Metal.tm - Musik Community, Portal & Magazin

Geschrieben: 21. Juni. 2016Live Review

Haken - AffiniTour v1.0

Gebäude 9, Köln am 18.06.2016
Bild

Als wir uns zum Gebäude 9 zu Fuß über die Zoobrücke aufmachten, meinte es das Wetter wohl gut damit, uns vor dem heißen Konzert noch eine nasse Abkühlung zu verpassen. Ich entschuldigte mich bei der Garderobiere als ich ihr die triefnasse Jacke und Schirm entgegenhielt, doch diese zuckte nur mit den Schultern und hängte den wasserschweren Bügel an die bereits volle Kleiderstange zwischen die nicht minder tropfenden Jacken der übrigen Konzertgesellschaft.

Dieser Abend soll ganz im Stern des Progressive Metal stehen. Die norwegischen Combos ARKENTYPE und RENDEZVOUS POINT (beide aus Kristiansand) werden den engländern HAKEN des letzten Abend ihrer AffiniTour v.1.0 bereiten, und das vor ausverkaufter Halle. Ganz zum Leidwesen einiger Fans die im Vorfeld keine Tickets mehr ergattern konnten und ihr spontanes Glück noch vor der Halle versuchen. Schon während ARKENTYPE spielen werde ich das Gefühl nicht los, dass die Halle eigentlich nicht für so viele Leute ausgelegt ist. Die Anzahl mag kein Problem bei Teenie-Konzerten sein, aber bei ausgewachsenen Frauen- und Mannsbildern aller Altersgruppen, die sich nicht kreischend und Sardinenmäßig in den ersten Reihen drängen wollen, sieht das ganz anders aus. Doch lange hält uns der Opener ohnehin nicht in der Halle. Zum einen schlagen mich die Core-Einflüsse im Gesang in die Flucht, zum anderen scheint der Bassist seine Kontaktlinsen verloren zu haben und sucht diese nun permanent mit dem Kopf rumeiernd knapp über dem Boden. So was lenkt mich ab und wirft in mir tiefgründige Fragen auf wie: „Warum?“ Und da auch die Frage „Warum habe ich kein Bier“ in mir aufkeimt, entschließen wir uns stattdessen der Bar unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Um fair zu sein: Viele Leute bleiben und hören den Gig in voller Länge. Die Qualität stimmte, deckte nur meinen Geschmack nicht.

Ganz anders RENDEZVOUS POINT. Progressive Metal at it's best. Die Jungs aus Kristiansand sind zuteilen sogar progressiver und komplexer als der Hauptact des Abends und Sänger Geirmund Hansen hat gesanglich was auf dem Kasten … meine Herren - und Damen! Wir kannten die Band im Vorfeld nicht, hörten nur einen Song im Netz. Das reichte um das Album noch vor Gig-Beginn zu kaufen, und das ohne Reue im Anschluss wie wir zufrieden feststellen durften. „Schau mal, die haben sich das Album schon gekauft!“ sagte eine Besucherin neben uns zu ihrem Freund zwischen zwei Songs. RENDEZVOUS POINT haben sich an diesem Abend (und an sicher jedem Anderen der Tour) viele neue Fans gemacht (Das hier ist ein nachdrücklicher Tipp an alle sich schleunigst – nicht nur – den Song „Wasteland“ reinzuziehen).

HAKEN starteten natürlich ihren letzten Konzert-Gig (Festivalauftritte folgen noch) ganz im Namen des Tourtitels bzw. ihres neuen Albums „Affinity“. Das Opener-Instrumental „affinity.exe“ und das folgende „Initiate“ eröffnen ein fehlerfreies, launiges, erstklassiges Konzert mit einer Band die augenscheinlich einfach Bock hat. Wir hoffen insgeheim trotzdem auf ein reichhaltiges Buffet auch aus alten Song-Beständen der Band, und schon mit „Falling Back to Earth“ vom grandiosen 2013er Output „The Mountain“ werden unsere Wünsche erhört. Danach geht’s aber wieder in die Zukunft, oder besser gesagt Vergangenheit. Zu „1985“ trägt Sänger Ross Jennings stilecht eine Retro-Gitterbrille. Neonfarben leuchtend selbstverständlich. Während langer Instrumentalpassagen verlässt dieser hin und wieder die Bühne, doch in kürzeren Parts versteht er es vorzüglich die Aufmerksamkeit durch ausladende, atmosphärische Gesten auf die jeweilig agierenden Musiker zu lenken und mit ihnen zu interagieren. „Pareidolia“, einer meiner (vielen) Favoriten, wird von der gesamten Halle frenetisch gefeiert und als „Cockroach King“ auf dem Fuß folgt ist jede Zurückhaltung gebrochen. Auch, weil der Song öfter mal Mitgehen im Takt erlaubt. Komplexe Rhythmenwechsel sind vermehrt wieder im neuen Song „The Architect“ zuhause – auch wenn der Refrain sich trotzdem böse ins Ohr zu winden weiß. Anschließend darf Keyboarder Richard Henshall sich mit einem Solo austoben. Umso schöner, wenn eine Band von der Bass-Saite bis zum Drum-Fell Können bis zum letzten Musiker vereint!

Ross bedankt sich im Namen aller Bands und Mitglieder für eine geniale Tour und einen furiosen Abschsluss ehe es mit „Deathless“ beschaulich und träumend in die vermeintlichen letzten Züge des Konzerts gehen soll. Alle Spots on Ross, welcher nun mit seiner gefühlvollen Stimme jede Kneipenschlägerei in eine stille Gedenkversammlung verwandeln könnte. "On immortality I will overdose. All this you can read in my suicide notes". In den instrumentalen Parts gräbt sich der ruhige aber bestimmte Rhythmus in jede Faser des unweigerlich mitwippenden Körpers, bis die Energie steigt und der Song schließlich leise mit den letzten leisen Worten und Keyboardklängen verstummt. Die Stille weilt nicht lange ehe die Halle in Jubel ausbricht. Die Energie fangen HAKEN nach der Verabschiedung mit dem „Affinity“-Song „The Endless Knot“ auf. Treibend, melodisch, elektrisch, episch. Was für eine abgefahrene Mischung. Optisches Highlight: Beide Vorbands kommen bis auf die Unterhose entkleidet (RENDEZVOUS POINT Bassistin Gunn-Hilde Erstad darf noch ein Bandeau-Top ergänzen) im Dubstep-Part feiernd auf die Bühne gehüpft.

Natürlich sind alle zuversichtlich, dass es mindestens noch eine Zugabe geben wird (ich persönlich hätte ja nichts gegen das 22 Minütige „Visions“ gehabt). Diese wird nur nach wenigen Sekunden leerer Bühne mit „Crystallised“ eingelöst. Der zuerst sphärisch beginnende Song weiß schließlich auch mit gehöriger Epik zu punkten und dem Konzert einen furiosen Abschluss zu verschaffen. (Autor: Saskia Z.)
Fazit:
Rund 22 wohlinvestierte Euros für musikalischen Genuss hoch 10. HAKEN (und für uns nun auch RENDEZVOUS POINT) wurden auf unsere Liste unverzichtbarer Live-Bands hinzugefügt.

Kommentare

Diese Kommentare im Forum anzeigen.    
Gastkommentar schreiben
Gastkommentare werden nach Prüfung freigeschaltet.
 

Location

Gebäude 9
Deutz-Mülheimer Str. 127-129
51063 Köln

Bands


Haken
Rendezvous Point
Arkentype

Fotos






Review verlinken


Review-URL

Review-Code (HTML)

Review-Code (BBCODE)

Short-URL

Bookmark and Share Subscribe

Facebook-Kommentar

Anzeige

 
 Besucher heute: 203    
(metal.tm beta v0.874)