale Zu-Weg auf das Wacken Plaza ist augenblicklich verstopft, was zur Folge hat, dass ich meine Weg-Mitbestreiter komplett aus den Augen verliere. In der Situation fallen mir unweigerlich Worte wie "überarbeitetes Sicherheitskonzept" und "Loveparade" ein, mit dem feinen Unterschied dass sich die Menge eher einen Spaß aus ihrer Situation macht, als sich darüber aufzuregen, dass gerade etwas ordentlich schief läuft. Langsam und gedrängt, aber immer noch gelassen zieht der Pulk Richtung Bühne und ich muss nicht einmal anfangen zu Zählen, um zu wissen, dass diese Menschenmasse niemals auf den recht klein bemessenen Platz der Wackinger Stage passt. Da hat wohl jemand die Anziehungskraft und Beliebtheit einer Band wie Equilibrium unterschätzt. Auch andere sind sich der Tatsache bewusst dass sie gleich sicher nicht viel von der Show mitbekommen werden, wie ich durch enttäuschte und etwas missgelaunte Stimmen vernehme und ich mache mit meinen Freunden auch bloß noch einen Treffpunkt aus, um mich gleich wieder runter Richtung W.E.T. Stage zu verabschieden.
Dort soll um 22:40 Uhr die einzige Band spielen, auf die ich mich mit gespannter Neugierde schon im Voraus gefreut habe. Secrets Of The Moon sollen mir heute das erste Mal zeigen, was sie live auf dem Kasten haben und obwohl sich auch der Rückweg durch die hochströmenden Leute schwer gestaltet, komme ich genau pünktlich zu den ersten Tönen des Intros an.


Fanmeute im Nebel

Seltsamerweise irritiert mich das was ich höre. Das Intro kann unmöglich von dem Black Metal Quartett stammen. Oder doch? Spätestens als ein paar etwas betagtere, gut gelaunte Männer auf die Bühne hüpfen weiß ich, dass es sich bei den dreien ganz sicher nicht um die Niedersachsener Combo handelt, die laut meinem Plan (den ich einen Tag vor Abfahrt dem Internet entnommen habe) jetzt genau an dieser Stelle stehen müssten.
Glücklicherweise tauchen nach wenigen Minuten neben mir meine Freunde auf. Auch sie mussten den Versuch aufgeben von Equilibrium einen Blick zu erhaschen und haben sich schon frühzeitig wieder auf den Rückweg gemacht. Sichtlich deprimiert machen wir uns im Biergarten breit und versuchen herauszufinden welchen Slot Secrets Of The Moon denn neuerdings belegen sollen. Ein Blick auf die Wacken Mobile-Page zeigt, dass scheinbar auch die Veranstalter selbst nicht ganz auf dem neusten Stand der Dinge sind, denn auch hier werden nicht die aktuellen Spielzeiten angezeigt. Ein Bekannter ist dafür meine Rettung. Sein Plan zeigt die Änderung und damit wird klar, dass SOTM mit der britischen Heavy Metal Combo Raven getauscht haben. Bis 2:10 Uhr wird noch ordentlich Bier und Met gesüffelt, dann mache ich mich mit den anderen wieder gut gelaunt zur Bühne auf - worauf sich diesmal zum Glück Secrets Of The Moon postieren.
Und das Warten hat sich gelohnt! Wenngleich die Bühnenausstattung im Gegensatz zu den anderen Großen mehr als dürftig ist, schaffen die Osnabrücker eine vereinnahmende Atmosphäre jenseits von Special Effects und Feuerfontänen. Die Musik frisst sich regelreich in den Hörer hinein und lässt ihn die Umgebung ausblenden. Auch die körperliche Performance nehmen die drei Männer und die Frau soweit zurück, dass sie sich auf das schwingen der Mähne reduzieren und sich sonst der Düsternis ihrer Musik hingeben. Kontakt mit dem Publikum wird so gut wie gar nicht aufgenommen, was aber auch nicht im Geringsten stört, da sie schließlich keine Partylaune verbreiten, sondern schlicht und einfach ihre Musik präsentieren wollen - und mich persönlich hat diese Präsentation glatt überzeugt.


Die bunte Festival-Zeltstadt

Nachdem die letzten Töne verklungen sind und sich die Band mit Plek- und Drumstick-Würfen verabschiedet hat, trete ich aus dem Zelt, worauf hin sich mir eine Kulisse präsentiert wie sie anders als das gerade Gesehene gar nicht sein könnte.
Die Bühnenbauer haben gute Arbeit geleistet, denn ihr Bauwerk muss in diesen Minuten nicht gerade wenig aushalten. Vom Bühnenboden dürfte zumindest nicht mehr viel zu sehen sein. Ich erkenne Cantus Buranus welche ja auch nicht gerade wenige Mitglieder zählen, dazu gesellen sich Corvus Corax, die im "Duett" mit ihren Genre-Kollegen eine große Schau darbieten. Als ob das nicht ausreichen würde unterstützen darüber hinaus Chorsänger und ein ganzes Dudelsack-Geschwader die Geräuschkulisse, während im Vordergrund - gesäumt von ritterlichen Schwertkämpfern - Ingeborg Schöpf von Corvus Corax ihr Sopran-Talent unter Beweis stellt.
Das Finale wird durch gigantische Feuerfontänen eingeleitet, die einem auch noch hunderte Meter vor der Bühne entfernt fast die Augenbrauen wegsengen. Mich freuts, da es zu dieser späten (oder frühen) Stunde doch schon empfindlich kalt geworden ist. Schlafsack ich komme...

Samstag, 7. August 2010 - Tag 4

Während um 12 Uhr die ersten Töne von Ektomorf zu uns rüber schallen, genehmigen wir uns ein rustikales Kartoffelpüree-Chili-Räucherwürstchen Frühstück und statten unserer Frühstücksstand-Mutti einen Besuch ab um unserem Kreislauf mit einem heißen Becher Kaffee auf die Sprünge zu helfen.
Schon am Vortag beschlossen wir, bereits heute unsere Sachen zusammen zu packen, um uns am Abend auf die autofreien Schnellstraßen Richtung Heimat (Die, für die restlichen 361 Tage im Jahr) zu begeben. Während wir eher lustlos auf unser störrisches Zelt schielen, das sich schon beim Aufbau als sehr Launisch erwiesen hat, bereiten wir uns innerlich auf einen schweißtreibenden Tagesbeginn vor.
Eigentlich ist der Samstag ein weiterer, mit interessanten Bands gespickter Tag. Doch leider kollidieren unsere Abfahrt-Pläne mit der Running Order. Kein Soulfly, kein Fear Factory, kein Edguy... Doch was tut man nicht alles, damit der tapfere Fahrer nicht Gefahr läuft am Steuer einzunicken.


Einmal foltern bitte

Die ersten Schritte über das Festivalgelände lassen mir übles schwanen. Der furztrockene Boden hat sich nun endgültig zu einem festgestampften Staubfabrikator entwickelt. Und was über hunderttausend bestiefelte Füße damit anrichten, kann sich jeder ausmalen. Von dem ursprünglich begrasten und generell mit einer Note Kuhdung versehenen Untergrund ist außer ein paar mickrig aus der steinharten Erde lukenden, braunen Halmen nichts mehr zu sehen, und schon nach kurzer Zeit fühlt sich mein Atemorgan an, als hätte ich meinen Kopf in einen von potenziellen Windelträgern als Klo missbrauchten Sandkasten gesteckt und einmal tief inhaliert.
Aber was solls. Es gibt sowieso kein entrinnen, also wird erst einmal in Ruhe (hustend und röchelnd) der (unter einer braunen Staubschicht verschwundene) Metalmarkt abgegrast.
Nach 6 runtergestürzten kalten Colas (Bier wäre in diesen Mengen sicher nicht gerade dienlich) wird eine von etlichen weiteren Pausen eingelegt, die so ziemlich den gesamten Tag ausfüllen.

Ein letztes Mal quälen wir uns abends das Zeltgelände hoch, um unseren Bekannten Adios zu sagen und stopfen anschließend ein paar letzte Klamotten in die frei gebliebenen Winkel unseres Autos. Also der Motor angeworfen ist und wir langsam Richtung Straße rollen, denke ich - Schade. Jetzt ruft der Alltag wieder. Aber was solls, ein bisschen von Wacken nimmt jeder mit nach Haus - vor allem in diesem Jahr. Dann gebe ich resigniert den Versuch auf, durch husten die braune Erdschicht in meiner Lunge loszuwerden.


(Autor(en): Saskia Z.)
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Kommentare

24.09.2010 19:29 Uhr Sturmgeweihter
Ich habe es gelesen! Ein cooler Bericht, auf jeden Fall! Und tolle Bilder. Und Secrets of the Moon sind eh live eine geile Band. 2009 zweimal live gesehen und beide Male waren sie absolute Spitze!
 
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24.09.2010 10:58 Uhr AnimatismA
Wer hat denn schon lust sich den Haufen hier durchzulesen *g*
...Zumal Wacken von vielen ja eher zwiespältig gesehen wird.
 
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24.09.2010 07:06 Uhr Daemion
Richtig cooler Bericht! Schade das sich hier noch keiner dazu geäussert hat ...
 
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