Geschrieben: 08. Juli. 2012CD Review
Chaosweaver
Enter the Realm of the Doppelgänger
Bewertung ( 7 von 10 ):
Genre:
Industrial / Sympho Black Metal
Spieldauer:
48:51
Label:
Vetrieb
Land

Finnland
Release
29.06.2012
Link
CHAOSWEAVER ist ein Phänomen, das nur aus Finnland stammen kann. Wenn man in den USA auf die Idee kommt, Bandmember mit Kostümen und Pseudonymen auszustatten, erhält man Gruppierungen wie SLIPKNOT oder MUSHROOMHEAD. In den skandinavischen Ländern sieht das etwas anders aus: Irgendwo zwischen melodischem Black Metal und Industrial lässt sich das Debütalbum CHAOSWEAVERs von 2008 verzeichnen. So abstrus die Verkleidungen auch scheinen, umso mehr spürte man als Hörer damals wie passend die Musik zu diesem Image war. Doch seitdem sind zwei Gitarristen und der Keyboarder abhanden gekommen und auch die Unterstützung der markanten Gastvokalisten ist nicht mehr gegeben.
Auf "Enter the Realm of the Doppelgänger" präsentieren sich die vier Skandinavier jetzt also komprimiert und werden von Bandkopf Max angeführt, der sich jetzt vermehrt für die Kompositionen verantwortlich zeigt. Zwar wird bemerkbar, dass er durch den fehlenden Input der ehemaligen Gitarristen einiges wieder am Synthesizer wett machen muss, doch mit einem Frontmann wie dem dauermaskierten Cypher Commander ist zumindest an dieser Stelle für Qualität gesorgt. Fans dürften ihn unter seinem wirklichen Namen Juha Harju als Sänger bei SHADE EMPIRE kennen. Bei CHAOSWEAVER erfüllt er seine Rolle als wahnwitziger Marionettenspieler der Unterwelt grandios und verleiht der Musik dadurch einen irren Unterton. Schon auf dem Erstling posierte er auf dem Cover und wurde damit das Aushängeschild der Band. Diesmal ziert jedoch ein Werk von Tiamat-Sänger Johann Edlund persönlich das neue Albumcover, das trotz der hellen Farben die durchgedrehte Ader von "Enter the Realm of the Doppelgänger" treffend einfängt.
Der Opener ist ein Instrumentalstück das nahtlos daran anknüpfen soll, wo "Puppetmaster of Pandemonium" aufhörte. Doch gleich danach prescht man auf "Wings of Chaos" mit einem ungewöhnlich rasanten Tempo davon und man hört die von mir bereits erwähnten Verlagerungen im Sound. So überlässt man die Leads nicht mehr den Riffs sondern den zahlreichen elektronischen Effekten, die mal die Form von Streichern, Bläsern oder Chören annehmen.
Da der gute Cypher Commander sich jetzt mehreren, sich oft abwechselnden Melodien, anpassen muss, erscheinen seine Vocals an vielen Stellen leider gehetzt. Auf dem Vorgänger gab er noch den Ton an und hatte aufgrund des übersichtlichen Lead-Riffings und sporadischen Synth-Untermalungen viel mehr Spielraum seine ganze Palette an Screams und Growls darzubieten. Erst durch das Fehlen der Gastsänger merkt man nun auch, wie sehr seine Stimme den Sound geprägt hat. Jetzt ziehen die neuen orchestralen Anteile die ganze Aufmerksamkeit auf sich. So sehr, dass Napalm Records CHAOSWEAVER schon unter dem Label "Cinematic Extreme Metal" vermarktet. Ganz abwegig ist die Bezeichnung aber nicht, da man durch den neuen Sound aus der Reihe tanzt und das Quartett dabei genauso weit davon entfernt ist Black Metal zu sein, wie Metalcore oder Folk.
Mastermind Max Power versucht jedoch die Not zur Tugend zu machen und tobt sich an den Keyboards so richtig aus. Dabei schafft er es das Release trotz der vielen neuen Elemente noch nach CHAOSWEAVER klingen zu lassen, aber tritt dabei zwangsläufig in einige Fettnäpfchen. Die Musik lebte früher von der finsteren Atmosphäre, die auf dem neuen Output oft mit elektronischen Schnörkeleien oder irritierenden Uptempo-Attacken torpediert wird. Auf "Maelstrom of Black Light" ist wiederum der sterile Ablauf das Manko und bildet einen Tiefpunkt auf dem ansonsten soliden Album. Und wenn einem bei dem Track "Repulsion" nicht sofort das Wort "Filler" in den Kopf schießen würde, hätte es sich vor dem Stempel der Enttäuschung auf dem hinteren Teil der Platte verstecken können.
Doch "Enter the Realm of the Doppelgänger" sollte man trotz dieser Ausfälle nicht als Rückschritt sehen. Es wird zwar ein Schritt zurückgegangen, weg vom kalten maschinellen Geklimper, doch gleichzeitig ein Schritt nach vorn in eine neue Richtung. Diese ist nicht so einfach zu verzeichnen, da jetzt auch viel mehr Abwechslung vorhanden ist. Stücke wie "Wings of Chaos" oder das atmosphärische "Infected" erinnern zwar noch rudimentär an alte Zeiten, während "A Requiem for a Lost Universe" Spuren von Doom aufweist und "Crystal Blue" mit zurückgeschraubten Synths und stampfenden Hardrock-Riffs daherkommt. Auch beim Songwriting hat man es sich nicht leicht gemacht und hat gleich zwei (für Bandverhältnisse) Überlänge-Kandidaten am Start, die sich durch ihre progressive Entwicklung angenehm von den eingängigeren Songs der letzten Platte abheben.
Trotz dieses ganzen Wirrwarrs an neuen Ideen, schafft es Cypher Commander mit seinem unglaublich anpassungsfähigen Stimmorgan alles unter (s)einen Hut zu bringen. Selbst während Intros und sonstigen Übergängen sind seine Vocals stets gefragt. So erlebt man ihn als keuchenden Untoten, flüsternden Erzähler oder als lachenden Irren und sorgt dabei stets für eine theatralische Stimmung. Er ist jedoch sehr auf die Spannung und den Aufbau der Musik angewiesen, denn bei schwächeren Abschnitten gehen seine Vocals entweder im Keyboard-Geschwall unter oder hecheln den teils unnötigen Klimper-Orgien hinterher. Auf dem letzten Song gibt er nochmal alles und stellt sogar seine klaren Vocals zur Schau, die sich erstaunlich gut in einer der zahllosen Gothic Metal-Bands aus Finnland machen würden.
Den krönenden Abschluss in Form des namensgebenden Instrumentals gibt es komischerweise nicht in jeder Albumversion und so übernimmt diese Rolle das Highlight des Albums "Ragnarök Sunset", was sogar mit einer weiblichen Sängerin auftrumpfen kann. Wie bereits auf "Puppetmaster of Pandemonium" schließt man somit das Höllentor mit dem auffälligsten Lied und beendet eine Extravaganza mit Höhen und Tiefen.
(Autor: Daud B.)