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Interview mit Eis

Interview mit Eis

Interviews sind immer so eine Sache für sich. Manchmal enden sie in einem einzigen, öden Frage- und Antwort-Spiel und beim anderen Mal entwickelt sich ein ausschweifendes Gespräch über viele verschiedene Themen. So geschehen beim hiesigen Interview mit Alboin, Sänger, Bassist und Songwriter der deutschen Black Metal Band EIS, der sich viel Zeit nahm, um sich Fragen zu naheliegenden Themen wie dem neusten Album "Wetterkreuz" (zum Review), aber auch Abschweifungen in Richtung Black Metal Szene und der Rolle des Internets zu stellen und in aller Ausführlichkeit zu beantworten.

Malte H.: Zuerst nochmal Glückwunsch zur Veröffentlichung von "Wetterkreuz". Bei uns konntet ihr 9/10 Punkte abstauben und auch sonst sind die Reaktionen auf das Album bis jetzt mehr als überschwänglich ausgefallen. Ich glaube, ich las bisher von den ganzen Reviews erst eines, das man als negativ bezeichnen kann.
Bist du nach all den Strapazen der letzten Jahre erleichtert, dass eure Arbeit so sehr von den Medien honoriert wird? Oder ist dir das eher nicht so wichtig, was geschrieben wird?

Alboin: Auch nochmal Dankeschön für Dein sehr positives Review, das uns sehr gefreut hat. Tatsächlich sind die Reaktionen bis jetzt sehr sehr positiv ausgefallen. Machen wir mal keinen Hehl daraus - über Lob freut sich jeder, und Musiker sicher ganz besonders. Das ist sicher nicht unser Hauptantrieb, aber es bestätigt uns natürlich darin, dass das, worin wir so viel Energie und Herzblut stecken, offenbar auch wahrgenommen wird. Natürlich wollen und können wir nicht jedem gefallen - wir reden auch immerhin über Black Metal! -, und deshalb ist es auch wichtig, dass nicht nur positive Presse- und Hörerreaktionen uns erreichen. Wir wollen uns ja auch bewusst abgrenzen von gewissen Stilen, Strömungen und Einstellungen, da bleibt das nicht aus.

Malte H.: Die Abgrenzung von besagten Stilen und Einstellungen steht zwar eigentlich weiter hinten auf meiner Agenda, doch greife ich diesen Punkt direkt mal auf, da er eine Sache betrifft, über die unbedingt gesprochen werden sollte: Die Bonus-CD von "Wetterkreuz". Hier wurden sämtliche Songs des Albums eines Remixes durch Musiker von u.a. A FOREST OF STARS und ALTERNATIVE 4 unterzogen. Dieser Gedanke alleine wird der "True Black Metal" Fraktion die Nackenhaare aufstellen, die Umsetzung dadurch wohl umso mehr. Ist diese Form der Bonus-CD ein Teil der Abgrenzung der in sich recht verschlossenen Szene? Alltäglich ist es jedenfalls nicht.

Alboin: Ja, sicherlich auch. Das ist etwas, was wir schon vor Jahren immer mal wieder angedacht hatten, schon zu Zeiten von "Kainsmal". Wir haben den Künstlern dabei absolut freie Hand gelassen und nur vorgegeben, dass die neuen Versionen eben unmetallisch ausfallen sollten. Meiner Meinung nach bergen sehr viele Metalsongs das Potenzial, in anderen Genres arrangiert noch viel intensiver zu sein. Die Version von "Am Abgrund", die The Gentleman und HH Bronsdon von A FOREST OF STARS aufgenommen haben, zeigt das zum Beispiel meisterhaft - wie die beiden die Leitmotive des ursprünglichen Songs ausgearbeitet und weitergeführt haben, ist fantastisch. Das gilt aber eigentlich für alle fünf Versionen, auch wenn sie stilistisch grob unterschiedlich sind. Mir ist es einfach wichtig zu zeigen, dass sich die emotionale Qualität eines Stückes nicht an der Stilistik oder den Instrumenten eines Stils festmacht, sondern an dem, was an Gefühl darin steckt. Als Album glaube ich, das, was uns für "Wetterkreuz" vorschwebte, am besten in genau diesem Sound und abgegrenzt sowohl von modernen High End-Black Metal-Produktionen als auch von allzu hüftsteifen Bösartigkeiten und Poltereien umgesetzt zu haben. Das muss nicht jeder berührend finden. Wer aber auf einer Welle mit uns funkt, den wird das Album, denke ich, umso mehr berühren. Und wer nicht - der kann es dann wenigstens von ganzem Herzen verabscheuen.

Malte H.: Ich muss zugeben, dass ich anfangs arge Probleme hatte, mich auf die Bonus-CD einzulassen. Ich denke, da bin ich nicht alleine mit. Es ist schwierig, sich von diesem "metallischen Muster" gedanklich zu lösen, wenn man sich mit der Bonus-CD auseinandersetzt. Dennoch hat zumindest mir insbesondere die Version des Titeltracks dabei geholfen, den Song beim nächsten Durchlauf der eigentlichen CD besser zu greifen. Ich denke, die verschiedenen Aspekte der beiden Versionen - Original und Remix - können helfen, die Auffassung vom Album zu erweitern.

Du sprichst bereits den Sound von "Wetterkreuz" an. Dieser ist dieses Mal spürbar kälter und kantiger ausgefallen als noch zu Zeiten von "Galeere". Das passt sicherlich auch sehr gut zur Thematik, doch habe ich gelesen, dass du mit dem Sound von "Galeere" rückblickend nicht zufrieden bist?

Alboin: Ja, das ist exakt einer der Effekte, die wir mit solchen experimentellen Versionen auch erzielen möchten: wegzukommen von dieser allzu stilfixierten Sichtweise, und Musik auch aus einer anderen Perspektive zu begreifen.

Nein, ich habe nicht gesagt, dass ich mit dem Sound von "Galeere" nicht zufrieden war. Wir sind absichtlich mit diesem Album ins Studio E gegangen, weil wir eben einen professionelleren, durchsetzungsfähigeren Sound haben wollten, der auch die Macht und das Erdrückende der See ausdrücken kann. Wir waren aber, was Studioarbeit und deren Feinheiten angeht, eher unerfahren. Deshalb ist "Galeere" rückblickend vielleicht ein bisschen zu glatt und sauber ausgefallen, aber unzufrieden bin ich damit keineswegs und auch sonst niemand in der Band. Dass jetzt "Wetterkreuz" harscher ausgefallen ist, war absolut beabsichtigt und ist natürlich insgesamt der Atmosphäre der Stücke selbst geschuldet. Man kann das Gefühl, auf einem einsamen Gipfel vor einem archaischen, monströsen Kreuz im Schneesturm zu erfrieren, nicht mit einer transparenten, zahmen Produktion ausdrücken. Deswegen sind wir die Produktion auch bewusst mit dem entsprechenden Equipment und der passenden Einstellung angegangen.

Malte H.: Ah, ich verstehe. Dann habe ich das falsch verstanden. An der Produktion von "Wetterkreuz" gibt es nichts zu meckern, das ist wahr. Der Sound passt wie angegossen. Wir haben uns ja bereits vor Release ein wenig über "Wetterkreuz" unterhalten und da sagtest du, dass das Album wie eine Winterversion von "Kainsmal" ist. Du hast nicht zu viel versprochen, tatsächlich merkt man der Scheibe die Rückkehr zu alten Tugenden an: Das Riffing ist (logischerweise) kälter als auf "Galeere" und die Produktion wie gesagt weniger glatt sondern kantiger und frostiger.
Es gibt dennoch auch Parallelen zu "Galeere", so sind die Songs beispielsweise nicht mehr so kompakt gehalten wie auf "Kainsmal", sondern brillieren allesamt mit Überlänge und auch das Keyboard hat deutlich mehr Spielraum bekommen. "Wetterkreuz" wirkt auf mich wie ein Querschnitt aus den Stärken seiner beiden Vorgänger. Ohne große Schnörkel, klar und auf den Punkt gebracht.

Alboin: Das sehe ich auch so, ja. Kompositorisch lernt man mit jedem Album dazu, und es ist schwer, sich dann wirklich noch rückzubesinnen. So gut das möglich ist, haben wir das mit diesem Album probiert, aber sicherlich nimmt es eben auch viel der Arrangements und der Stilistik von "Galeere" auf. Außerdem, und das ist dann sicherlich aufgrund der Line Up-Veränderungen vor einem Jahr so, hat "Wetterkreuz" für mich auch dieses typische Debütalbum-Flair - ich habe versucht, so unvorbelastet wie möglich an das Album heranzugehen, und sowohl Marlek als auch ich hatten das Gefühl, dass das eine Art Neuanfang für uns bedeutet.

Malte H.: Das wäre meine nächste Frage gewesen, welche Bedeutung "Wetterkreuz" für dich persönlich hat. Insbesondere angesichts der ganzen Ereignisse der vergangenen Jahre.
Wenn man sich die Texte des Albums durchliest – insbesondere jenen von "Mann aus Stein" – dann scheint die persönliche Note, die dem Album anhaftet, greifbarer als je zuvor. Ich denke, das Wort "Befreiungsschlag" ist nicht ganz unpassend?

Alboin: Für mich hat das Album eine immense persönliche Bedeutung, nicht nur im Rahmen der Bandentwicklung der letzten Jahre. In Bezug auf die Line-Up-Veränderungen ist es wirklich eine Art Befreiungsschlag, das stimmt. Ich hatte, bis auf den Titeltrack, vor dem Album auch jahrelang keine Musik mehr geschrieben, einfach, weil es mir unheimlich schwer fiel. Das fiel alles von mir ab, und das hört man wohl deutlich.
Ansonsten steckt in jedem einzelnen Album mein Herzblut, mal mehr, mal weniger sicht- und hörbar. Wenn aber viel passiert, hat man auch viel zu verarbeiten.

Malte H.: Ich kann dir zumindest aus meinem Empfinden heraus sagen, dass "Wetterkreuz" zusammen mit "Patina" euer bewegendstes Album ist. Das ist ein gutes Zeichen, denn "Patina" rotiert auch nach all den Jahren noch regelmäßig in meiner Anlage!

Es gibt auf dem aktuellen Album zwei Songs, auf die ich etwas genauer eingehen möchte. Ich glaube, es ist keine Überraschung, wenn ich sage, dass es sich dabei um "Mann aus Stein" und "Bei den Sternen" handelt, die beide für mich eine Sonderrolle auf dem Album einnehmen.
"Mann aus Stein" ragt für mich deshalb heraus, weil der Song, im Gegensatz zu den restlichen auf dem Album, in sich abgeschlossen wirkt. Von seinem Verlauf her ist der Opener wie ein eigenes kleines Biotop im Gesamtgefüge des Albums. Das In- und Outro durch Kinski, der Spannungsbogen, der Klimax nach den letzten gesungenen Zeilen. Das alles wirkt sehr geschlossen.
Welche Bedeutung hat der Song für dich persönlich und ist es vielleicht diese Geschlossenheit, die den Song Opener werden ließ? Ich könnte mir vorstellen, dass der Song mitten im Album deplatziert wirken könnte.

Alboin: Das stimmt schon, das Stück ist in sich geschlossener als die anderen, auch wenn ich das eigentlich in jedem neuen Stück versuche. Deine Analyse der Gründe dafür kann ich nachvollziehen, auch wenn ich mir darüber selbst vorher nicht so viele Gedanken gemacht habe.

"Mann aus Stein" hat aus verschiedensten Gründen eine persönliche Bedeutung für mich. Das Anfangsriff beispielsweise basiert auf einer Idee von Nostarion von DÄMMERFARBEN, mit dem ich während der Anfangszeit des Albums einige sehr intensive Wochen des Musikmachens verbracht habe. Er ist dann nicht Teil der Band geworden, aber dieses Riff habe ich trotzdem weiter ausgearbeitet, weil es eben während einer Session für EIS entstanden ist. Deshalb steht es zu Beginn des Albums.
Dann Kinski... seine Stimme, auch der zugrundeliegende Text von Strindbergs "Der Steinmann", sind einfach sehr ausdrucksstark und passen genau zu dieser kalten, aber trotzdem emotionalen Stimmung, die das Album prägt. Das macht für mich viel der Atmosphäre aus.
Und zuletzt natürlich der Text, auf den ich nicht näher eingehen möchte. Aber ich denke, das ist kaum falsch zu interpretieren, worum es hier geht, auch wenn nur diejenigen Menschen, die mich wirklich gut kennen, die eigentliche Tiefe der Aussage werden erkennen können.

Malte H.: Es ist verständlich, dass du nicht auf den Text eingehen möchtest, da eure Texte immer sehr persönlich sind oder zumindest wirken. Ich selber bin auch kein Freund davon, wenn Musiker über den Inhalt ihrer Texte reden. Ich denke, gerade bei gedankenschweren, metaphorischen Texten sollte jeder selber seine Gedanken bemühen. Aber eine Sache hat mich schon beim Verfassen des Reviews interessiert: Was war zuerst da, Text oder "Der Steinmann"? Also, hat dich Strindbergs Text inspiriert, den "Mann aus Stein" so zu schreiben oder stellte sich erst nach Verfassen des Textes heraus, dass die Samples von Kinskis Vortrag des "Steinmann" gut passen würden?

Alboin: Gute Frage. Das weiß ich nicht mehr genau. Ich glaube, das war ab einem bestimmten Punkt eine nicht mehr zu entwirrende Wechselwirkung. Die Idee für den Text war zuerst da, aber zu dem, was es jetzt geworden ist, hat es dann initial auf jeden Fall die Begegnung mit der Kinski-Lesung gemacht.

Malte H.: Wie auch immer es zustande kam, es passt wahnsinnig gut. Kinski ist mittlerweile ja quasi schon ein Aushängeschild von euch geworden.
Was uns zu einem weiteren Zitat und einem weiteren, herausstechenden Song führt: "Bei den Sternen"
Der Song nimmt nicht nur aufgrund des Textes eine besondere Stellung auf dem Album ein, finde ich. Auch musikalisch geht ihr hier etwas langsamer, ja, schon fast verträumt zu Werke. Für mich ist der Part zu Beginn einer der größten Gänsehautmomente des gesamten Albums. Der Übergang von Kinski in die Musik ist mal wieder richtig stark.
Was kannst du uns zu der Nummer sagen? Immerhin bildet "Bei den Sternen" einen kleinen Kontrast zum Ende hin, löst sich förmlich von der bisherigen Thematik ab und schwebt über allem.

Alboin: So ist es auch gemeint, das Lied ist genauso ein Abschluss des Albums, wie es "Unter toten Kapitänen" auf "Galeere" war. Es weist schon über das Album hinaus, es reflektiert, obwohl es ein Teil desselben ist, das Album. Die ersten beiden Riffs sind mir in einem für mich sehr magischen Moment "geschenkt" worden, sie waren auf einmal da und sind dann gewachsen und gewachsen, bis sie zu dem jetzigen Lied geworden waren. Aufgrund der Umstände dieses Momentes ist das Lied schon sehr emotional für mich. Der Text steigert das meinem Empfinden nach nochmal um einiges, weil er Phrasen und Wörter enthält, die mich so durchschlagend berühren, wie nur wenig anderes auf dem Album.
Und ich denke, auch bildlich zeigt das Lied bereits, was, vielleicht, mit dem nächsten Album passieren könnte.

Malte H.: Das lässt einen gespannt die Zukunft erwarten. Doch für den Moment begnügen wir uns mit einem der stärksten Alben, die dieses Jahr bisher zu bieten hatte.

Neben der Bonus-CD gibt es noch einen Bonus-Track, der auf "Bei den Sternen" folgt, namentlich "Thou Whose Face Hath Felt The Winter's Wind" von SUN OF THE SLEEPLESS.
Bei Covern stellt sich unweigerlich die Frage, wieso die Wahl gerade auf den Song fiel. Insbesondere, wenn die Band an sich nicht den größten Bekanntheitsgrad besitzt. Was verbindest du mit dem Song, dass die Wahl auf ihn fiel?

Alboin: Das Original ist ein wirklich relativ unbekannter Song von einem auch eher unbekannten Projekt aus den 90ern. SUN OF THE SLEEPLESS hat Markus von EMPYRIUM und dem Studio E vor fast 15 Jahren begonnen, mit einer fantastischen Mini-CD, die für mich vollkommen von dem Spirit damaliger ULVER beseelt ist. Der Opener ist der Song, den wir gecovert haben, und hat mich schon damals umgehauen. Das Lied ist trotz seiner Einfachheit von einer solch stürmischen, moorigen Stimmung, dass ich der Ansicht war, das würde nicht nur stilistisch, sondern auch in puncto Titel und Atmosphäre hervorragend passen. Wir haben dann versucht, das Lied behutsam umzuarrangieren und an unseren Stil anzupassen, mit vorsichtigen Keyboards, anderen Drumpatterns und meinem Gesangsstil. Unserem Geschmack nach ist das gut gelungen, und Markus, der übrigens Bass bei dem Stück gespielt hat und Spaß daran hatte, das nochmal aufzuarbeiten, sieht das ganz ähnlich.

Malte H.: Die Nummer passt in der Form gut auf das Album. Wenngleich es natürlich das Albengefüge dadurch stört, dass nach "Bei den Sternen" keine Ruhe herrscht. ;) Aber so ist das wohl mit Bonus-Tracks.
Als wir vorhin über "Mann aus Stein" redeten, kam mir eine Sache in den Sinn, die mir bei den ersten Durchläufen des Albums aufgefallen ist. Der folgende Song, "Auf kargen Klippen", ist wohl der eingängigste und "skandinavischste" Song des Albums. Mich erinnert der Song immer wieder an den schwedischen Black Metal Stil mit seiner simplen, aber feinen Melodieführung.
Was mir jedoch auffiel, war, dass, obwohl "Auf kargen Klippen" Riffs besitzt, die sich unglaublich schnell festsetzten, ich große Probleme hatte, mich nach "Mann aus Stein" auf den Song einzulassen. Irgendwann kam der Moment, wo ich die Eingängigkeit als Auflockerung empfand, um mich für die folgenden Songs des Albums quasi gedanklich "frei" zu machen.
Bis auf den Opener und den Abschlusstrack stand die Reihenfolge der Song lange nicht genau fest, soweit ich weiß. War es eventuell eure Intention, den eingängisten Track nach "Mann aus Stein" zu stellen, um dem Hörer etwas von der Last vom Opener zu nehmen?

Alboin: Nein, eigentlich war das nicht die Intention. Der Titeltrack stand nach Opener und letztem Track schnell als Mittelstück des Albums fest, und dann ging es nur noch darum, die beiden übrigen Stücke zu platzieren. Wieso dann "Auf kargen Klippen" der zweite Track wurde, kann ich nicht mehr hundertprozentig sagen. Ich glaube, das Intro schien mir im Zusammenspiel mit dem Outro von "Mann aus Stein" sehr flüssig zu sein. Letztlich sind mir alle Songs gleich wichtig, und ich käme auch nicht auf die Idee, irgendwelche Füller auf ein Album oder halbgare Riffs in einen Song zu packen. Das ist Zeitverschwendung.

Bezüglich der schwedischen Einflüsse in diesem Lied - das kann ich ehrlich gesagt schwer sagen. Bands wie WATAIN kenne ich ehrlich gesagt überhaupt nicht gut genug, um davon beeinflusst zu sein. Die meisten meiner Einflüsse sind sicherlich eher norwegische Alben. Aber es kann natürlich trotzdem sein, dass da Assoziationen naheliegen, das weiß ich nicht.

Malte H.: Ich möchte "Auf kargen Klippen" auch keineswegs als Lückenfüller darstellen. Der Song hat absolute Berechtigung auf dem Album. Ich hatte nur, wie gesagt, anfangs so meine Problemchen. Aber ich denke, das wäre bei jedem Song nach "Mann aus Stein" gewesen, da die Nummer einfach ein richtig schwerer Brocken geworden ist, den man erstmal verdauen muss.

Wo du aber gerade Watain ansprichst, lass uns, wenn du Lust hast, kurz über den Black Metal an sich reden.
Du bist ja, wie du sagst, sehr von den norwegischen Bands beeinflusst, die zu ihrer Zeit diese Musik als Gegenbewegung zum recht konformen Norwegen geprägt haben. Die Abgrenzung von anderen Dingen war stets eine Eigenschaft der norwegischen Schwarzmetaller.
Wenn man sich die heutige Szene anguckt, dann kommt man nicht umhin, dass aus dem Streben nach Individualität wieder Konformität geworden ist. Schaut man sich die Diskussionen um DER WEG EINER FREIHEIT an, ist es sogar soweit gekommen, dass jene, die den bestehenden "Regeln" nicht entsprechen, sich Anfeindungen gefallen lassen müssen. Wie stehst du dazu? Und was macht Black Metal für dich heutzutage aus?

Alboin: Ich wollte das auch nicht so darstellen, als hätte ich Deine Anmerkung als Lückenbüßer-Kritik verstanden.

Das ist eine sehr lange Diskussion, die man, vermute ich, so auch nur in Deutschland führen kann und muss. Während hier seit fünfzehn Jahren darüber debattiert wird, wie man am besten DARKTHRONE kopiert oder ob DER WEG EINER FREIHEIT eine Black Metal-Band sein dürfen, lacht sich die norwegische Metalszene über dieses Land kaputt, während alle Bands hier durchtouren und die Kohle der Sammelwahn-Metalfans abgreifen. Die innovativen oder ehemaligen norwegischen Black Metal-Bands oder ihre kreativen Köpfe machen doch schon lange ganz andere Musik, an die kein einheimischer Black Metal-Musiker qualitativ wirklich heranreicht - siehe IHSAHN, SATYRICON, MAYHEM, ARCTURUS, ULVER usw.

Und diese Diskussion kann man in Deutschland deswegen so gut führen, weil es diesem Land eigen ist, dass Anderssein grundsätzlich zwar irgendwo unter dem Deckmantel der Korrektheit geduldet, aber immer mit einer Mischung aus Unsicherheit, Neid und Arroganz bedacht wird. Was nicht in bestehende Schemata passt, ist noch immer für den Großteil der Menschen - und das ist eben auch menschlich - schwer einzuordnen. Deshalb ist eine Band wie DWEF, die früher Metalcore gemacht haben und aussehen wie die Sozialpädagogikstudenten aus der WG nebenan, Zielscheibe der Kritik - weil das eben einfach in keine Schublade zu passen scheint. Dass die Band brutaler ist als MARDUK und die Texte vermutlich im Kern wohl mehr Black Metal als DARK FUNERAL und WATAIN zusammen, spielt da erstmal keine Rolle. Wenn die Jungs schön mit langen Haaren, bedruckten schwarzen Shirts und 40-Loch-Stiefeln rumliefen, würde man sie auch anders rezipieren.

Ja, das ist vermutlich aus Black Metal geworden. Vielleicht ist das der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung geschuldet, die Unsicherheiten, Selbstsucht und Sich-Abgrenzen nach außen durchaus begünstigt, ich weiß nicht. Dann wiederum glaube ich, dass das früher so viel anders nicht war, man hat das nur durch das damals noch fehlende Medium Internet nicht wahrgenommen.
Für mich hat diese Musik immer nur eines bedeutet, 1996 wie 2012 - nämlich persönlich berührt zu sein, etwas beim Hören zu spüren, zu fühlen, was in dieser Kunst steckt. Wer die Musik macht oder wer sie hört, ist mir (abgesehen von der leidigen NSBM-Thematik) in diesem Moment egal. Das Ansehen einer Band steigt bei mir, wenn ich persönlich spüre, wie wichtig jemandem seine Kunst ist und ob sie authentisch ist. Ob derjenige kurze Haare hat, 15 oder 75 ist, welche Klamotten er trägt, woran er glaubt oder mit wem er ins Bett geht, ist mir vollkommen egal.

Malte H.: Einen Punkt, den ich in solchen Diskussionen auch seit jeher gerne anführe, ist eben jener, dass die "alten Helden" mittlerweile selber ganz andere oder zumindest teilweise andere Musik spielen. In meinen Augen wird Black Metal immer zu etwas stilisiert, was es gar nicht mehr ist.
Hast du Sorge, dass sich Black Metal als Musikrichtung irgendwann selber zerstört? Eben weil es gerade zu Zeiten des Internets zu schnell passiert, das Bands von Leuten (und mitunter auch der Presse) kritisiert werden, ohne das diese sich überhaupt intensiv mit einem Album beschäftigt haben? Sondern nur aufgrund des Auftretens oder der Vergangenheit einer Band urteilen?

Alboin: Wenn das stimmt, was Du sagst, würde Black Metal ja nicht durch sich selbst, sondern von außen durch Presse oder kritische Hörer "zerstört". Wobei ich nicht glaube, dass irgendeine Musikrichtung jemals verschwinden wird, solange sie gehört wird. Und diese Musik wird gehört werden, in welcher Form auch immer, und sie wird sich natürlich auch im Mainstream mit den Anforderungen, die an sie gestellt werden, verändern. Das war immer so, und ich denke, eigentlich eher zum Vorteil der Hörer. Früher hat man mit der lausigsten Platte, der grauenvollsten Produktion und dem hässlichsten Cover einen Deal bekommen (die Beispiele sind zahlreich) und konnte seine Platte für 25 oder 30 Mark verkaufen. Heute gibt es für das gleiche Geld eine eigentlich immer auf dem Stand der Technik produzierte, hübsch verpackte CD oder LP mit Bonustracks, Bonus-DVD, hübschem Layout, dickem Booklet usw. Die musikalische Qualität ist, unabhängig von dem subjektiven Geschmacksfaktor, objektiv auch sehr viel besser geworden. Deswegen werden diese Produkte auch nach wie vor gekauft, und deswegen schrumpft der Markt auch nicht, sondern verändert sich lediglich.
Und dann gibt es immer noch den Underground, der in dieser Musikrichtung stark wie sonst kaum irgendwo ist. Solange Label- und Mailorder-Chefs von diesem Job leben können, aber selbst semiprofessionelle Bands keinen Cent an ihrer Musik verdienen, KANN sich dieses Genre nicht zerstören - denn das heißt ja, dass Geld zu verdienen ist und diejenigen, die die Musik machen, obwohl sie es nicht selbst bekommen, idealistisch weiterhin Kunst produzieren.

Die Rolle des Internets wiederum ist noch ein ganz anderes Thema. Das ist etwas, was wirklich frustrieren kann. Einerseits ist es ein sehr schönes Gefühl, direkte Resonanzen seiner Hörer und "Fans" zu spüren, andererseits lädt die Anonymität eben wirklich dazu ein, von seiner eigenen Schwäche abzulenken, indem man sich irgendein Opfer sucht. Aber auch das wird keine Band, die wirklich an sich glaubt, davon abhalten, weiter Musik zu machen. Glücklicherweise.

Malte H.: Nachvollziehbare und wahre Worte, die du da sprichst. Ich hoffe mal, dass es auch so sein wird, denn letztendlich hat diese Musik einen hohen Stellenwert für jeden, der sich den Gefühlen und Atmosphären der Alben öffnet. Auf dieses Thema passt auch sehr gut der Spruch, der sich im Booklet von "Wetterkreuz" wiederfindet: "Nichts ist so beständig wie der Wandel."

Wo du es gerade ansprichst, lass uns noch kurz auf das Thema Internet eingehen, bevor wir uns langsam dem Ende neigen. Ihr seid eine der Bands, die recht fannahe agiert. Auf Facebook bemüht ihr euch, alle Fragen zu beantworten und auch sonst kann man mit euch schnell ins Gespräch kommen.
Stimmst du mir zu, wenn ich sage, dass die "Fanpflege" zu Zeiten von Facebook und Co. noch einen höheren Stellenwert bekommen hat, als zu früheren Zeiten? Immerhin sieht man sich nun nicht mehr nur auf Konzerten und Festivals mit den Fans "konfrontiert", sondern quasi permanent durch das Internet.

Alboin: Grundsätzlich gibt es wohl Schlimmeres, als "mit Fans konfrontiert" zu sein. Das ist doch ein angenehmes Gefühl, unmittelbar zu erleben, dass die eigene Musik etwas bei anderen Menschen auslöst und was sie auslöst. Wir geben uns wirklich Mühe, Nachfragen, Lob, Kritik, aber auch Bestellungen und solche Dinge zeitnah zu beantworten. Mir ist das selbst als Hörer von Bands, die ich schätze, sehr wichtig. Mich hat es immer enttäuscht, wenn ich einer Band meine Anerkennung entgegenbringen wollte und ignoriert wurde, weil ich das respektlos finde gegenüber den Menschen, die immerhin eine Band durch Platten- und Merchkäufe oder Konzertbesuche mittragen. Das ist vielen wohl gar nicht so bewusst. Früher musste eine Band dafür tonnenweise Briefe beantworten (ich erinnere mich da an den Satz in jedem Booklet: "include IRC - no guarantee for a reply"), heute geht das einfacher. Es ist natürlich aber auch nachvollziehbar, wenn Bands auf so was gar keine Lust haben, denn das kostet natürlich auch eine Menge Zeit.

Fraglich ist sicherlich, ob das dem "Image" einer Band nicht schaden könnte. Finde ich allerdings nicht. Peinliche Videos, Reichsadlertatoos und Schlägereien mit Fans schaden einer Band, aber sicherlich nicht, dass sie ihre Hörer schätzt.

Malte H.: Ich denke, dass das Problem auch hier wieder darin liegt, dass Facebook nach wie vor als Plattform für Band verpönt ist. Gerade im Metal ist ja das Geschrei nach Kommerz schnell riesengroß.
Ich sehe es jedoch ähnlich wie du und finde, dass es eine Form von Respekt den Fans gegenüber ist, wenn man ihnen auf solchen Plattformen auch Rede und Antwort steht. Der Zeitfaktor ist natürlich umso größer, doch ich sehe das getreu dem Motto: "Keine Antwort ist auch eine Antwort" gepaart mit "Besser spät als nie". Aber es besteht auch immer die Gefahr, dass so was die Fans "bequem" macht. Dass sie so verwöhnt werden dadurch, dass die Bands schnell und regelmäßig antworten, dass in Vergessenheit gerät, welch harte Arbeit und auch Zeit in einer Band steckt. Insbesondere, wenn man kein Vollzeitmusiker ist und einen Job nebenher ausüben muss. Da sollte man als Fan immer ein Stück weit mitdenken.

Bevor wir uns langsam wirklich dem Ende nähern (das Interview hat ja bereits monumentale Ausmaße angenommen ;) ), gibt es noch eine Sache, auf die unbedingt hingewiesen werden muss: Am Samstag, 13.10., findet das Geisterasche-Festival statt, wo ihr zum ersten und einzigen Mal das gesamte "Wetterkreuz"-Album live performen werdet. Leider kann von uns metal.tm-lern niemand vor Ort sein, doch wird es sicher ein großartiges Erlebnis für Band und Fans.
Bist du schon aufgeregt und gespannt auf die Reaktionen der Fans? Und wie kam es dazu, dass ihr dort eine Release-Show abhalten könnt?

Alboin: Ja, wir sind alles sehr gespannt und natürlich auch aufgeregt. Vier Songs spielen wir das erste Mal live, und es ist auch da erste Mal, dass wir in diesem Line Up ein Konzert von 90 Minuten Länge abhalten. Das wird anstrengend, aber sicherlich ein sehr sehr intensives Erlebnis werden - hoffentlich nicht nur für uns selbst.

Wir haben angeboten bekommen, auf dieser Veranstaltung ein Konzert zu spielen. Weil es zeitlich gut passte und kurz nach der Veröffentlichung des Albums geplant war, haben wir das von uns aus angeboten und zu unserer "Releaseshow" gemacht. Sonst hätten wir das selbst organisieren müssen, und das ist immer eine Doppel- oder Dreifachbelastung, die wir gerne vermeiden.

Malte H.: Verständlicherweise. Ich hoffe, dass ihr die Feuertaufe gut übersteht und der Abend für euch wie auch für die Fans unvergesslich wird! So eine fette Release-Show hat man, sofern man nicht AMON AMARTH oder dergleichen heißt, immerhin auch nicht alle Tage.

Damit wären wir auch am Ende des Interviews angekommen. Ich danke dir für die viele Zeit, die du dir genommen hast und noch mehr für die ausführlichen und interessanten Antworten! Eventuell sieht man sich ja mal live und in Farbe auf einer der nächsten Shows. ;)
Die letzten Worte gehören selbstverständlich dir.

Alboin: Wir haben zu danken für Deine Zeit und das interessante Gespräch, und überhaupt für die Unterstützung. Bis bald.

 
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