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Geschrieben: 10. Juni. 2012CD Review

Ahab

The Giant

Bewertung ( 9 von 10 ):

0123456780

Genre:

Funeral Doom Metal

Spieldauer:

60:59

Label:

Vetrieb

Land

Fahne Deutschland

Release

25.05.2012

Link


Nachdem sie sich drei lange Jahre an Land ausgeruht und sich auf ihre nächste Seefahrt vorbereitet haben, sind die deutschen Tiefsee-Doomer von AHAB im Mai diesen Jahres wieder in See gestochen. Unter dem vielsagenden Banner "The Giant" machten sich die vier Süddeutschen auf um die weiten Meere des Metal mit ihrem Nautic Doom Metal unsicher zu machen.
"Nautic Doom Metal? Da fehlt doch was?", mag sich der geneigte Leser denken. Richtig. Der Zusatz "Funeral" ist aus der Beschreibung der Band für ihre Musik entfallen. Und das völlig zurecht.
AHAB gehen auf ihrem neuen Output den Weg weiter, der sich bereits auf "The Divinity of the Oceans" (2009) angedeutet hatte und letztendlich Gewissheit in den vorab veröffentlichten Trailern fand. Ähnlich wie Kolumbus haben die Jungs keine Scheu davor, Grenzen zu überschreiten und neues Land zu erkunden.
So finden auf "The Giant" post-rockige und psychedelische Elemente ebenso Platz wie der vermehrt eingesetzte Klargesang von Sänger Droste. Das Wechselspiel zwischen lauten, wuchtigen und leisen, fast schon träumerischen Passagen wurde intensiviert, die Spannungsbögen innerhalb der Song variabler und vielseitiger gestaltet.

Wer AHAB kennt, der weiß, dass das Quartett gerne eine wahre Begebenheit (wie im Falle von "The Divinity of the Oceans") oder eine fiktive Geschichte ("The Call of the Wretched Sea", 2006) als Aufhänger für ein neues Album nimmt. Die nautische Grundthematik gehört dabei ebenso zu den Markenzeichen der Band wie eine ausgereifte Umsetzung der Vorlage.
Im Falle von "The Giant" bekommt der Hörer es mit Arthur Gordon Pym zu tun. Dieser ist die Hauptfigur im einzigen Roman von Edgar Allan Poe ("The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket").
Wie bereits bei den Vorgänger ist Hintergrundwissen für das Album nicht zwingend erforderlich, doch verleiht es der Scheibe mehr Ausdruckskraft. Insbesondere ein Stück wie "Aeons Elapse" transportiert den Wahnsinn und die Verzweiflung Pyms intensiver, wenn man die Umstände kennt (lest das Buch!).

Als ich zu seiner Zeit den ersten Trailer des Albums hörte, war ich skeptisch, ob der Spagat zwischen den post-rockigen Anleihen und den wuchtigen Funeral Doom Ausbrüchen wirklich funktionieren würde. Ich bin ja seit jeher kein Freund von Post-Rock, muss mittlerweile aber sagen, dass wir es hier mit dem zweiten Doom-Album nach (ECHO)'s "Devoid of Illusions" zu tun haben, wo mir das Wechselspiel außerordentlich gut gefällt.
"Further South" setzt hier als Opener direkt erste Duftmarken. Der Track beginnt ruhig, leicht jazzig angehaucht und wiegt den Hörer in einen träumerischen Zustand, umspült den Geist wie sanfte Wellen den Bug des Schiffes, weshalb die am Horizont aufziehenden dunklen Wolken gar nicht wahrgenommen werden. Drostes Klargesang fügt sich in diese Stimmung passgenau ein und findet zurecht häufigeren Einsatz auf "The Giant".
Über die Growls muss nicht geredet werden, denn die sind seit jeher einfach nur mächtig. So intonieren selbige zusammen mit sich wuchtig aufbauenden Gitarrenwände den Sturm, der einen plötzlich aus der träumerischen Stimmung reisst und Mark und Bein erschüttert.

Solche Wechsel finden sich häufiger wieder, was nicht nur die Spannung der Scheibe steigert, sondern auch die atmosphärische Dichte. Seien es der plötzliche Schrei in "Aeons Elapse" oder die greifbare Verzweiflung im Titeltrack, in Sachen Gesang und Songwriting waren AHAB noch nie so variabel und mitreißend wie auf ihrem neuen Werk.
Besonders hervorzuheben ist hierbei der Song "Antarctica, The Polymorphess". Hier wird Droste (ebenso wie im Titeltrack) von Herbrand Larsen (ENSLAVED) am Mikro unterstützt. Hätte man sich zu Zeiten von "The Call..." nicht vorstellen können, dass so eine markante, gefühlvolle Stimme wie die von Larsen zu seinem AHAB-Album passen könnte, muss man jetzt sagen: Es passt. Und wie!

Auch instrumental kann man dem Quartett keinen Vorwurf machen. Begünstigt durch eine wuchtige, wieder etwas surrealere Produktion als noch zu Zeiten von "The Divinity...", kommen die Lautstärkenwechsel ebenso zur Geltung wie die einzelnen Instrumente. Dabei sind es nicht nur die beiden Gitarren von Droste und Hector, die hier den Ton angeben, sondern auch Bassist Wandernoth und Drummer Althammer dürfen insbesondere in den ruhigeren Passagen zeigen, dass sie ihre Instrumente beherrschen.
Hier liegt jedoch auch mein einziger, kleinerer Kritikpunkt. Die leiseren Stellen sind teilweise doch etwas in die Länge gezogen (bspw. der Beginn von "Further South") und hätten hier und da gerne ein klein wenig kompakter und mehr auf den Punkt sein dürfen.

"The Giant" hat – wenn man von oben genanntem Kritikpunkt absieht - dennoch all das, was ein Top-Album braucht. Und doch handelt es sich beim neuen Output der Deutschen um ein zweischneidiges Schwert. Was die Jungs hier bieten ist oberste Kategorie. Sofern man sich mit der Stilerweiterung bzw. Grenzüberschreitung der Band anfreunden kann.
AHAB spielen keinen Funeral Doom mehr, wollen sie auch nicht, wie die bandeigene Genrebezeichnung schon verrät. Wer also ein zweites "The Call..." oder eine Funeral Doom Fortführung von "The Divinity..." erwartet hat, wird mit "The Giant" Probleme bekommen. Auch Feinde von ausschweifendem Klargesang und Post-Rock-Anleihen werden mit dem neuen Album nicht glücklich werden. Der Doom-Anteil wurde doch merklich zurückgeschraubt, auch wenn man es nach wie vor mit einem Doom-Album zu tun hat.
"The Giant" erfordert eine gewisse Aufgeschlossenheit für Experimente und Stiländerungen, ebenso wie ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Hört man die Scheibe nur nebenher, geht viel von der Stimmung verloren.

Wer jetzt skeptisch geworden ist, sollte nochmal ein Ohr in die Studiotrailer investieren. Gefallen diese nicht, sollte man eher die Finger vom Gesamtwerk lassen. (Autor: Malte H.)
Fazit:
Neu, anders, stark. AHAB haben mit "The Giant" neue Meere erschlossen und segeln nun irgendwo zwischen Funeral Doom und Doom Metal mit Post-Rock-Anleihen, ohne Angst vor psychedelischen Ausschweifungen zu haben.
Klingt gewöhnungsbedürftig? Ist es für Fans der vorherigen Alben auch, insbesondere, wenn man ein zweites "The Call..." erwartet hat. An "The Giant" werden sich die Geister wohl scheiden.
Ich für meinen Teil bin von der neuen Scheibe der Tiefsee-Doomer begeistert. Der neue Output ist frisch, spannend, abwechslungsreich und bietet ein intensives Hörerlebnis, wenn man sich auf die musikalische Ausrichtung einlässt. Insbesondere der Gesang wurde erheblich verbessert und der Gastbeitrag von Herbrand Larsen ist erste Sahne.
Einen kleinen Punktabzug gibt es in der B-Note, da die ruhigen Passagen hier und da doch etwas langatmig geraten sind. Ansonsten ein Pflichtkauf für alle aufgeschlossenen Doomster.

Kommentare

11.06.2012 10:29 Uhr Lazarus
Bis auf die Tatsache, dass ich hier überhaupt keine Post Rock Anleihen raushören kann (psychedelic trifts da schon eher), stimme ich dem Review komplett zu. Absolut großartige Scheibe und bisher mein Album des Jahres. Ich finde es ehrlich gesagt auch verflucht eingängig, vor allem im Vergleich mit den Vorgängern. "The Divinity of Oceans" wird aber wohl immer mein Fav. bleiben.
 
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Cover

Trackliste


1. Further South
2. Aeons Elapse
3. Deliverance (Shouting at the Dead)
4. Antarctica the Polymorphess
5. Fathoms Deep Below
6. The Giant

Künstler


Cornelius Althammer - Drums
Chris Hector - Guitar
Daniel Droste - Vocals, Guitar, Keyboard
Stephan Wandernoth - Bass

Gastmusiker:
Herbrand Larsen - (additional) Vocals (Track 4 und 6)

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