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Interview mit Bellgrave

Interview mit Bellgrave

Sascha S.: Moin erstmal... Es wäre nett wenn du dich kurz vorstellen könntest und ein wenig über deine Band BELLGRAVE erzählen würdest.

Ulf: Ja also ich bin Ulf, Sänger, Gitarrist und das letzte verbliebene Gründungsmitglied von BELLGRAVE.
Alex spielt bei uns die Leadgitarre, Lars Schlagzeug und Rico Bass. Musik machen wir alle schon seit den 90igern. Die jetzigen Mitglieder spielen seit 2002 zusammen.

Sascha S.: Wieso kennt euch außerhalb von Berlin kaum jemand? Auch die Releases vor "Kindertotenlieder" waren ja nun nicht wirklich schlecht...

Ulf: Naja, das ist so nicht richtig. Wir haben ja von Polen über Österreich, Schweiz und Frankreich auch schon mehrere Länder bereist und kennen tun uns die Leute da sicherlich immer noch :)
Wir haben immer wieder ein nicht allzu gutes Händchen bewiesen, bei der Wahl unserer Labels. Gerade die "My Soul Is My Gun" wurde ja auch Europa weit in die Läden gebracht und hat schon gut eingeschlagen, nur hat uns unser Label um jeden Cent besch... den wir hätten kriegen müssen.

Sascha S.: In den alten Tagen hat man euch gerne dem Death'n'Roll zugeordnet. Meinst du das "Kindertotenlieder" immer noch in diese Schublade passt?

Ulf: Eigentlich haben wir schon immer unsere eigenen musikalischen Wege gehabt. Selbst auf der ersten Demokassette war von doomiger Ballade bis schnellem Death'n'Roll alles vertreten. Für mich zählt immer, dass eine Scheibe eine gewisse Dynamik in sich aufweist um dem Hörer auch wirklich eine Geschichte und eine Reise zu vermitteln. Bei großen Bands wie den Ärzten wird das als vielfältig oder variabel gepriesen, bei kleinen Bands wie BELLGRAVE denken dann viele, oh die wissen nicht was sie wollen. Da spielt schon viel auch die durch die Industrie geprägte Meinung mit hinein. Eine Metalplatte MUSS eben von vorn bis hinten EINEN Stil durchprügeln. Da geht es rein ums Verkaufen. Ich glaube gerade solche Bands wie z.B. CARCASS waren da wirklich ganz groß drin sich ihre künstlerische Freiheit zu erhalten und eben alles was ihnen gefiel auf ihre Platten zu hauen. Das gibt es heute im enger werdenden Markt kaum noch. Jeder erzählt dir, du brauchst ein Alleinstellungsmerkmal. Blödsinn! Jeder Mensch und jede Band ist einzigartig!!!

Sascha S.: Ist es korrekt, dass ihr zwischenzeitlich einen Unfall-Chirurgen als Bandmitglied hattet, der aus Zeitgründen den Dienst bei BELLGRAVE quittieren musste?

Ulf: Ja.

Sascha S.: Wieso ist die Scheibe als Eigenproduktion erschienen und erzähl doch mal, was du von spanischen Labels hältst...

Ulf: Nach den Erfahrungen der letzten CDs war uns klar, dass wir in unserer Größenordnung immer nur unter "ferner liefen" bei den Labels gehandelt werden. Da sich ohne finanzielle Fürsprache auch nicht viel bewegen lässt, haben wir uns bewusst dazu entschieden, die 400 bis 500 CDs die wir verkaufen, dann eben auf eigene Kappe raus zu bringen und zu vertreiben. Durch die verschiedenen mp3 Shops und den Verkauf der CD direkt über die Homepage, erreichst du genau so viele Leute, als wenn du ohne Werbung beim Media Markt unter B einsortiert wirst. :)

Sascha S.: Wie seid ihr auf Rückerts Kindertotenlieder gekommen und ist BELLGRAVE der Gustav Mahler des 21sten Jahrhunderts?

Ulf: Ich habe mir in Vorbereitung zum Album genau einmal Gustav Mahler angehört und fand es zwar interessant, habe aber keinen Ansatz gefunden, der meine musikalischen Empfindungen zu den Texten widerspiegelte. Auf das Thema kam ich aus einer persönlichen Erfahrung heraus. Nein, mein Kind ist nicht gestorben, lag aber mehrere Tage auf der Intensivstation. Da wird man dann nachdenklich und durchstöbert in seiner Traurigkeit und seinem Schmerz, weil es dem eigenen Kind schlecht geht, das Internet. Da bin ich auf diese Gedichte gestoßen und mir wurde bewusst, was für ein Leid Herr Rückert erlebt haben muss. Zu einer Zeit als der Glaube noch eine große Rolle im Leben der Menschen spielte, die Kinder zu verlieren und dadurch auch eine existentielle Lebens-/Glaubenskrise zu durchlaufen. All das spricht aus seinen Gedichten. In unserer Zeit der vollkommenen Reizüberflutung und dem Streben nach allem möglichen Blödsinn, sind nur noch sehr wenige Leute in den Industrienationen so mit sich und der Umwelt verbunden, dass sie zu solchen Texten fähig wären. Denn Gedichte und Texte haben heute meist ein klar erkennbares ökonomisches Ziel. Um etwas verkaufen zu können muss man quasi den Big Mac unter den Texten schreiben, dann ist es massentauglich und vermarktbar.

Sascha S.: Die Geschichte hinter Rückerts Kindertotenlieder ist im Grunde ja ziemlich harter Stoff, passt aber wunderbar zur dargebotenen Musik. Wieso passt das Thema so gut? Was war erst in euren Köpfen, die Songs oder die Gedichte?

Ulf: Ja es passt einfach sehr gut in diese an ehrlichen Inhalten doch recht arme Zeit, wenn man über Sachen singt, die an die Basis unsere Gefühle gehen. Es wird ja eigentlich jeder Furz und jeder noch so banale Quatsch zu einer Schlagzeile aufgebauscht. Hauptsache die Masse wird immer schön in geistiger Verwirrung gehalten, womit auch immer. Dann kommt eben niemand wirklich mehr zu revolutionären Gedanken oder auch nur zur Reflexion seines Selbst.
Die Musik wurde zuerst fertig gestellt und dann solange "scrabble" mit den Texten gespielt bis sich eine passende Kombination einstellte.

Sascha S.: Man braucht bei dem neuen Album einige Durchgänge finde ich, alleine schon wegen der Sprachweise. In der heutigen Zeit von MP3, Wegwerf-Musik und Pseudo-Künstlern bei den Kids fatal. Ist es dir wichtig dass sich die Leute mit der Mucke beschäftigen müssen und gehst du die Gefahr gerne ein, dass die Kids die CD nach 2 Minuten zur Seite legen könnten oder ist dir das alles scheißegal?

Ulf: Klar, für oberflächlich auf Knalleffekte geeichte Hörer ist das Album denkbar ungeeignet. Es ist kein amerikanischer Blockbuster sondern eher ein Dänischer Landschaftsfilm. :)
Aber wer sich mit Musik auseinander setzen will, kann schon eine Menge aus den Songs mitnehmen. Wir scheißen nicht auf die Meinung der Hörer, wollen uns aber nicht anbiedern. Wenn man sich selber verbiegen muss um gemocht zu werden, ist das für das eigene Selbstverständnis fatal. Dann verlierst du deine Identität. Und darum geht es bei Musik, klar es soll uns und dem Hörer Spaß machen oder auch Emotionen wecken, aber du musst bei allem was du tust auch deine eigene Identität wahren.

Sascha S.: Gerade durch die deutschen Texte und auch der geografischen Nähe geschuldet, kommt bei euch auch immer der Name RAMMSTEIN ins Spiel. Inwieweit kannst du das nachvollziehen oder ist das in deinen Augen 'ne ganz andere Kiste?

Ulf: Naja, ich glaube da haben einige einfach nur auf das an einigen Stellen betonte, rollende R gehört. Wenns darum geht sind z.b. die APOKALYPTISCHEN REITER in ihrer Aussprache deutlich näher dran.
Wenn es jemandem hilft uns besser in Erinnerung zu behalten, kann er sich das in seinem Kopf unter "ähnlich RAMMSTEIN" gern abspeichern. Wir sehen da weder musikalisch noch textlich irgendwelche Parallelen. Da hätten die Riffs doch völlig anders arrangiert werden müssen und die Texte wären sehr viel griffiger ausgefallen.

Sascha S.: Wie zufrieden seid ihr mit den bisherigen Resonanzen zur "Kindertotenlieder" CD? Ich find die ja bekanntlich ziemlich geil...(siehe Review)

Ulf: Da wir nicht über ein Label erscheinen und auch keine Werbung irgendwo platziert haben, können wir davon ausgehen, dass alle Rezensionen ohne kommerzielle Hintergedanken verfasst wurden. Wir nehmen die Rezensionen sehr ernst und sind erfreut, dass der Durchschnitt uns Eigenständigkeit und Authentizität bescheinigt. Mehr kannst du als Künstler kaum erreichen.

Sascha S.: Vier Longplayer in 18 Jahren Bandgeschichte ist ja nun nicht sooo viel. Hat die Anzahl der Veröffentlichungen etwas damit zu tun, ein passendes Label für die Mucke zu finden oder seid ihr neben BELLGRAVE zeitlich so eingespannt? Stichwort: Bombenchor.

Ulf: Zu den vier Longplayern kommen ja noch zwei Demos aus den Anfangsjahren. Die Anzahl hat eher was mit unser Aller Leben zu tun. Jeder von uns muss arbeiten, hat ein Leben außerhalb der Musik und wir hatten schon mal den Zeitpunkt, wo wir sehr viele Konzertwochenenden gemeinsam verbracht haben. Da knallt es dann auch menschlich untereinander. Das muss man nicht überstrapazieren.
Wir haben keinen Veröffentlichungsdruck. Wir sind fertig, wenn wir fertig sind und dann gehts ins Studio. Bei dieser Veröffentlichung waren aber auch zwei Sängerwechsel mit dabei und das hat den Zeitplan schon stark nach hinten verschoben. Die Songs waren zu großen Teilen schon 2011 fertig.

Sascha S.: Es muss schon ziemlich frustrierend sein, wenn man soviel in die Musik investiert und immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen kriegt. Woher nehmt ihr die Kraft weiter zu machen und natürlich auch die Kohle?

Ulf: Wir nennen uns ja selber gern auch spaßeshalber „die erfolgloseste Metalband des Planeten“ Aber Egal, es ist wie es ist! :)
Wenn du mit deiner Musik nur auf Außenwirkung abzielst, dann würde dich das natürlich alles total frustrieren. Wir machen unsere Musik um Songs zu machen, die wir gern hören und spielen wollen und die so nicht existieren. Wenn du damit nur zwei Leute auf dem Planeten zum ehrlichen Nachdenken und reflektieren ihres eigenen Tun anregst, dann hast du mehr erreicht als die gesamte deutsche Volksmusik in den letzten 30 Jahren. :)
Ja wir zahlen unsere Rechnungen allein. Das hilft dir aber auch zu sehen, dass du Verantwortung für deine CD übernimmst. Wenn sie sich Scheiße verkauft, musst du eben dich selber fragen, war es das wert oder nicht? Und JA es war jeden Cent wert, dieses Album zu machen. Wir haben uns soviel weiter entwickelt und haben auch endlich mal einen passenden Sound. Dank hierfür auch nochmal an Marc von MAW Recording.

Sascha S.: Ihr werdet dieses Jahr noch auf dem Barther Metal Open Air spielen (das metal.tm zum ersten mal präsentiert). Wie sieht die nähere Zukunft aus? Tour geplant oder vielleicht weitere Festivalgigs?

Ulf: Wir spielen alles und überall wo uns jemand hören will. Leider ist der Markt aber so voll und viele Band sind mittlerweile bereit zur Konzertkartenübernahme oder bei Touren drauf zu zahlen. Da machen wir nicht mit. Wir haben kein Problem auch wirklich nur für Spritgeld zu spielen. Wenn aber Veranstalter sich nur noch ein Zugpferd holen und der Rest ihnen eigentlich von der Qualität her völlig egal ist, dann sägen sie eben langfristig an ihrem eigenen Ast. Denn dadurch entdeckt man kaum noch neue spannende Bands, sondern nur die Bands, die bereit sind drauf zu zahlen.

Sascha S.: Danke für deine Zeit und alles erdenklich gute für dich und deine Band. Auf, dass BELLGRAVE endlich auch mal Glück haben sollen... Die letzten Worte gehören dir.

Ulf: Wir freuen uns auf alles was noch kommt, unser Weg ist noch lange nicht vorbei. Alle die uns mögen können gespannt in die Zukunft schauen. Wer uns Scheiße findet, verpasst eben was!

 
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