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15.07.2017

Rockharz Open Air 2017 - Harzer Schmelzkäse


BildDeserted Fear
SAMSTAG 08.07.

Der Samstag startet dankbarer weise bewölkt und die Hoffnung keimt auf, den Tag ohne drei Schichten Sonnencreme im Freien verbringen zu können. So starte ich froh und frisch zu DESERTED FEAR, die Death Metal erster Güte versprechen. Apropos sprechen: Sänger Manuel Glatter bei Ansprachen zuzuhören ist eine Wonne, denn der „östliche“ Dialekt des Thüringers ist unüberhörbar und sympathisch. Und es wundert auch nicht, dass auch Bundeslandsmann und HEAVEN SHALL BURN Sänger Marcus Bischoff sich zwischen den Zuschauern „versteckt“, welcher- sonnenbebrillt und im ärmellosen Shirt mit sichtbaren tattoowierten Armen und nicht wie gewohnt im langärmligen roten „Arbeitshemd“ - fast nicht erkennbar ist.

BildDew-Scented

Es folgen die Genrekollegen mit Thrash-Einschlag DEW-SCENTED, welche sich zuletzt vor sieben Jahren die Ehre auf dem ROCKHARZ gaben. „Ihr sehr immer noch so gut aus wie früher!“ ruft Sänger Leif Jensen den schon etwas geschafften Gesichtern die drei Tage Festival und Hitze hinter sich haben entgegen um sogleich mit „Kleiner Scherz. Das macht man hier doch so? Ihr seht scheiße aus!“ die Fans zu beruhigen, dass noch alles beim Alten ist. Also optisch. Und unschleimig. Da wird auch gerne dem Aufruf zu vierminütigem Headbanging zum Song „Scars of creation“ Folge geleistet.

Im Laufe des Mittags meinen alle Wolken sich in Wohlgefallen auflösen zu müssen und so brüte ich erst noch Tapfer in der prallen Sonne während MOONSPELL einige Jugenderinnerungen hochkommen lassen. Auch die Vorfreude auf die finnischen INSOMNIUM ist groß. Umso mehr ärgere ich mich, dass meine Sonnenallergie sich diesen Sommer großer Intensität erfreut und so mache ich mich gezwungener Maßen zum Zeltplatz auf, um mich in einer erneuten Ladung Sonnencreme zu wälzen und für kurze Zeit Schutz unter dem Pavillon zu suchen.

BildDark Tranquillity

So richtig zum Leben zurück finde ich erst wieder zu DARK TRANQUILLITY, welche um 20:40 und bei nur noch gemäßigter Sonneneinstrahlung auf der Rockstage aufspielen. Und es ist ein großes Glück, dass die Göteborger Melodic-Deather überhaupt in diesen Minuten pünktlich starten können, denn der Flug von Christopher Amott, welcher Gitarrist Niklas Sundin momentan ersetzt, hatte gut 12 Stunden Verspätung. Welch Glück, dass das ROCKHARZ auf einem Flugplatz stattfindet, so konnte auf den letzten Drücker eine private Flugmaschine Mr. Amott vom Berliner Flughafen abholen und gerade noch pünktlich hinter den Bühnen abliefern, ehe „The Treason Wall“ erfolgreich aus den Boxen gehämmert wird. Nur einen letzten Stressmoment müssen Mikael Stanne und Mitstreiter noch aushalten, als es zu technischen Problemen kommt und vorübergehend kein Tönchen mehr tönt. Dem Sänger ist das Unbehagen anzusehen, schließlich ist es an ihm sich etwas zur Überbrückung auszudenken, doch das Publikum reagiert prompt und feuert an und klatscht, sodass Stanne dankbar und mit den Worten „Thank you man, for making this easy!“ ans Mikrofon tritt, ehe die Beschallung erfolgreich fortgeführt werden kann.

BildEluveitie

ELUVEITIE erlebe ich anschließend zum ersten Mal mit neuer Sängerin, welche nach dem Weggang von Anna Murphy ein schweres Erbe anzutreten hatte. Fabienne Erni fällt mit ihrem feuerroten Schopf und ihrer keltischen Harfe schnell ins Auge. Auch gesanglich kann die (selbstverständliche) Schweizerin überzeugen, auch wenn mir die Stimmfarbe von Anna mehr zusagte. Mit acht Bandmitgliedern ist die Bühne sichtlich gefüllt und fast alle Musiker und Sänger haben stets ein Instrument in der Hand, wobei man den Eindruck nicht loswird, dass das drehen der Drehleier und das zupfen der Harfe nur der Optik dient. Zu hören sind besagte Instrumente die meiste Zeit nicht. Hinzu kommt ein ärgerliches und wiederkehrendes Knacken aus den Boxen, welche die Toncrew während des gesamten Gigs nicht in den Griff bekommt. Lebhaft kann ich mir Stagemanager Mutz vorstellen (bekannt als Sänger der Band DRONE), wie er langsam doch in Schweiß ausbricht. So ein Fauxpas bei einem Headliner am letzten Tag ist schließlich mehr als ärgerlich. Die Fans stören sich allerdings nicht daran und feiern mit ausgelassenen Circlepits und Crowdsurfing den Festivalabend zu ihrer Lieblingsmusik.

BildBlind Guardian

Noch ausgelassener wird es da erst zum finalen Headliner BLIND GUARDIAN. Hier geraten die Graben-Securities endgültig ins Schwitzen, so viele Crowdsurfer sind teilweise zur gleichen Zeit unterwegs – und das schon zu Beginn des Sets, wo sich im Graben noch die Fotografen tummeln um das Bildmaterial für mal wieder viel zu lang geratene Berichte wie diesen hier zu liefern. Die Folge ist, dass die nach vorne getragenen Leute teilweise ungewollt von den Fotografen „aufgefangen“ werden, die gleichzeitig versuchen zu vermeiden, dass ihr teures Equipment nicht Bekanntschaft mit dem harten Boden macht. Sänger Hansi Kürsch schafft es natürlich wie immer mit einladenden Gesten alle Fans und Gäste willkommen zu heißen und mit in die große, weite BLIND GUARDIAN Welt zu ziehen. „Hamburg oder Ballenstedt – Ihr habt euch definitiv richtig entschieden!“, sagt er auf den zeitgleich stattfindenden G20-Gipfel in Hamburg bezogen. Bei all den Meldungen die man dieser Tage so mitbekam, folgt man gerne der Aufforderung zum anarchistischen Headbanging um den ganzen Polit-Mist der momentan läuft zu vergessen. Das Set besteht aus dem kompletten Album "Imaginations From The Other Side" von 1995, welches die Band derzeit auf Konzerten rund um den Globus zum Besten gibt.

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Noch während BLIND GUARDIAN spielen mache ich mich auf zur letzten Runde um mich von den vielen Freunden und Bekannten zu verabschieden, die ich traditionell fast nur auf Konzerten und Festivals antreffe. Weil es morgen in aller Frühe zurück in die Heimat geht, kann die letzte Nacht leider nicht mehr so lang und feucht-fröhlich ausfallen.
Bevor es jedoch zurück zum Zelt geht, können wir es uns nicht verkneifen eine kleine Pause im Publikum von FEUERSCHWANZ einzulegen und uns einen Spaß daraus zu machen die nicht ganz so taktsicheren Fans um uns herum mit völlig taktfreiem klatschen noch mehr aus dem Konzept zu bringen. Ich gebe zu, bei „Schlager Rock/Metal“ - eindeutig vernehmbar bei sehr simpel gestrickten Songs wie „Ahoi“- werde ich dann doch etwas gehässig und gemein.
Ganz mein Fall sind die danach spielenden ALCEST, welchen ich allerdings nur noch entfernt vom Zeltplatz aus beim Zähneputzen lauschen kann.

FAZIT
Das ROCKHARZ mausert sich erfolgreich in die Top 5 meiner Lieblingsfestivals, dank der entspannten Atmosphäre, der übersichtlichen Größe und der guten Organisation. Alleine die Bandauswahl ist verbesserungswürdig, wobei mir in dem Punkt sicher einige andere Besucher widersprechen dürften.
Die Dixiklos wurden oft gereinigt, so dass einen auch später am Tag niemals eine getürmte Überraschung erwartete, die Securities waren freundlich und obwohl die Duschschlange teilweise doch große Ausmaße annahm, ging es doch recht zügig voran. Über ein zweites Duschcamp könnte dennoch mal nachgedacht werden. Auch gab es vor den Bühnen trotz ausverkauftem Festival niemals ein so großes Gedränge, dass man Platzangst entwickeln musste und die Sicht auf die hoch angelegten Bühnen war stets auch für kleinere Menschen frei.

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ANEKDOTEN

• Ich habe schon alles auf Festivals gesehen, von Klassikern wie ganzen Küchenzeilen (okay, solange sie im Anschluss nicht auf dem Festivalacker „entsorgt“ werden), Wohnzimmern oder bepflanzten Vor-Zelt-Gärten. Noch ungesehen war die Tischtennisplatte, die sich unsere Nachbarn in voller Größe aus Sperrholzplatten zusammengespaxt haben.

• Ein kleiner Junge läuft mit einem „FICKEN“-Schild (Schnapsmarke) über das Gelände. Handschriftlich steht in großen Lettern „Kusshaltestelle“ darauf. Alle vorbeikommenden müssen schmunzeln.

• Vor den Bühnen reißt ein Metalhead einen Fetzen Pappe von einem liegengebliebenen Bierhalter ab, hockt sich hin und hilft einem verirrten Käfer der droht zertrampelt zu werden auf das papierne Transportvehikel. The Karma is yours!

• Direkt am Bühnengrabeneingang steht ein gestriegelter Mann im edlen Anzug, der nervös an seinen Manschettenknöpfen nestelt. Steht da etwa ein Antrag bevor? Leider verlieren wir ihn kurze Zeit später aus den Augen und er ward nicht mehr gesehen. Sollten wir recht gehabt haben mit der Vermutung: Wir hoffen das Glück war dem edlen Anzugritter hold!

• Am veganen Burgerstand: Ich freue mich auf meinen 3. und mehr als schmackhaften Rucolaburger, hinter mir fragt ein junger Mann verwirrt „Ja, ist der denn auch mit Käse?“, als ich mich umdrehe und ihm berichte, dass darauf etwas „wie Käse“ sei aber kein Käse, realisiert er erst, dass er hier keinen Burger nach seiner Vorstellung bekommt. Als ich im versichere, dass er mit der Gourmetfreude absolut nichts falsch macht, lässt er sich experimentierwillig darauf ein. Da gibt es wesentlich unenspanntere Carnivoren (aber auch Veganer – wollen wir ehrlich sein). Am Rande: Die Veggie-Burger-Zauberer heißen Birdmans Veggie-Burger und alleine dafür, dass die kleine, sympatische Truppe gefühlt 24/7 schmackhafte Burger im Akkord zubereitete und dennoch stets gute Laune versprühte, gebührt ihr mit diesen Zeilen ein kleiner, verdienter Werbeblock.

• MR. IRISH BASTARD verkünden bedauernd, dass sie ihr Bier hinter der Bühne vergessen haben und nun auf dem trockenen stehen. Ein Fan reagiert prompt und besorgt aus eigener Tasche sechs frisch gezapfte Bier und bringt diese zur Bühne. Die Securities heben den umsorgenden Mann auf die Boxen, sodass dieser das kühle Nass den dankbaren Musikern servieren kann.

• Einer der verstörendsten Anblicke des Festivals: Eine augenscheinliche Famile aus Mutter, Vater und Tochter läuft über das Campinggelände. Die Mutter mit Pinker Federboa, Der Vater in knapper Badehose, darüber ein durchsichtiges schwarzes Negligee. Hinter dem Duo läuft die etwa 10-jährige Tochter mit einem Teppichklopfer und versohlt ihrem (vermeidlichen) Papa den Hintern. Also … naja … äh … nein.

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Alle Fotos und Impressionen findet ihr in unserer Galerie:

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Fotos von Versehen / Jens Hecker (Autor(en): Saskia Z.)
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