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15.06.2017

Rock Hard Festival 2017 - Die Idylle am Fluss: Laut, heiß und fettig!



BildSecrets Of The Moon
SONNTAG, 4. JUNI

Das Sonntags-Line-up hat mich schon im Vorfeld umgehauen, denn von acht Bands, zählen drei zu meinen all time-Favoriten. Mittagessen fällt heute aus, denn SECRETS OF THE MOON kündigen sich um 14 Uhr auf der Bühne an. Obwohl das aktuelle Album den Namen „Sun“ trägt, ist der lichte Tag eigentlich nicht das natürliche Habitat, in dem sich der melancholische Alternative Black Metal der Osnabrücker aufzuhalten gedenkt. Aber das ist geneigtem Hörer auch egal, denn die Fans sorgen schwarz gekleidet für ein bisschen Lichtabsorption, welche auch die dunkel-monochrom angezogenen Bandmitglieder betreiben. Das einzige was auf der Bühne leuchtet sind die wasserblauen Augen des Sängers und seine hellblond wallende Löwenmähne. Die konsequente Farblosigkeit hat natürlich Konzept: Der Set-Einstieg gelingt bravourös mit dem Song „No More Colours“, der gleich mit hämmernden Blastbeats zeigt, wohin sich bunte Farben und Fröhlichkeit gefälligst verziehen können. Und zu dem langsamer doch energisch groovenden Refrain kann natürlich kein Kopf still halten. Ganz im Sinne des aktuellen und grandiosen Albums folgt „Dirty Black“. Hier kommt der dreckig, verzweifelte Gesang von sG besonders gut zur Geltung, doch trotzdem an der Liveperformance nichts zu kritteln ist, so fehlt mir doch immer das letzte Fünkchen, das mich vollends während des Gigs von dieser Welt fegt. Was SECRETS OF THE MOON auf ihren Alben schaffen, geht bei einer Live-Performance – auch in kleinen, dunklen Clubs mit passender Atmosphäre – irgendwie unter. Obwohl ich den Gig genieße, soll mich später ein anderes Livegespann in andere Sphären katapultieren.

BildDemon

Das Publikum des ROCK HARD Festivals ist altersmäßig bunt gemischt, wobei hier pubertierende Gäste eher die Ausnahme sind. Eher bringen Metal-Mamas und -Papas den Nachwuchs im Kita-
und Grundschulalter mit, der mit Hörschutz auf den Schultern die Pommesgabel üben kann. Neben den jungen Ausreißern auf der Altersskala, fängt diese gefühlt bei 25 an und endet … ja, wo überhaupt? Das schöne an diesem Open Air ist, dass sich Alter auf Bühne und Vorplatz die elegante Waage halten. DEMON zum Beispiel – welche schon seit den 80ern, wenn auch in ständig veränderter Besetzung nahezu durchgängig aktiv sind - vereinen nicht nur nur alt eingesessene Fans ihrer New Wave Of British Heavy Metal am frühen Nachmittag, sondern auch eindeutig jüngere Semester, welche die Anfangstage der Band sicher noch nicht bewusst erlebt haben oder überhaupt geboren waren. Ein warmer Maitag (fast ohne Regentropfen), auf Steinstufen sitzend, mit Freunden ein Bierchen einverleiben, während DEMON einen entspannten Soundtrack liefern. Kann man so machen. Sollte man auch!

Was man, genauer gesagt ich, nicht machen sollte, ist bei den folgenden ROSS THE BOSS in Hörweite zur Bühne zu stehen. Wenn MANOWAR einen seit jeher in die Flucht schlagen, dann tut es die Band des Bassisten Ross Friedman leider auch, sofern dieser wie in jenem Fall auf die grandiose Idee kommt ein Set ausschließlich mit Songs seiner ehemaligen Band zu bestücken. Vielen gefällts, mir nicht, und so genieße ich mein verspätetes Mittagessen mit weiteren MANOWAR-Abstinentlern im Abseits.

BildFates Warning

Mein persönliches, zweites Highlight des Tages folgt zum Glück mit FATES WARNING. Was für eine grandiose Liveband! Durch die Bank weg steht Talent in (flexibler) Reihe auf der Bühne. Vorneweg Sänger Ray Alder, der mit jeder Faser seines drahtigen Körpers dabei ist, und einfach Stimmbandkunst erster Güte mit seiner leicht heiser, drückenden und dennoch energischen Stimme in das Mikro schmeichelt. Gitarrist Jim Matheos ist da der absolute Gegenpol auf der Bühne, ruhig und in sich gekehrt, und doch sieht man seinen Gesichtszügen an, dass jede Seite mit voller Überzeugung und Leidenschaft zum Schwingen gebracht wird. Die Männer spielen sich quer durch die üppige Diskografie, welche die Geburt des Progressive Metal in 12 Alben hörbar (und natürlich fühlbar) macht. Angefangen bei dem Opener „From the Rooftops“ des aktuellen Albums „Theories of Flights“ führen FATES WARNING über das 20 Jahre alte „A Pleasant Shade of Gray, Part III“, das frische und ordentlich treibende „SOS“ oder das gefühlvolle „Firefly“ vom letzten Album durch den frühen Abend. Als die letzten Töne von „Monument“ verklingen werde ich wehmütig. Wahrhaftig setzen die Amerikaner stets ein Live-Monument der Klangkunst.

BildDirkschneider

Zu DIRKSCHNEIDER entferne ich nach dem obligatorischen Foto-Zwischenstopp im Graben (was für eine dankbar fotogene Musikertruppe), wieder etwas in die höhergelegenen Ränge. So ganz nach meinem Geschmack ist die Musik um den Quietsche-Fronter Udo leider nicht, aber live reißt der 65-Jährige ungefragt einiges. Gig angucken ist da Pflicht, zumal auch alle anderen Musiker um den Altmeister herum große Szene machen und mit Spielfreude dabei sind. Die Bühnen-Choreografie ist eingespielt und mitreißend und entlockt der wahrlich üppigen Fanmeute ausgelassendes Headbanging und Crowdsurfing im großen Stil. Das besondere „Farewell To Accept“-Set besorgt sein übriges.
Unsere Sitzposition hoch oben und Abseits hat einen netten Vorteil. Wir können OPETH Schlagzeuger Martin Axenrot dabei zusehen, wie er sich versucht hinter der Bühne warm zu spielen. Doch wie, ohne dass die Schläge vorne vernehmbar sind? Ganz klar: man spielt genau das, was der Kollege vorne auch gerade auf seine Schlagburg hämmert. Und das auf den Punkt.

BildOpeth

Und dann nochmal tief durchatmen, ehe die Band auf der Bühne steht, deren Klänge mich schon sehr lange Zeit durchs Leben begleiten. OPETH Headlinen das Festival am letzten Tag – und dieser Abschluss verspricht groß zu werden. Habe ich vorhin erwähnt, dass eine Band mich in andere Sphären katapultiert hat? Hier ist sie. Doch überraschend ist das nicht, denn die Schweden erschaffen ein Wurmloch zu einem Paralleluniversum mit einer Gänsehaut fördernden Verlässlichkeit auf jedem Konzert. Das stellt sich auf Festivals jedoch manchmal als schwerer heraus. Das Publikum ist gemischt und auch, dass ein Partygarant und hochleistungs Alteisen wir Udo DIRKSCHNEIDER vorher gespielt hat, macht es nicht leichter teilweise recht komplexe Progressive Kunst vorzutragen. Das bedauert auch der Sänger, der sich ein bisschen über die unfaire Vorlage auslässt. Natürlich mit dem allseits bekannten unterschwelligem Mikael-Humor.
An den neueren Alben mögen sich die Geister alteingesessener Fans scheiden, doch fügen sich die eher Prog Rockigen Songs mit 70er-Einschlag perfekt in die Progressive-Death Symbiose ein, was bei dem bunt durchmischten Set, welches bei neun Songs ganze acht Alben abdeckt, in aller Intensität funktioniert. Begonnen wird mit dem Titelsong des Albums „Sorceress“, worauf mit dem 12 Jahre schon zählenden „Ghost Of Perdition“ ein regelrechter Bruch folgt. Den Schock scheint Mikaels Gitarre nicht mitmachen zu wollen. Sogleich zerschreddert der Meister eine Seite und während das Ersatzinstrument verkabelt wird, zählt Schlagwerker Axenrot geduldig bis zur Fortführung des Klassikers an.

BildOpeth

Mich haben sie schon längst eingesackt, doch das restliche Publikum, viele DIRKSCHNEIDER-Fans darunter, geben der Bühne nur gemäßigte Aufmerksamkeit und lassen eher in kleinen Runden den Gig der Vorgänger Revue passieren. „Are you awake?“ fragt Mikael berechtigterweise. Und auch ich störe mich eigentlich daran, wenn um mich herum lautstark gequatscht wird, während ich versuche einem Livekonzert zu folgen. Seltsamerweise gelingt es mir heute alles um mich herum auszublenden und so steige ich in die hämmernden Klangtiefen von „Demon Of The Fall“ hinab.
Um das ganze hier jetzt nicht ausarten zu lassen breche ich mal herunter. Genialer Festivalabschluss, beste Band, beste Ansagen … bin ich zu voreingenommen? Ja, aber nur in positiver Hinsicht. Viele, viele Konzerte mit OPETH führen zu der wissenschaftlich fundierten Erkenntnis: Diese Band ist leider geil.

Und damit: Over and out, bis zum nächsten, hoffentlich ähnlich gut bestückten ROCK HARD FESTIVAL und den entspannten, verrückten Menschen, die sich Jahr für Jahr im Metal-Pott die Ehre geben.

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Alle Fotos und Impressionen findet ihr in unserer facebook-Galerie:

> ROCK HARD FESTIVAL - TAG 1
> ROCK HARD FESTIVAL - TAG 2
> ROCK HARD FESTIVAL - TAG 3 (Autor(en): Saskia Z.)
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