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 Interview mit Timothy Pope von The Amenta
 
  Das Interview führte: Markus Z. am 24.10.2008






Markus Z.: Grüß dich! Zuerst einmal Glückwunsch zu eurem neuen Werk "n0n", es ist eine wirklich beeindruckende Interpretation darüber, wie im extremen Metal neue Wege möglich sind. Und gerade weil das Album weit von den Standards entfernt ist, die man so kennt, zuerst einmal die Frage: Wie sehen die Reaktionen für "n0n" bislang aus?

Timothy Pope: Sehr unterschiedlich. Wie wir erwartet haben, sind viele Leute nicht bereit für das Album. Viele Leute erwarteten ein komplettes Remake des ersten Albums, obwohl ich verdammt noch mal immer diesbezüglich gewarnt habe. Ein paar Leute verstehen es nicht und können nicht nachvollziehen was wir tun. Andere Leute wiederum verstehen, wie weit wir gegangen und bereit dazu sind, unserem künstlerischen Wachstum zu folgen. Es ist noch zu früh um wirklich alle bisherigen Reviews zu analysieren, zudem die meisten davon bislang nicht in Englisch sind, so dass ich nur kleine Mengen an Infos aus Internet-Übersetzungen zusammentragen kann. Aber bis jetzt sieht es überwiegend positiv aus.
Es ist ermutigend wenn die Leute erkennen, wie anders das Album ist, verglichen mit anderen Dingen da draußen. Ein paar Reviewer vergleichen uns mit anderen Bands, doch ich merke, dass sie das Ziel verfehlen. Wir sind keine typische Metalband. Die Leute hören die schnellen Drums, geschrieene Vocals und heruntergestimmte Gitarren und beginnen dann, uns mit Death Metal Bands zu vergleichen. Aber wenn man dann die klanglichen Details erkennt, wie zum Beispiel die Effekte, die Klangmanipulationen und die Tatsache, dass die Gitarren oftmals eher strukturell statt Riff-basierend sind, dann erkennt man auch, dass wir einzigartig sind.


Markus Z.: Kannst du uns kurz für all die, die bislang noch nichts über The Amenta wissen, eine kurze Zusammenfassung eurer bisherigen Geschichte geben?

Timothy Pope: Angefangen haben wir 2000. Unsere erste Veröffentlichung war 2002 die MCD "Mictlan", kurz danach wurden wir von Listenable Records gesignt und haben dann im Jahr 2004 unser Debut-Album "Occasus" veröffentlicht. "Occasus" wurde im Jahr 2007 mit der MCD und einer DVD mit Noise-basierenden Songs und Videos erneut herausgebracht.
An der Livefront haben wir mit Bands wie The Berzerker, Behemoth und Akercocke in Australien getourt. Wir sind eine Band, die sehr engagiert darin ist, uns selber und das Publikum herauszufordern. Wir werden niemals stagnieren. Wenn wir das Gefühl haben, dass wir auf der Stelle zu stehen scheinen, werden wir aufhören. Wir sind das Gegengift für die ganze Flut an mittelprächtiger Musik, die zur Zeit existiert.


Markus Z.: Kommen wir auf das neue Album zu sprechen. Wie seid ihr auf die Idee für diese massiven Klanglayouts gekommen, die erstaunlich gut im Kontext mit Metal funktionieren? War es eine natürliche Entwicklung oder strikt geplant, da ihr eine spezifische Vorstellung darüber hattet?

Timothy Pope: Ich denke, dass das Album so klingt, wie es das tut, liegt daran, dass unser gesamtes Equipment während einer Show in Brisbane gestohlen wurde, kurz bevor wir begannen das Album zu schreiben. Wir waren gezwungen, uns neue Wege erarbeiten zu müssen um Musik zu erschaffen, da uns nicht mehr die Techniken, die wir noch bei "Occasus" benutzten, zur Verfügung standen. Ich denke, das war Glück im Unglück. Es ist immer eine gute Sache, seine Welt mal etwas umgekrempelt zu haben.
Wir haben haben angefangen die Songs mit Elektronik und Noise aufzubauen, denn das war alles womit wir arbeiten konnten. Eventuell haben wir unsere eigene Sprache erschaffen, wo andere Bands Skalen und Akkorde benutzen würden um melodische Musik zu machen, nutzten wir Klangfarben, um Bewegung zu kreieren.
Es war definitiv ein Prozess, der Schritt für Schritt ablief. Unsere besondere Vision war es, etwas Anderes als "Occasus" zu erschaffen, doch anfänglich hatten wir gar keine Idee, wie wir dies angehen sollten. Es hat eine Weile gedauert bis wir auf dem richtigen Weg waren. Als es daran ging die Songs aufzubauen, haben wir solange neue Schichten hinzugefügt, bis wir gespürt haben, dass der jeweilige Part genau das tut was er sollte. So sind manche Abschnitte voller Details, die dem Ganzen ein beklemmendes Feeling geben, dem gegenüber stehen andere Teile, die absichtlich "skelettartig" belassen wurden.


Markus Z.: Ich habe gehört, dass ihr technisch gesehen das Maximale aus dem, was in heutigen Studios möglich ist herausgeholt und pro Song mehr als 100 Spuren aufgenommen habt. Dazu kommen sieben Studios in drei verschiedenen Ländern und nicht zu vergessen eine Menge Gastmusiker... Für mich klingt das nach gewaltigem Aufwand.

Timothy Pope: Es war verdammt hart. Wir waren nicht sicher, ob es so auch klappen wird, wir hatten eine Menge Harware-Probleme und es war verdammt stressig. Unser Album konnte in der Gesamtheit nur auf Pro Tools HD (Ein professionelles Recording-Programm. - Anm. d. Verfassers) wiedergegeben werden aber wir haben das Meiste in Logic Pro (Auch ein Recording-Programm. -Anm d. Verfassers) aufgenommen, welches nicht annähernd mit genügend Spuren umgehen konnte, dafür aber seine Vorteile mit eigenen Synthsounds und Effekten hatte.
Wir hatten vier Sessions laufen, eine für Vocals, eine für Gitarren und den Bass, eine für Keys und Samples und eine Weitere für Drums. Als es an den Mix ging mussten wir alles zusammenfügen. Wir hatten so einige Probleme damit, aber am Ende haben wir es dennoch geschafft. Es hat definitiv die Freundschaft mit unserem Engineer Lachlan Mitchell gut belastet.


Markus Z.: Zu schade, dass mir keine Texte vorliegen, aber wenn ich mir das Album anhöre, einen Blick auf das Artwork und Songtitel wie "Junky", "Vermin", "Dirt" oder "Cancer" werfe, erscheint mir "n0n" als Konzept, welches das wahre, hässliche Gesicht der Welt, in der wir leben, wiederspiegelt. Kannst du dem zustimmen oder ist die Absicht dahinter eine andere?

Timothy Pope: So ziemlich genau das ist es, kurz gesagt. Es war auch das vorherrschende Thema von "Occasus". Aber natürlich wird das Alles etwas komplexer, wenn man sich in die Sache vertieft. Das Album handelt von verschiedenen Aspekten dieses Themas und wird auf eine andere Weise angegangen. Grundsätzlich ist die übergeordnete Idee, dass einfache Menschen auf eine Art und Weise denken, die wir "Binär" nennen. Das heisst, sie sehen nur zwei Antworten auf Dinge, so wie richtig/falsch, schwarz/weiss, ja/nein oder an/aus.
Unsere Idee ist es, dass eine entwickelte Person, die ihre Intelligenz benutzt, noch andere Optionen sehen wird. Der eindeutigste Beweis dafür, das ist auch der, der häufig in den Lyrics auftaucht, ist die Politik. In Australien haben wir ein Zwei-Parteien-System. Die Leute wählen entweder Links oder Rechts. Jedenfalls denkt keiner darüber nach, für wen oder was sie eigentlich ihre Stimme abgeben. Keiner dieser beiden Parteien ist es möglich, jeden in seiner Gesamtheit zu repräsentieren. Jeder stimmt irgendwo nicht dem Parteiprogramm völlig überein. Diese Unterschiede sind es aber, welche die Leute menschlich machen. Ein Song wie "Slave" handelt von dieser politischen Seite der binären Krankheit.

Essentiell glaube ich, dass die Gesellschaft auf menschlicher Dummheit und, vor allem, Faulheit aufgebaut ist.
Andere Songs, wie "Junky" handeln von der gesellschaftlichen Abhängigkeit von den Medien, und der Tendenz der Medien, den menschlichen Gedanken zu binären Prinzipien zu reduzieren.


Markus Z.: Wie schafft ihr es, "n0n" Songs live mit all diesen Extrasounds und all den Schwierigkeiten, die in manchen Locations gegeben sind, darzubringen?

Timothy Pope: Das ist schwierig. Ich triggere alle Samples und Effekte mit Keyboards und Pads, daneben braucht es eine große Computerleistung um diese ganzen Samples bereitzuhalten. Wir haben gerade erst angefangen, uns mit der Live-Seite des Albums zu befassen, daher arbeiten wir immer noch daran, aber bislang klingt es exzellent.
Es ist alles viel detaillierter als das "Occasus"-Material, deshalb macht es auch mehr Spass es zu spielen. Es gibt mehr perkussiven Noise als schöne Synths, deshalb wird es live auch aggressiver ausfallen.


Markus Z.: Wenn wir uns die heutige Szene extremer Musik, Metal im Speziellen, anschauen, so findet man nicht viel Innovation, jeder scheint nur auf den bestehenden Klischees herumzukauen. Wie denkst du darüber? Meinst du, dass Innovation immer notwendig ist? Und wo ist das Limit der Innovation, wenn es überhaupt eines gibt?

Timothy Pope: Natürlich ist Innovation notwendig. Die Masse an Bands da draussen, die immer wieder den selben, müden Bullshit durchkauen, macht mich verdammt noch mal krank. Ich verstehe nicht, warum man Musik machen sollte, wenn man nichts neues erschafft. Wenn du keine Grenzen pushen willst, dann solltest du dich besser darauf beschränken, Luftgitarre zu "Transylvanian Hunger" in deinem Schlafzimmer zu spielen. Die Welt braucht deine Musik nicht.
Innovation ist notwendig, damit die Musik interessant bleibt. Ich denke ich stehe nicht alleine da wenn ich sage, dass ich so langsam aber sicher das Interesse am "Metal" verliere, da nichts passiert. Ich hasse verdammt noch mal Power Metal, Melodic Death Metal und Necro-Kinderzimmer Black Metal, einfach weil fast jede Band diesen Stil zu spielen scheint. Ich weigere mich, für diese Scheisse Geld auszugeben und werde meine Festplatte nicht mit einem illegalen Download beschmutzen.
Es gibt kein Limit in Sachen Innvoation, nur ein Limit in Sachen Vorstellungskraft. Es gibt immer Richtungen, in die Musik gehen kann, aber manchmal erreichen die Leute das Ende ihrer Vorstellung, wohin die Musik gehen kann. Du siehst das an den Bands die etwas Innovatives geschaffen haben aber sie erreichen das Ende der Leine und fangen an, die Musik wiederzukäuen. Es ist traurig, aber es ist in Jedem. Selbst uns werden irgendwann die Ideen ausgehen. Der Unterschied ist, dass wir aufhören werden, bevor wir uns selbst wiederholen. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als meinen Namen unter ein halbgares, unoriginelles Album zu setzen.


Markus Z.: Ich kenne nicht sehr viele Bands aus Australien, aber diese Wenigen haben alle ihren eigenen Stil. Was denkst du, woran das liegt?

Timothy Pope:: Wir sind einfach von Allem so weit entfernt. Natürlich hat das Internet die Welt kleiner gemacht, aber wir sind immer noch frei von diesem kommerziellen Druck, in einer bestimmten Art und Weise klingen zu müssen. Die Bands haben die Zeit, etwas Neues zu kreieren und es gibt keinerlei Druck von aussen, seinen Sound zu ändern, denn hier kann man keinen Ausverkauf betreiben wenn man dies möchte. Niemand kauft etwas. Trotzdem haben wir schon unsere Anzahl an Bands, die exakt nach Europäischen Bands klingen und nichts Neues bieten. Aber von diesen Bands wirst du niemals etwas hören, denn sie können einem Europäischen Markt, der mit ihrer Art von Musik übersättigt ist, nichts anbieten können. Es ist quasi, als würde man Eis zu den Eskimos bringen.


Markus Z.: Kommen wir mal generell auf Australien zu sprechen. In Europa prägt uns das Bild eines heissen, staubigen Landes in dem unzählige hochgiftige Tiere leben und wo die Städte endlos weit auseinander liegen. Wie prägt das Alltagsleben die konzeptionellen Visionen für The Amenta?

Timothy Pope: Das Leben hier beeinflusst unsere Musik in keiner Weise. Ein paar Teile Australiens sind genau so wie du es beschreibst, aber Sidney, wo wir leben, ist eine große Stadt. Das Leben in Sidney ist nicht so verschieden vom Leben in anderen Städten der Welt. Wir haben eine angemessene Dichte an Bevölkerung, Verkehr, Drogen, Kriminalität etc. Da ist heutzutage wenig unterschiedliche Kultur in der Welt, da sind wir nicht anders.
Von der Stadt sind wir inspiriert, aber nur in dem Sinn, dass sie uns zeigt wie Scheisse Menschen sein können. Da sind so viele Menschen um uns herum, so kann man alle Aspekte menschlicher Verfehlungen sehen. Ich glaube, dass keiner in der Band jemals in einem Wüstenbereich Australiens war, aber warum sollten wir auch dahin? Dieser Bereich Australiens hat mit The Amenta nichts zu tun.


Markus Z.: Was sind eure Zukunftspläne? Vielleicht exzessives Touring, oder ein weiterer Videoclip wie jener Geniale zu "Erebus"? Was können wir von der Musik The Amenta in Zukunft erwarten?

Timothy Pope: Wir werden definitiv bald auf Tour gehen. Wir sind dabei, eine Europatour auf die Beine zu stellen, wir daher sollten Anfang nächsten Jahres drüben sein. Wir werden auch wieder einen Filmclip machen, Ende diesen bis spätestens Anfang nächsten Jahres. Wir haben bereits begonnen, mit einer Produktionsfirma zusammenzuarbeiten, die ein paar großartige Ideen hat mit denen wir arbeiten werden, um etwas Besonderes auf die Beine zu stellen.
Wir werden bald auch wieder mit dem Songwriting anfangen. Es wird etwas dauern, die Ausrichtung für das nächste Album zu finden, aber wir haben schon ein paar Ideen.


Markus Z.: Vielen Dank, dass du uns deine Zeit geopfert hast und die besten Wünsche für "n0n". Die üblichen letzten Worte gehen an dich.

Timothy Pope: Ich danke dir vielmals für das Interview. Checkt "n0n" einmal an, es sollte jetzt erhältlich sein. Es ist ein Album für Leute die open-minded sind, und nicht für Schafe. Hört es euch in Ruhe an.
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