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Geschrieben: 08. Mai. 2012CD Review

Storm Corrosion

Storm Corrosion

Bewertung ( 10 von 10 ):

0123456789

Genre:

Ambient

Spieldauer:

47:56

Label:

Vetrieb

Land

Fahne Keine Angabe

Release

04.05.2012

Link


Ich glaube kaum, dass man die beiden Herren hinter STORM CORROSION noch weiter vorstellen muss. Steven Wilson und Mikael Åkerfeldt haben sich in den letzten Jahren einen Namen in der alternativen Musikszene erarbeitet, den sonst fast keiner innehat. Nichtsdestotrotz wurden bei den letzten beiden Outputs der Herren, namentlich "Heritage" und "Grace For Drowning", auf welchen sie ihre Vorliebe für Progressive Rock auslebten, auch kritischere Stimmen immer lauter. Nun folgt "Storm Corrosion", die erste Kollaboration der beiden, welches das dritte Album im Bunde mit "Heritage" und "Grace For Drowning" darstellt. Klanglich erinnert auf "Storm Corrosion" jedoch fast nichts an diese beiden Alben.

Sanfte Streicher und eine folkige Akustikgitarre erwarten den Hörer am Anfang des schon vorab veröffentlichten "Drag Ropes". Es sind diese beiden Komponenten, welche das Album von Grund auf prägen. "Drag Ropes" entfernt sich recht bald von diesem recht friedlichen Part, nur um dann in einem schizophrenen Strudel aus Stimmengewirr und düsteren Orchesterwänden zu versinken, aus dem nur vereinzelte Lichtblicke entkommen. Die Streicher entführen den Hörer in ungeahnte Welten, während der omnipräsente folkloristische Touch der Scheibe eine krude, ja unnahbare Atmosphäre verleiht. Doch auch wenn Wilson und Åkerfeldt alle Zeichen auf Atmosphäre gestellt haben, so keimen die ganze Spielzeit hinweg immer wieder diese typischen, kleinen Melodiefetzen auf, die man nach dem ersten Hördurchgang sofort wiedererkennt. Immer wieder, vor allem in den düsteren Orchesterparts, schauen die Großmeister von KING CRIMSON ums Eck, während man sich in den folkigen Parts an obskure 70er Bands erinnert fühlt. "Drag Ropes" schafft es, diese beiden Welten zu vereinen und bietet dadurch einen zwar schweren, aber umso besseren Einstieg in "Storm Corrosion".

Darauf folgt der Titeltrack des Albums, der infolgedessen genauso heißt, wie die Band selbst. Sanfte, traurige Flöten begrüßen den Hörer, bevor wieder die wunderbare Akustikgitarre einsetzt. Der Song bleibt eine Weile so ruhig, bedächtig und auch traurig, klingt dabei ein bisschen wie PORCUPINE TREE auf Folk, bevor er dann zu einem weiterem KING CRIMSON-artigen Horrortrip wird, der den Hörer in einen Mahlstrom zieht, nur um das Ganze innerhalb von Sekunden zusammenbrechen zu lassen.
Man merkt, die Musik von STORM CORROSION zu beschreiben, das ist eine schwere Aufgabe. Wie bereits erwähnt, gucken KING CRIMSON mehr als einmal ums Eck. Eine andere Band, die dem ein oder anderen mit Sicherheit beim Hören von "Storm Corrosion" in den Sinn kommen wird, das sind die Post Rock Vorreiter von TALK TALK, die eine ähnliche Verbindung von klassischen Instrumenten und elegischem Rock schon viel früher angegangen sind. Man höre mal das Drumming in "Ljudet Innan", dann wird schnell klar, dass TALK TALK mit Sicherheit einen großen Einfluss auf STORM CORROSION verübt haben. Aber dennoch klingt das Album nicht wie KING CRIMSON oder TALK TALK, dafür ist der folkige Anteil zu groß, genauso wie die luftig-leichten Orchesterpassagen oder die stellenweise in den Vordergrund tretende Elektronik. Zudem kann man immer wieder klar die Handschrift der beiden Protagonisten erkennen. Insofern ist "Storm Corrosion" kein Sammelsurium für Bekanntes, sondern eine radikal neue Herangehensweise an den Terminus Progressive Rock oder auch Krautrock.

Was "Storm Corrosion" vielmehr prägt, das ist das Ungewohnte und die Atmosphäre. Ersteres weil man so etwas wie dieses Album, eine solch avantgardistische und dennoch konsequente Mischung von verschiedenen Stilen, auch in Verbindung mit dem oft präsenten Orchester, wohl noch nie gehört hat und weil das Album so viel Liebe zum Detail beinhaltet, dass man selbst nach unzähligen Durchläufen noch Nuancen im Sound entdeckt. Zudem gibt es auf "Storm Corrosion" immer wieder unerwartete und fast schon plötzliche Wendungen, die dem Album eine sehr eigenständige Dynamik verleihen. Zum Beispiel wenn die beiden in "Hag" für eine kurze Minute fast wieder OPETH-artigen Metal spielen, nur um sich kurz darauf wieder an schweren Klavierakkorden und flirrenden Flöten zu laben. Oder wenn "Happy" nahezu erstillt, nur um dann eine kurz Akustikgitarrenmelodie wie zu "Blackwater Park" Zeiten, sprich "Harvest", erklingen zu lassen. Wiederum andere Songs bauen in Sekundenschnelle eine "Wall Of Sound" auf und lassen diese genauso schnell wieder zerfallen. "Storm Corrosion" ist voll solcher Schönheiten, die zwar ungewohnt scheinen, aber genau deswegen unglaublich spannend und intensiv daherkommen.
Zweitens wäre da die Atmosphäre. Diese ist auch sehr eigen, da sie einerseits sehr düster und traurig ist, andererseits von einer Unaufgeregtheit geprägt ist, wie man sie allerhöchstens von "Damnation" her kennt. Dies wird besonders durch das mäandrierende Orchester hervorgerufen, das sich nicht von Höhepunkt zu Höhepunkt hangelt, sondern sich diese langsam und stetig erarbeitet und dabei den Hörer zu jeder Zeit mitzureißen weiß. Während den knapp 50 Minuten von "Storm Corrosion" versinkt man als Hörer in eine krude, obskure Parallelwelt, die von einer umwerfenden und überwältigenden Trauer geprägt ist, die einen jedoch gleichzeitig nicht mehr loslässt.

Der Gesang ist eine weitere Komponente auf "Storm Corrosion", welche die Atmosphäre beeinflusst. Obwohl der Gesang zwischen den beiden aufgeteilt ist, schaffen es Wilson und Åkerfeldt, dass keine Heterogenität aufkommt, sondern dass die beiden (teilweise ungewohnt schwermütigen) Stimmen sich perfekt ergänzen. Zudem gibt es mit "Lock Owl" noch ein klangmalerisches Instrumentalstück, das sich perfekt vor dem gigantischen Rauswerfer "Ljudet Innan", einer von zwei Zehnminütern auf "Storm Corrosion", einreiht. (Autor: Tizian C.)
Fazit:
"Storm Corrosion" ist ein klangmalerisches, aufregendes, höchst innovatives Meisterwerk geworden, das sich nur schwer auf Vergleiche reduzieren lässt. Das wunderbare Zusammenspiel zwischen Gesang, Orchester und Folk erzeugt eine tieftraurige, aber dennoch mitreißende Atmosphäre. Das Album ist mit Sicherheit nichts für jedermann, dafür überschreiten Wilson und Akerfeldt klar zu viele Grenzen. Wer sich aber mit dem Album anfreunden kann, der darf sich über ein avantgardistisches, ehrliches, atmosphärisches und künstlerisch wertvolles Meisterwerk freuen. Mit dieser Klangreise haben sich Wilson und Åkerfeldt eindeutig selbst übertroffen und sich ein weiteres Denkmal gesetzt.

Kommentare

09.05.2012 21:32 Uhr Norrøn
Mir schlafen bei dem Album die Füße ein, aber wie Animatisma schon sagte: Die Argumentation ist nachvollziehbar!
 
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09.05.2012 18:58 Uhr Undertow
Ja, ist wirklich ein bisschen lang geworden, passt aber auch zum Album irgendwie ;-)

Ich kann gleichzeitig aber auch gut nachvollziehen, dass man mit der Platte nicht warm wird ;-)
 
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08.05.2012 11:29 Uhr AnimatismA
Kürzer hätte man das nicht schreiben können ^^
Ich kann mich bis dato noch nicht so sehr mit dem Album anfreunden, kann aber deine Aussagen komplett nachvollziehen.
 
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Cover

Trackliste


1. Drag Ropes
2. Storm Corrosion
3. Hag
4. Happy
5. Lock Howl
6. Ljudet Innan

Künstler


Mikael Åkerfeldt
Steven Wilson

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