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Geschrieben: 21. Dezember. 2012CD Review

Swans

The Seer

Bewertung ( 10 von 10 ):

0123456789

Genre:

Post Punk

Spieldauer:

119:07

Label:

Vetrieb

Land

Fahne USA

Release

26.09.12

Link


SWANS, eine Band die es in den Jahrzehnten ihres Bestehens schaffte, sich immer wieder neu zu erfinden. Dabei erschuf man großartige Alben wie "Children Of God", "White Light from The Mouth Of Infinity" und experimentelle Soundkulissen wie "Soundtracks for the Blind" oder das finale Live Album "Swans are Dead", welche dem Hörer alles abverlangten. Nachdem man sich 2010 nach 13 Jahren der Abstinenz und etlichen Side Projects mit einem gigantischen Paukenschlag namens "My Faher Will Guide Me Up A Rope To The Sky" zurückmeldete, wusste niemand so wirklich wohin der Weg der Band noch führen wird. Nun, jetzt wissen wir es und "The Seer" macht es einem armen Schreiberling wirklich schwer seine Begeisterung in Worte zu Fassen.
Wie schreibt man also nun ein Review über kaum beschreibbare Musik, vor allem ohne dass man Gefahr läuft die eigene Faszination zu lapidar zu vermitteln?

Ein Ansatz der zum Scheitern verurteilt ist:

Ich denke, man wollte mit dem bereits erwähnten 2010′er Werk nur eine Art sanften und schnell greifbaren Einstieg in den Klangkosmos der Band kreieren um es Neueinsteigern leichter zu machen die Welt der Schwäne zu begreifen. Denn im Vergleich zum neuen Output wirkt es wie eine kleine Warm Up Runde oder viel eher wie ein kleiner Appetitanreger für das große Hauptgericht.

Bei der Spiellänge von 119 Minuten zieht man wohl automatisch Schlüsse zum "Soundtracks For The Blind" Album. Diese sind ehrlich gesagt gar nicht mal so abwegig. Zwar ist die musikalische Ausrichtung nicht unbedingt die Gleiche, doch erscheint "The Seer" mindestens genauso schwer durchdringbar. Da dieses neue Werk meine erste Berührung mit dieser Band, die ich vorher nur vom Namen her kannte, darstellt, kann man sich wahrscheinlich vorstellen, dass ich viel Zeit und Geduld benötigte um dieses Monster aus dicken, monoton anmutenden Klangwänden und experimentellen Einsprengseln zu durchsteigen. Irgendwo in den Tiefen, zwischen Post Punk, Noise Rock, Folk und Drone, hat man anno 2012 seinen Weg gefunden. Da kommt zwischen den 10- bis 30-minütigen, hypnotischen Soundkulissen eine auflockernde Nummer wie der "Song For A Warrior", wunderschön durch Karren O′s liebreizende Stimme getragen, gerade recht.

Mastermind Michael Gira meinte einmal, "The Seer" habe 30 Jahre gebraucht um zu entstehen. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass der gute Mann seit 30 Jahren an den Songs schreibt sondern viel eher, dass er ohne all diese Erfahrungen, die er in der Zeit mit den SWANS und in all seinen Nebenprojekten sammelte, wohl niemals die musikalische Reife erlangt hätte, um ein solches Album kreieren zu können.
Dies hört man auch zu jeder Zeit. Alle Töne sitzten an der richtigen Stelle, kein Stück ist trotz Überlange auch nur eine Sekunde zu lang geraten und Elemente aus all seinen Schaffensbereichen finden Einzug in den Gesamtsound dieses Mammutprojekts.

"Lunacy" eröffnet den Reigen und geleitet uns in eine Welt jenseits aller Vorstellungskraft. Der treibende Drumbeat und der beschwörende Chor der sich dazugesellt, versuchen uns zu hypnotisieren, und auch wenn man noch so sehr dagegen ankämpft ist jeglicher Widerstand zwecklos. Die SWANS und ihre Schar an Gastmusikern packen uns und weigern sich loszulassen.

"The Apostate", mit seinen 23 Minuten seines Zeichens das zweitlängste Stück des Albums, könnte nach seiner anfänglichen Soundkulisse zu urteilen auch von GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR stammen. Es vergehen vier volle Minuten bis man sich zu einem klar nachvollziehbaren Klangmuster hinreißen lässt. Langsam aber sicher verwebt sich ein Dickicht aus zusammengehörigen Tönen, welches in der sechsten Minute in einem eruptiven Ausbruch zerberstet. Erneut entsteht eine dichte Klangwand, doch was hier alles geschieht, lässt sich kaum in Worte fassen. Umhersurrende Gitarren, schnelles Snarespiel im Wechsel mit treibenden Rhythmen. Alles wirkt wie eine Hetzjagd durch unbekanntes, dunkles Terrain, welche in einem wahnsinnig anmutenden Finale mündet, das auch als selbständiger Song funktionieren würde.

Ähnlich surreal wie "The Apostate" endet, beginnt "A piece in the Sky". Wir hören ein prasselndes Lagerfeuer, welches von wehleidigen Chören in Kombination mit dichten Synthieflächen und den Hintergrundgesängen Jarboes - welche einst ebenfalls ein wichtiges Mitglied der Band war - übertönt wird. Diese nahezu droneartige Soundkollage, zu der sich auch noch vereinzelte Streicher und ein Vibraphone (eine Art Kombination aus Psylophon und Glockenspiel) gesellen, lässt uns die Erde unter unseren Füßen verlieren, bis wir nach ca. neun Minuten wieder auf den Boden der Tatsachen befördert werden. Dabei agieren die Schwäne dieses mal aber nicht einmal annähernd so destruktiv, wie auf den ersten beiden Stücken. Ja, von einer fast schon heimtückisch unbeschwerten und träumerischen Seite zeigt man sich hier.
Michael Giras erster, alleinstehender Gesangseinsatz schwelgt, ganz untypisch, in einer nahezu bittersüßen Melancholie. All der Schwermut vergangener Tage scheint vergessen. Natürlich zeigt sich in späteren Songs, wie zum Beispiel im grandiosen "Mother Of The World", dass dieser Eindruck durchaus zu täuschen vermag.

Wer sich wundert warum ich mit den letzten beiden Songs angefangen habe, dem sei gesagt, dass sich die Tracklist der 3 LP Version des Albums von der, der CD Version stark unterscheidet. Meiner Meinung nach wirkt es mit dieser flüssiger. Davon sollte sich aber jeder selbst ein Bild machen.

So wie begonnen könnte ich nun fortfahren und versuchen, diese komplexen, in sich geschlossen, tiefgründigen Werke alle einzeln auseinander zu klamüsern, doch stattdessen empfehle ich, sich selbst auf Erkundungstour zu begeben und die Welt des Sehers zu ergründen. Sich durch das noisige Grundgerüst von "93 Ave. B Blues" zu wühlen, dem Minimalismus des kurzen Intermezzos "The Daughter Brings The Water" hinzugeben und letzten Endes am Titelstück endgültig zu zerbrechen.

"The Seer" ist nicht nur ein vielschichtiges, tolles, neues Album einer alt eingesessenen Band. Es ist viel mehr das Lebenswerk eines Mannes, der nie den Mut dazu verlor, neue Wege zu beschreiten. Es ist ein gigantisches Kunstwerk neben welchen alles andere nur wie trivialer Pipifax wirkt. Es ist eine verzweifelte Liebeserklärung an die Musik selbst und ein ambitioniertes Denkmal, welches man eigens für sich erbaute.
Aus diesem Grund musste ich auch stark mit mir ringen ob es nicht eventuell zu trivial und plump wirkt, einem solchen Werk eine schnöde Wertung zwischen 1 und 10 Punkten zuzuordnen. Ehrlich gesagt glaube ich, dass die SWANS weit über allen Bewertungskriterien stehen, doch gebe ich meinem banalen Verlangen nach, nur, um möglichst viel Aufmerksamkeit damit zu erregen.
Diverse Offensichtlichkeiten wie "Man muss das Album am Stück hören damit es sein ganzes Potential entfalten kann", spare ich mir an dieser Stelle jetzt einfach mal.

Album des Jahres. (Autor: Kevin G.)
Fazit:
Michael Gira schafft mit seinen SWANS im hohen Alter eines der wohl wichtigsten Alben seiner Karriere, beweist eindrucksvoll, was in der Welt der Musik alles möglich ist und kreiert dabei die mit Abstand beste Platte, die dieses Jahr veröffentlicht wurde.
Wie gesagt: Zugang zu finden ist schwer, doch wenn man sich, nach etlichen Hörsessions, endlich in der melancholischen Anmut des Sehers verloren hat, ist es schwer sich wieder davon loszureißen.

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Cover

Trackliste


CD 1
1. Lunacy
2. Mother of the World
3. The Wolf
4. The Seer
5. The Seer Returns
6. 93 Ave. B Blues
7. The Daughter Brings the Water

CD 2
8. Song for a Warrior
9. Avatar
10. A Piece of the Sky
11. The Apostate

Künstler


Michael Gira - Vocals, Guitar, Harmonica
Kristof Hahn - Lap steel guitar
Thor Harris - Percussion, Chimes, Vibraphone, Piano, Carinet
William Rieflin - Piano, Organ, Synthesizer
Christopher Pravdica - Bass
Phil Puleo - percussion, Hammered Dulcimer
Norman Westberg - Guitar

Gastmusiker:
Karen O – Vocals in "Song for a Warrior"
Alan Sparhawk und Mimi Parker of Low - Background Vocals in "Lunacy"
Jarboe - Background Vocals in "The Seer Returns" und "A Piece of the Sky"
Seth Olinsky, Miles Seaton und Dana Janssen von Akron/Family – Background Vocals in "A Piece of the Sky"
Caleb Mulkerin und Colleen Kinsella von Big Blood - Accordion, Vocals, Dulcimer, Guitar, Piano
Sean Mackowiak (Grasshopper) - Mandolin, Clarinet
Ben Frost - Fire Sounds (Acoustic und Synthetic) in "A Piece of the Sky"
Iain Graham - Bagpipes in "The Seer"
Bruce Lamont - Horns in "The Seer"
Bob Rutman - Steel Cello in "The Seer"
Cassis Birgit Staudt - >ccordion
Eszter Balint - Violin
Jane Scarpantoni - Cello
Kevin McMahon - Recording, Processing und Mixing + zusätzliche Drums in "The Seer Returns" und "Avatar" + zusätzliche Guitars in "Song for a Warrior" und "Avatar"
Bryce Goggin - Piano in "Song for a Warrior"
Stefan Rocke - Bassoon in "The Seer"

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