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Interview mit Erik von Timecode

Interview mit Celso Garces von Timecode

Nachdem es sich ein paar Mal verschoben und dadurch verzögert hatte, fand sich in den letzten Tagen endlich die Zeit, den regen Austausch mit Celso Garces von der chilenischen Progressive Death Metal Band TIMECODE zu vollziehen. Gesprächsbereit stand er Rede und Antwort rund um die Fragen zum zweiten Album der Band, "Lapses".
Lest im Folgenden, was Celso alles zu Musik und Konzept der Band zu sagen hat, wie die chilenische Metal-Szene im Vergleich zu den anderen Ländern in Südamerika abschneidet und inwiefern Igor Leiva von Poema Arcanvs seine Finger auf "Lapses" im Spiel hatte.

Malte H.: Hi Celso, wie gehts dir?

Celso: Mir gehts gut, danke. Ich hoffe, dass bei dir auch alles gut ist.

Malte H.: Zuallererst würde ich dich bitten unseren Lesern deine Band TIMECODE vorzustellen, da das unser erstes gemeinsames Interview für metal.tm ist.

Celso: Ich versuche mal, die 19 Jahre zusammenzufassen, ohne euch zu langweilen. TIMECODE ist eine Death Metal Band aus Santiago de Chile und unsere Wurzeln gehen bis ins Jahr 1994 zurück, damals noch unter anderem Namen. 1999 starteten wir dann als TIMECODE und dank unserer ersten offiziellen Produktion, der EP "Endless Feelings", welche vom niederländischen Label Real Noise Records veröffentlicht wurde, bekamen wir Konsistenz und wurden für die Welt sichtbar. 2004 schafften wir es endlich, unser Lineup durch Abraham Lazo an den Vocals, Danila Estrella an den Drums, Victor Trujillo am Bass und Ricardo Espinoza und mir an den Gitarren zu festigen. Zusammen nahmen wir 2005 mit dem Gedanken, einen Ausblick auf unsere erste Full-Length Veröffentlichung zu geben, die DVD "Live In Confinement" auf. 2007 begannen wir dann mit den Aufnahmen zu "Post Traumatic Stress Disorder", dem ersten Album der Band, welches 2009 unter Eigenregie veröffentlicht und sehr gut von der nationalen und internationalen Hörerschaft angenommen wurde.
2010 unterschrieben wir einen Vertrag für ein neues Album beim chilenischen Label Australis Records, doch unser Sänger Abraham entschied sich dafür, die Band zu verlassen. Trotzdem arbeiteten wir weiter an neuem Material und begaben uns auf die Suche nach einem neuen Sänger. Alsbald stieß unser aktueller Sänger Felipe "V" zur Band. Mit ihm vervollständigten wir eines der stärksten Lineups, das wir jemals hatten.
Im Juli 2011 starteten wir unter musikalischer Produktion von Igor Leiva (Poema Arcanvs) die Aufnahmen für unser zweites Album "Lapses", welches im Juli 2012 veröffentlicht wurde und uns auch ein Jahr nach seinem Erscheinen noch zufrieden stellt.

Malte H.: Nach einigen EPs und dem Debüt "Post Traumatic Stress Disorder" habt ihr also 2012 euer zweites Album "Lapses" veröffentlicht. Bei metal.tm habt ihr dafür 8 von 10 Punkten bekommen, Glückwunsch dazu! Wie sind die Reaktionen auf eure Arbeit bisher ausgefallen?

Celso: Wir haben bisher viele positive Kommentare erhalten und auch viel Lob von denen, die "Lapses" gehört haben, was uns sehr erfreut und uns motiviert, weiterzuarbeiten. Ich schreibe in allererster Linie Songs, um mich zufriedenzustellen und ich versichere dir, dass die Mitglieder von TIMECODE ebenfalls alle hart arbeiten, um am Ende mit dem Resultat zufrieden zu sein. Wir schätzen es also sehr, wenn es Leuten gefällt, was wir machen, insbesondere weil wir wissen, dass wir niemanden dazu zwingen können, unsere Musik zu mögen.

Malte H.: Ich habe "Lapses" als ein sehr komplexes, progressives und tiefgehendes Album beschrieben. Es gibt bei jedem Durchlauf der CD viele Dinge zu entdecken. Würdest du dem zustimmen? Und wie würdest du "Lapses" mit eigenen Worten beschreiben?

Celso: Ich stimme dir absolut zu, mein Freund, und ich betrachte es ebenfalls als komplexes Album, dessen einziger Weg einer Beschreibung ist, dass das Resultat eine Reflexion dessen darstellt, wie es entstand. Es war keine zufällige Arbeit, wir haben definitv an diesem Album mit dem Ziel gearbeitet, unsere Musik konzeptuell darzustellen und ich denke, das haben wir geschafft, kein Zweifel, wir sind sehr zufrieden. "Lapses" fängt die Emotionen und Einflüsse jedes einzelnen Bandmitglieds ein, was in einer Bandbreite an Sounds und Gefühlen mündet, die es sehr interessant machen. Das Album beinhaltet zudem viele Elemente, die nicht im Verborgenen liegen, doch man muss dem Ganzen Beachtung schenken, um es zu verstehen. Zum Beispiel: Warum ist die Zeile "I'm not sane" in jedem Text vorhanden? Warum folgen die Texte im Booklet nicht der Tracklist? Warum sind einige Verse invertiert, ohne das sie ihren Sinn verlieren? ... Nun, lassen wir das am besten die Leser, die an “Lapses” interessiert sind, selbst herausfinden.

Malte H.: Es gibt zwei herausragende Elemente auf eurem Album: Die exzellenten Riffs und das grandiose Drumming. Es scheint so als hättet ihr Jungs viele Ideen, wie man einen Song aufbauen kann. Bitte erzähl uns, wie das Songwriting bei euch in der Band funktioniert. Gibt es einen Hauptsongwriter oder schreibt ihr alle die Songs zusammen im Proberaum?

Celso: Vielen Dank für deine Worte, mein Freund. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie komplex dieser Prozess für uns ist. Es gibt einen wichtigen und maßgebenden Faktor während des Songwritings, da es Bandmitglieder gibt, die sehr weit weg von Santiago leben und hinzu kommen noch Jobs, Verpflichtungen und Aktivitäten außerhalb der Band, die dafür sorgen, dass der Prozess in zwei Schritte geteilt werden muss. Im ersten Schritt verbringe ich einige Tage damit, mich durch einen schieren Ozean an Riffs und Ideen zu wühlen, die für gewöhnlich im Müll landen, bis ich die Akkorde finde, die es mir ermöglichen, einen Song zu beginnen.
Wenn das geschehen ist und ich einen Song fertiggestellt habe, nehme ich in meinem Haus Demos auf und schicke sie, dank der Möglichkeiten der "Cyber World", an jedes einzelne Bandmitglied, um weitere Ideen zu definieren. Nachdem alle Entscheidungen getroffen wurden, beginnt der zweite Schritt, in welchem jedes Bandmitglied an den Demos arbeitet; also Danilo an den Drums, Victor arbeitet seine Bass-Parts aus und beendet wird das Ganze im Proberaum, wo Details ergänzt und definiert werden, um alles immer und immer wieder proben zu können, bis der Song sich in unseren Köpfen festgesetzt hat.
Wie du siehst ist es ein mühseliger und manchmal einige Monate andauernder Prozess (eventuell findet sich in diesem Prozess die Antwort auf den Wahnsinn und Tiefgang, der unserer Musik innewohnt, wieder), aber das ist der Weg, den wir gefunden haben, um angesichts der Distanzen und den Verantwortungen, die wir tragen, unserem Verlangen, Metal zu spielen, nachzukommen.

Malte H.: Wie ich bereits vorher erwähnte befinden sich auf "Lapses" einige herausragende Riffs. Gibt es bestimmte Bands – oder in deinem Fall besondere Gitarristen – die TIMECODE im Allgemeinen oder deinen Stil, Gitarre zu spielen im Speziellen, beeinflusst haben? Mir wurde gesagt, dass du ein großer Fan von King Crimson bist?

Celso: Bill Steer (Carcass), Boudewijn Bonebakker (Gorefest), Peter Tägtgren (Hypocrisy) und Devin Townsend sind definitiv meine Einflüsse. Ich genieße und würdige jedes Album der Bands, in denen diese großartigen Musiker involviert sind. Sie sind definitiv ein wichtiger Teil meines Metal-Lebens und ich weiß auch, dass sie sich in meiner Art zu schreiben und zu spielen widerspiegeln, aber ich versuche nicht, sie zu imitieren. Ich habe großen Respekt vor King Crimson und bin ein riesiger Fan, für mich ist jedes Album von denen ein Meisterwerk. Robert Fripp ist einfach ein Genie und als ich auf der Suche nach dem Sound für das neue Album war, versuchte ich es mit ein paar Tönen zu durchziehen, die diese großartige Band in ihrer Musik erzielt hat.

Malte H.: Bitte erzähl uns ein weniger mehr über die Lyrics von "Lapses". Gibt es ein tieferes Konzept hinter ihnen?

Celso: Ich bin kein Lyriker, also musste ich in Büchern, Filmen und einigen Aufnahmen aus den 60's und 70's graben, um das gewünschte Resultat zu erzielen. Das Konzept von "Lapses" war klar: Jenes von "PTSD" beibehalten und es noch innerhalb der Vorstellung und des Wahnsinns, die von jedem Akkord unserer Musik repräsentiert werden, zu erweitern. Ich bin kein Experte auf dem Gebiet, ich habe alles aus meiner Perspektive heraus geschrieben, wie eine kranke Person die Welt sehen und in ihr Leben könnte. Jeder Text ist ein Moment der Irrationalität und des Leidens, der schlicht und ergreifend auf meiner Vorstellung, gepaart mit einigen Lebenserfahrungen, die zweifellos einen Zusammenhang bilden, beruht. Wo ich die Ideen für die kleinen Details hernehme? Dieses Geheimnis bewahre ich mir für TIMECODE. Hehehehe.

Malte H.: Wenn du "PTSD" mit "Lapses" vergleichen müsstest, was wären deiner Meinung nach die hauptsächlichen Unterschiede? Und wie würdest du die Entwicklung der Band zwischen den beiden Alben beschreiben?

Celso: Die technischen Aspekte wie Sound und Produktion sind die hauptsächlichen Unterschiede zwischen den beiden Alben. Ich denke allerdings, dass die Kompositionen unseres ersten Albums auf der Suche nach einer musikalischen Identität waren, die wir auf "Lapses" gefunden haben. Ob wir mehr Erfahrung haben? Ob es einen stärkeren Zusammenhalt zwischen den Musikern gibt? Ich weiß es nicht, es ist schwer unsere Entwicklung zu beschrieben, denn nichts ist planbar, wenn wir unsere Musik kreieren. Wie dem auch sei, wir würdigen beide Alben gleichermaßen, da jedes von ihnen einen Schritt in unserer Karriere als Musiker innerhalb der Band markiert.

Malte H.: Ich habe mal mit Luis Moya von Poema Arcanvs über die Inspirationen für deren Musik gesprochen und er sagte, dass ihre Musik so dunkel sei, weil das Wetter und Klima in Chile so hart ist. Mit viel Regen und Nebel und so. Ist das Klima auch ein Einfluss für eure Musik? Immerhin ist diese auch sehr dunkel und melodisch. Wenn nicht: Was sind sonst die Einflüsse für TIMECODE?

Celso: Darüber habe ich bisher noch gar nicht nachgedacht, aber wenn ich so drüber nachdenke... Natürlich beeinflusst das unsere Musik. Während der Tage, die aus Regen und Nebel bestehen, sind die wenigen Dinge, die ich machen kann, mich einzuschließen und in meinen Geist zu schauen, in der Hoffnung, einige interessante Dinge zu finden - aber um ehrlich zu sein: Wenn ich schreibe versuche ich nicht irgendwelchen Mustern zu folgen. Ich versuche meine Ideen voranzutreiben, bis ich den Punkt erreiche, an dem ich zufrieden bin. Und in Hinblick auf die Texte versuche ich diese nur so wahnsinnig wie möglich zu halten, nicht mehr und nicht weniger.

Malte H.: Euer Album wurde von einem weiteren Mitglied von Poema Arcanvs gemixt, Gitarrist Igor Leiva. Wie kam es dazu?

Celso: Die Entscheidung, mit Igor zusammenzuarbeiten, rührte daher, dass wir wussten, dass er bereits an einigen High-Level Alben als Produzent mitgewirkt hatte, was uns das vollständige Vertrauen darin gab, dass wir mit ihm ein exzellentes Resultat erzielen würden. Er hat das nötige technische Equipment, das jede Band gerne hätte und wir wussten, dass er in "Lapses" seine Erfahrung und Professionalität mit einbringen würde, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Unser Basser, Victor Trujillo, arbeitet mit Poema Arcanvs, über ihn lief also die Kommunikation. Igor hörte sich die Demos von "Lapses" an, war interessiert und stimmte zu, mit uns zu arbeiten.

Malte H.: Es wirkt auf mich als seien die Metal Bands in Chile sehr familiär im Umgang miteinander. Was denkst du darüber?

Celso: Auf jeden Fall, ich denke, dass wir hier in Chile eine exzellente Verbindung innerhalb der Szene und ihrer Metal Bands haben, was für mich auch wichtig ist. Die permanente Einigkeit zwischen denen, die an unserer Szene teilhaben, ist vorrangig - nicht nur Bands, hier ist jeder Einzelne wichtig, um Metal zu stärken - wie überall in der Welt.

Malte H.: Wie würdest du die Metal-Szene in Chile im Allgemeinen beschreiben? Ist es schwierig Orte zu finden, wo man live spielen kann?

Celso: Meiner Meinung nach hat unser Land, trotz der Schwierigkeiten, die es bietet (es ist ein sehr langes Land), eine der besten Metal-Szenen in Südamerika; ein extremes Publikum, Bands, die international wahrgenommen werden, Events von hoher Qualität, alles Elemente, die zu einem permanenten Wachstum beitragen. Bedauerlicherweise hat Santiago viele Locations, wo man spielen konnte, verloren, aber langsam und zum Glück tauchen neue auf und wachsen, was lokale Bands natürlich entsprechend würdigen.

Malte H.: Es ist obligatorisch für chilenische Bands bei Australis Records zu unterschreiben, oder? Es scheint so als wäre es das Hauptlabel für Bands aus Chile. Habt ihr jemals über ein anderes Label als Australis nachgedacht?

Celso: Australis Records ist schlicht das bekannteste Label in unserem Land. Rodrigo Osorio ist der Inhaber des Labels und ich denke, dass seine Professionalität und Hingabe, mit der er arbeitet, das ist, was die nationalen Bands so anzieht. Er ist jemand, der nie irgendeine Tür zuwirft und in unserem speziellen Fall war er, nach langer Label-Suche, der Einzige, der an unserer Arbeit interessiert war. Um ehrlich zu sein, obwohl wir noch nicht über unser nächstes Album gesprochen haben, da wir dabei sind, "Lapses" mit Australis Records zu promoten, würden wir uns trotzdem nicht vor etwaigen Angeboten verschließen.

Malte H.: Sind eure Bandmitglieder eigentlich in Nebenprojekten tätig? Oder werden alle Energien und Aufwände in TIMECODE investiert?

Celso: Ja, wir haben Mitglieder, die in andere Bands involviert sind: Victor Trujillo ist Teil von Gangrenous aus Valparaíso, Felipe hat einige Nebenprojekte, u.A. seine eigene Band Aura Hiemis, Danilo hat dort, wo er lebt, ein Parallelprojekt namens Los Andes, nur Ricardo und ich widmen uns voll und ganz TIMECODE. Ich hatte schonmal Nebenprojekte, aber die Wahrheit ist, dass viele persönliche Lebensumstände es mir erlauben, mich nur auf meine eigene Band fokusieren zu können.

Malte H.: Wir haben das Ende des Interviews fast erreicht. Abschließend frage ich immer gerne nach ein paar Empfehlungen. Gibt es irgendwelche chilenischen Bands, die du unseren Lesern unbedingt ans Herz legen möchtest?

Celso: Poema Arcanvs, Target, Trimegisto, Anima Inmortalis, Necrofusion, Dismorfia, Thornafire, Recrucide, Animus Mortis, Undertaker of the Damned, Desire Of Pain, Aura Hiemis, Death Incarnate und Entrospect sind die Bands, die mir gerade so einfallen, aber das ist nicht ganz fair, weil ich mich nicht mit allen Bands davon wirklich befasst habe. Die chilenischen Bands sind aber einige der besten Bands in Südamerika, also zögert nicht, euch Metal aus Chile anzuhören, meine Freunde!

Malte H.: Das wars! Celso, ich danke dir für die Geduld und Zeit, die du dir genommen hast, um meine Fragen zu beantworten und ich wünsche dir und TIMECODE alles Gute für die Zukunft! Macht weiter so und vielleicht trifft man sich ja eines Tages mal auf ein Bier in Chile oder hier in good old Germany. ;)
Die letzten Worte gehören dir.

Celso: Es war ein sehr unterhaltsames Interview, Malte, und ich hoffe, dass die Leser es genauso sehen. Ich danke dir vielmals, dass du mir die Möglichkeit gegeben hast, TIMECODE auf metal.tm vorzustellen und wir wissen es zu schätzen, dass dir unsere Arbeit gefällt. Wir hoffen, dass noch mehr Leute der bereits irrsinnigen Horde von "Lapses" beitreten werden, weshalb ich euch alle einlade, unsere Websites zu besuchen: www.timecode.tk https://www.soundcloud.com/timecodeband https://www.facebook.com/pages/TimecodE/42233267339 https://twitter.com/TimecodE_Chile Wenn ihr Lust habt, in direkten Kontakt mit der Band zu treten, dann schreibt einfach an: timecodeband@gmail.com Und wenn ihr unser Album "Lapses" kaufen wollt, schreibt direkt an: Sales@australisrecords.com Grüße aus Santiago de Chile. Cheers!!!

 
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