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Geschrieben: 23. Dezember. 2011Live Review

Channel Zero - In The City Tour

Rockhal - Esch sur Alzette (Luxemburg) am 06.12.2011


Die Rockhal in Esch sur Alzette hat es mal wieder geschafft: Ein echter Topact wurde im Rahmen einer dick gefüllten bis ausverkauften Tour ins kleine Luxemburg geholt, um dort vor einer spektakulär leeren Halle Humor und Improvisationstalent unter Beweis zu stellen.
Seit Jahren wundere ich mich über die Vielzahl von Verfehlungen, mit denen die Betreiber der eigentlich so wunderbaren Halle hartnäckig die Besucher fernhalten. So fehlt es in der Grenzstadt Trier meist an sichtbarer Werbung, so dass es auch dem ehrgeizigen Konzertbesucher gelingt, Künstler wie MACHINE HEAD oder NICK CAVE schlicht zu verpassen. Dabei sind es von Trier gerade mal rund 65km in das kleine Kaff, das sich hinter Orten mit so malerischen Namen wie Foetz-Botterbrill versteckt (Zum Vergleich: Das alternativ anzusteuernde Saarbrücken liegt bereits rund 95km entfernt.). Wer dennoch rechtzeitig im Ticketshop seines Vertrauens angefragt hat, was man diesen Monat verpassen könnte, wird feststellen, dass eine Anfahrt mit dem ÖPNV nahezu unmöglich ist und Autofahrer definitiv ein Navi mit Luxemburger Karte dabei haben sollten, denn die lückenhafte Beschilderung findet sich erst, nachdem man sich am Ortsende von Alzette radikal verfahren hat.
Schade, denn die Rockhal hat immer wieder viel zu bieten, vor Allem einen grandiosen Sound. Die Saalgröße ist durch Trennwände variabel, die eingesetzte Technik bleibt aber auch auf Konzerten mit wenigen Besuchern auf hohem Niveau.

BildEin Plus, dessen sich auch die Besucher des CHANNEL ZERO-Gigs am 06.12.2011 erfreuen durften. Der Benelux-Klassiker demonstrierte, dass es für fetten Sound und ordentlich Druck auf der Bühne keine Altersobergrenze gibt. Und für eine anständige Party keine Mindestteilnehmerzahl. Denn die auf halbe Größe reduzierte Rockhal war nur zu einem guten Drittel gefüllt, als die drei Belgier und der frische US-Gitarrenzuwachs Mikey Doling (Ex-SNOT) die Bühne stürmten.

Vorher erwartete die Anwesenden jedoch noch ein weiteres Schmankerl: Die Luxemburger Thrasher SCARLET ANGER schafften es mühelos und verdient das kleine aber feine Publikum für sich zu gewinnen. Sofern das überhaupt erforderlich war, denn es war offenkundig, dass der überwiegende Teil der Anwesenden ohnehin längst zur Fangemeinde zählte. Das Quintett aus Luxemburg steht kurz vor der Veröffentlichung des ersten Studioalbums und fuhr druckvoll und gut gelaunt eine dynamische Soundwand auf. Sympathisch finde ich immer wieder, dass SCARLET ANGER es anders als viele Genremitstreiter nicht für nötig halten, sich durch affige Kostümchen und Klischeefrisuren zu inszenieren. Stattdessen wirken die Jungs eher wie freundliche Finanzberater der nächstbesten Luxemburger Hochglanzbank. Und sind es vermutlich auch, was ihnen die Ruhe gibt, schnörkellos und unprätentiös ihren eigenen Sound zu präsentieren, der sich - wieder im Gegensatz zur Arbeit vieler Genrekollegen - so schnell nicht platt hört. Wer sich davon überzeugen möchte, dem sei die MySpace-Seite der Thrasher ans Herz gelegt.


Scarlet Anger

CHANNEL ZERO beglückten das Publikum schließlich mit einem angenehmen Mix sowohl vom neuen Album "Feed ′em with a Brick", als auch aus guten alten Zeiten. Vor Allem letzteres traf den Nerv, denn im Publikum wurde ordentlich mitgegröhlt und getanzt. Platz genug war ja. Dass die Mehrheit der Fans mit den Hits aus vergangenen Tagen etwas anzufangen wusste, ist durchaus nicht selbstverständlich. CZ hatten sich 1997 aufgelöst, das letzte Studioalbum vor "Bricks" ist 14 Jahre alt. Bei einem Blick in die Runde wurde jedoch klar: Viele der Anwesenden gaben sich nicht zum ersten Mal mit den belgischen Altstars live die Ehre. Lange habe ich mich auf keinem Konzert so jung gefühlt. Von Seniorenabend kann jedoch kaum die Rede sein. Auch die Band hätte mit 20 Jahren weniger auf dem Buckel nicht mehr Energie auf die Bretter packen können. Den ultimativen Beweis dafür lieferte Sänger Franky DSVD (De Smet Van Damme, oh ja!), der die geringe Zuschauerdichte mit offensivem Humor nahm: Bild
Bereits nach den ersten 4 bis 5 Songs forderte er das Publikum auf, auf die Bühne kommen, wurde aber schüchtern ignoriert. Schließlich zerrte er zwei junge Herren auf die Bretter und das Eis war gebrochen. Für "Help" und "Black Fuel" hatte er erfolgreich nahezu alle Zuschauer auf die Bühne befördert und rannte selbst zwischen den noch unten Verbliebenen auf der Tanzfläche umher, während Frauenschwarm Mikey Doling sich von kurz bekleideten Damen durch die Mähne kraulen ließ und von Bassist Tino de Martini kaum noch etwas zu sehen war.
Wen CHANNEL ZERO nicht schon mit ihrem dynamischen Auf-die-Fresse-Sound gewonnen hatten, den zogen sie schließlich mit dieser Fan-freundlichen Geste auf ihre Seite. Dass eine alteingesessene Band, die von den Fans auf Facebook zu einer Reunion zusammen gebettelt wurde und eine anderswo fast komplett ausverkaufte Tour spielt, einer leeren Halle mit so viel Spielfreude und Lust auf Party begegnet, kann nur der Beweis sein: Hier präsentierte sich eine echte Live-Band. Kudos an alle, die an diesem Abend an Foetz-Botterbrill vorbei den fehlenden und versteckten Schildern zum Trotz den Weg in die Rockhal gefunden hatten. Allen Saarländern, Grenzgängern, Eifelanern und Treverern sei nochmal gesagt: Lasst die Rockhal nicht aus den Augen. So manches Live-Wunder findet sich in intimer Runde mitten in Luxemburg.

Nicht zu verachten, mit einem herzlichen Dankeschön an den Fotografen Schluck, der uns für diesen Artikel seine Bilder von www.heavymetal.lu zur Verfügung stellte. (Autor: Saskia T.)
Fazit:

Kommentare

26.12.2011 08:32 Uhr Raumwunder
Hi Saskia, die Halle in Luxemburg wird bewusst so versteckt gehalten. Ein Insider aus dem Umfeld des Managements hat mir mal nach ein paar Bier erzählt, dass die Konzerte dort vom reichen Luxemburger Staat sehr hoch subventioniert werden. Jeder Besucher dort kostet das kleine Fürstentum 7,75€!!! Da wollen die keine Parasiten von der anderen Seite haben, die keine Steuern in Lux zahlen. So einfach ist das. Deshalb keine werbung in Trier oder sonst in der Eifel....
 
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Location

Rockhal
5, avenue du Rock'n'Roll
L4361 -

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Scarlet Anger

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