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Bericht:

09.11.2009

Heavy Metal Islam


BildDas Letzte, was wir mit dem Nahen Osten verbinden, sind Bilder von 18-jährigen Marokkanern, die Black Sabbath und Cannibal Corpse verehren, junge Saudis mit Orphaned Land Tattoos auf den Armen oder Libanesen, die Bob Marley’s "Redemption Song" zitieren.
Doch genau das sind die - in unseren Augen Absurditäten, welche uns Mark LeVine nahebringen will.

LeVine ist Professor an der Universität von Kalifornien in Irvine. Er hat sich ausgiebig mit dem seltsamen Zusammenspiel von tiefem religiösen Glauben und der härtesten (und im Grunde genommen auch Gottlosesten) aller Musikrichtungen auseinander gesetzt. Dem Heavy Metal.
In seinem Buch "Heavy Metal Islam: Rock, Resistance, and the Struggle for the Soul of Islam" (Heavy Metal Islam: Rock, Widerstand, und der Kampf um die Seele des Islam) schildert er, wieso derart "brutale" Musik junge Muslime im Nahen Osten so magisch anzieht.

Mark LeVineIn einem Interview mit der IslamOnline.net Korrespondentin Yusra Tekbali erzählt er von seiner Überzeugung, dass das Interesse für elektrische Gitarren, zusammen mit den aufrührerischen, demonstrativen Texten, eine Rebellion gegen Zensur, Unterdrückung und autoritäre Regierungssysteme sei.
Aber wie so absolute Gegensätze wie Religion und Black Metal verbinden? Als LeVine einen jungen Musiker darauf ansprach, antwortete dieser, dass er jeden Freitag zum Juma-Gebet gehen und anschließend vier Stunden Black Metal spielen würde.
In unseren Breiten und vor allem in den Wiegenländern des Black Metal wie Skandinavien und den USA behandeln die Texte fast ausschließlich satanische, anti-religiöse und anti-christliche Themen. Im Nahen Osten dagegen findet man nur eine verschwindend geringe Anzahl an Bands, die auch die volle Ladung ursprünglichen Schwarz-Metalls durchzieht. Die Musikrichtung, der Sound, die Gitarren, die ArrangementsÂ… alles klingt nach Black Metal. Die Texte drehen sich allerdings um andere Themen. Und trotzdem prallt die Musikrichtung in muslimischen Ländern auf eine Mauer aus steinhartem Widerstand, bestehend aus Konservativen und Salafis, die aber sowieso grundsätzlich gegen jede Art von Musik sind, handelt es sich dabei nicht gerade um Koran Gesänge oder Ähnliches.

Eine Sternstunde feierte die Anti-Heavy-Metal-Bewegung im Jahr 1997, als die ägyptische Regierung hart gegen die Szene vorging um gewöhnliche religiöse Ägypter zu beschwichtigen. Die Metalheads waren für Staatspräsident Mubarak einfach eine bequeme Zielscheibe, da sie alles symbolisierten, was in Ägypten unerwünscht ist, wie z.B. Verwestlichung und Zionismus. In den Zeitungen wurden die Fans in Shirts mit gehörnten Davidsternen abgebildet, wie sie von vollbusigen Frauen verführt werden, nur um zu zeigen, "Seht! Wir, die Regierung achten auf den Schutz des Islam, wir werden nicht zulassen dass diese Ausländer unsere Religion zerstören."
Zum Glück war das einmal, denn in den über 10 Jahren hat sich einiges geändert und die Metalszene ist nicht weiter im Fadenkreuz der Politik, auch wenn die Gefahr noch nicht endgültig gebannt ist. Das Interesse, die persönliche Moral der Bürger zu kontrollieren, Heavy Metal Islamist verschwunden und auch die Muslimische Bruderschaft verwendet mehr Energie darauf, Verbündete gegen die Unterdrückung durch die Regierung zu finden, als sich darüber Gedanken zu machen, wer welche Musik spielt.
Nur die marokkanische PJD - die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung - die stärkste islamistische Oppositionspartei geht noch immer konstant gehen Heavy Metal vor.

Nichtsdestotrotz wächst die Metalszene des nahen Ostens stetig, aber nicht ohne gewaltige abstriche, denn je mehr sich die Musik in Richtung Mainstream bewegt, verliert sie mehr und mehr ihre politische Aussage.
Als der Metal in den späten 60ern und 70ern in England zum Leben erwachte, rechnete er mit liberaler Strukturanpassung, Jobverlusten und der Umstrukturierung der Wirtschaft ab, was zur Folge hatte, dass die Städte verarmten. Der perfekte Nährboden für diese ausgelassene Wut, die den Heavy Metal zu dem macht, was er heute (mit Ausnahmen) immer noch ist.

Als den wesentlichsten Unterschied beschreibt LeVine jedoch den Schlag Menschen, der die Musik zelebriert. Während es sich in Amerika oft um das Klischee Sex, Drugs und Groupies dreht, sind die Metalheads im nahen Osten oft kluge, studierte Köpfe, manche auch mit Doktortitel. "Denn wenn es dir finanziell gut geht, aber du in einer unterdrückten Gesellschaft lebst und keine Möglichkeiten hast, dich zu verwirklichen, wirken Härte, Kritik, und jähzornige Bilder sehr verführerisch auf Dich." so LeVine.

Das Cover zeigt eine junge Kuwaitisch-Amerikanische Frau im Iron Maiden T-Shirt. Auch mit der Auswahl dieses Bildes hat sich Mark LeVine etwas gedacht:

Heavy Metal Islam

"Eine Frau die ein Hijab trägt, wirkt oft bedrohlich auf manche Leute und dieses Kopftuch bedeutet eigentlich das komplette Gegenteil von dem, wofür wir stehen.
Wenn du dieses Mädchen mit Kopftuch auf einem Iron Maiden Konzert siehst, Headbangend, wie gehst du damit um? Ist sie wirklich so anders? Sie ist ein riesiger Metal-Fan. Okay, also ist sie vielleicht doch so wie wir.

Es ist ein Punkt in meinem letzten Buch 'Why They Don't Hate Us'. Nun, es gibt kein 'sie', und es gibt kein 'uns'. Viele Muslime können sich noch nicht mal untereinander leiden, genauso wie die Amerikaner, die sich infolge der sich gegenseitig hassenden Republikaner und Demokraten immer mehr aufspalten. Wir können die islamische Welt nicht verallgemeinern. Wir können nicht sagen, dass Islam dies oder jenes bedeutet, dafür weist er eine zu enorme Vielfalt auf."




Heavy Metal Islam: Rock, Resistance, and the Struggle for the Soul of Islam

Autor: Mark LeVine
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Three Rivers Press (8. Juli 2008)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0-307-35339- 7
ISBN-13: 978-0-307-35339-9 (Autor(en): Saskia Z.)
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