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Bericht:

19.03.2016

Blastfest 2016 - Ein Kessel Schwarzes


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Norwegen ist so ein Ort, an dem man einfach mal gewesen sein muss. Und wenn etwas mehr Zivilisation sein soll, ist man in Südnorwegen und speziell in Bergen sehr gut aufgehoben. Die zweitgrößte Stadt des skandinavischen Staates sieht nicht nur töfte aus, sie bietet auch einiges an Metal-Geschichte. Hier ist eine der Wiegen des Black Metal – teils mit sehr düsteren Begebenheiten (Eine dieser „Begebenheiten „ steht (wieder) ein gutes Stück außerhalb des Stadtkerns in Form der nachgebauten Stabkirche Fantoft) doch das ist eine andere Geschichte.
Mit dem Blastfest kommt für unser eins noch ein weiterer triftiger Grund hinzu, der 270.000 Bewohner zählenden Stadt einen Besuch abzustatten. Und so kam ich Mitte/Ende Februar 2016 in den Genuss eines ganz besonderen Festivals, das von landeigener schwärze dominiert wurde – Es lockte „a one time celebration of the norwegian metal scene“.

BildAusstellung von Kristian 'Gaahl' Espedal

Mittwoch, 17. Februar 2016

Glückliche Besitzer des 4 Day Festivalpass durften neben den 3 Hauptfestivaltagen zusätzlich auf ein recht intimes Stelldichein im Keller der Garage freuen. Doch der Mittwoch beginnt für mich schon früher. Es lockt Gaahls exklusive Exhibition in einem Eck der „Museumsmeile“ von Bergen. Der Künstler selbst ist anwesend, entspannt und kontaktfreudig. Und so sind Gespräche über Maltechniken und Hintergründe möglich, während man an seinem kostenlosen Glas Sekt süffelt und Bilder mit depressiver Schönheit bewundert. Sehr schnell ist einem Bewusst, das was hier gezeigt wird ist sehr intim. Gaahl, oder Kristian Eivind Espedal wie der norwegische Sänger und Künstler bürgerlich heißt, hätte sich nie ausgemalt, dass Menschen überhaupt Interesse an seinen Bildern hätten, so sagt er zurückhaltend lächelnd. Er habe über 500 Stück Zuhause. Und ganz offensichtlich bannt er mit jedem weiteren Bild ein Stück Seele (im nicht religiösen Sinn selbstverständlich) auf Papier und Leinwand. Es ist also ein Glück, dass er diese mit uns überhaupt teilen möchte.

BildEndezzma

Anschließend geht es ein paar Straßen weiter zur Garage, einer der ultimativen Räumlichkeiten, wenn es um Thema Metal und Abend/Nachtgestaltung in Bergen geht. Hier steht übrigens auch Enslaved Sänger Grutle Kjellson regelmäßig als Türsteher im Eingang und kontrolliert die Einlass- und Trinkwürdigkeit. Heute geht es direkt um die Ecke zum unmittelbaren Eingang runter zum Keller des Etablissements. Ich komme, als der Opening Act HADENS die letzten Töne spielt um den Saal endgültig für den Festivalaufakt zu entstauben. Der Laden ist noch mittelmäßig gefüllt, doch das ändert sich mit fortschreitender Uhrzeit rasch. ENDEZZMA geizen nicht mir Kunstblut während BLODHEMN Sänger Invisus auf weiße Kontaktlinsen setzt und damit nicht weniger Bluthungrig ins Publikum stiert.

BildWährend ich versuche im für Fotos suboptimalen Licht wenigstens ein paar Momente einigermaßen anständig einzufangen, muss ich immer wieder gebannt zum Rand der Bühne stieren. Hier entsteht auch eine Momentaufnahme des Konzerts. Allerdings ganz und gar ohne Technik – sondern mit Papier und Tuschestiften. Grandios. Und ohne Lichtsorgen, wie unsereins es oftmals hat. Insbesondere auf Black Metal Konzerten, die mit düsterer Atmosphäre nicht geizen wollen.

Die Stimmung ist im Keller durchweg als positiv reserviert zu bezeichnen. Es gibt nur eher zurückhaltende Bewegung neben zuprostendem Applaus, wie auf Extrem Metallischen Konzerten eben üblich. Der gemeine Black Metaller ist ja grundsätzlich ein eher zurückhaltender Geselle. Leichtes nicken und verschränkte Arme zeugen da schon von Begeisterung. Und schließlich darf ja auch nicht das (in Norwegen wie immer scheissteure) Bier verschüttet werden.
Leider entscheide ich mich für mein Gewissen den Abend hier für mich zu beenden. Frau muss ja am nächsten Tag früh raus unter der Woche. Es „darf“ ja studiert werden … . Und so verpasse ich VOLUSPAA, SVARTTJERN, MISTUR und CHROME DIVISION, um meine kleine Depression perfekt zu machen.

Donnerstag, 18. Februar 2016

Während ich am nächsten Tag zu meiner Academy laufe um den täglichen Pflichten nachzukommen, komme ich am Terminus Hotel vorbei. Hier wurden gefühlt alle Bands des Festivals einquartiert. Zumindest sind die Sofas im Salon des alten, innen holzvertäfelten Gebäudes besetzt mit verdächtig vielen dunkel gekleideten und auffallend häufig langhaarigen Gesellen und Gesellinnen. Meine Laune steigt nicht gerade, wenn ich daran denke, dass ich zwangsweise auch heute wieder einige Bands verpassen werde.
Schließlich kann ich mich um 18:30 Uhr vom Stadtkern in Richtung USF Verftet aufmachen. Die Event-Location bietet auch sonst vielen Konzerten Raum und das Gebäude ist (wie der Name schon vermuten lässt) direkt am Wasser gelegen. Und so starte ich meinen Festival-Donnerstag mit INCULTER. Und das eigentlich auch nur weil diese im ersten Raum spielen, in den ich noch orientierungslos hineinstolpere. Das Gebäude erweist sich nämlich als verdammt verwinkelt. Auf drei Bühnen wird die Tage über schweres Metall geholzt: den ersten Gang runter rechts findet man „Sardinen“, die kleinste Bühne. An der Garderobe vorbei und links empfängt einen die größte Halle „Røkeriet“ mit Merch-Stand und größerem Barbereich. Im Zwischenbereich mit den Toiletten versteckt sich zu guter Letzt eine Tür, dahinter ein unscheinbares Treppenhaus, dann ein Flur und Räume mit kleinem Metal-Markt, noch mehr Treppenstufen und schließlich ganz versteckt die dritte, mittelgroße Bühne im Bunde, das „Studio“.

BildTaake

Aber zurechtfinden werde ich mich erst später, zunächst bleibe ich bei INCULTER hängen. Die Jungs waren mir bisher lediglich vom Namen her ein Begriff. Und „Jungs“ trifft es recht genau, denn die Blackened Thrasher haben die Optik einer Schulband – nur eben mit mächtig Talent und Wumms. Die noch im Wachstum befindliche Mähne wird ohne jeglichen Zweifel gedreht, ohne die Saiten zu verfehlen. Da tut es gar nicht weh, dass ich mir eigentlich die parallel spielenden VULTURE INDUSTRIES in der Running Order markiert hatte.

TAAKE füllen anschließend die größte Halle in der USF ohne Probleme. Die Band spielt in ihrer Heimatstadt und schon der Opener „Nattestid Ser Porten Vid I“ wird mit wackelnden Köpfen und hochgereckte Pommesgabeln quittiert. Über „Umenneske“ bis „Fra vadested til vaandesmed“ wurde die über die Jahre erheblich angewachsene Diskografie bedient. Die Fans scheinen in jedem Fall zufrieden.

BildIm Anschluss finde ich dann doch das erste mal in die versteckte „Studio“-Bühne. Mich locken VIRUS. Und ich muss gestehen: Ich bin nicht durch die Musik auf das olsoer Avantgarde Rock Trio aufmerksam geworden, nein, der neueste Output „Memento“ wurde lediglich von einem von mir hoch angesehenen Designstudio entworfen. Und so hocke ich ziemlich unwissend ob der Stimmung und der Songs vor den Monitorboxen im äußerst kuscheligen Fotopit und mache Bilder von drei Männern, von denen mich nicht nur die Musik, sondern auch die Optik des Sängers zurück in die 80er Jahre katapultiert.

Czral oder Carl-Michael Eide hat es sich im aufgeknöpften Holzfällerhemd mit recht tief ausgeschnittenem Leibchen, großgliedriger, blitzender Halskette darüber und 80er Jahre Kassengestell auf einem Barhocker bequem gemacht. Die Songs werden von allen Beteiligten konzentriert vorgetragen, die Stimmung ist entspannt, fast schon düster-meditativ und trotzdem rockig-treibend. Leider muss ich sagen, dass mich die stimmlichen Qualitäten hier nicht überzeugt haben. Ich kann jedoch auch Fans verstehen, die sagen, es passt zur Musik. Manchmal äußert sich Ästhetik nicht im Perfekten, sondern im leicht chaotischen Gesamtbild.

BildIn The Woods...

Auch IN THE WOODS... sind mir bisher nur vom Namen her geläufig gewesen. Die seit 1991 bestehende Truppe aus Kristiansand darf „Røkeriet“, die große Bühne entern – und mir schießt mit einem kleinen Lächeln ein eingedeutschtes „In se Wutz“ durch die manchmal etwas seltsam agierenden Gehirnwindungen. Und das nur, weil der Bandname nach Mystik, Bombast, Düsternis klingt, und die Bandmitglieder rein äußerlich erst mal nicht in diese Schublade passen wollen. Ja, der Mensch, ein ewiger Schubladendenker, auch wenn er sich dagegen zu wehren versucht. Vor mir steht eine optisch und altersmäßig bunte Mischung auf der Bühne, die lediglich das uniformierende schwarze Hemd mit dem Bandlogo eint. Gitarrist Kåre André Sletteberg scheint der jüngste Zuwachs der Truppe zu sein. Sänger James Fogarty trägt Kassengestell mit Plusdioprie und einen kleinen Bierbauch vor sich her, die Saitenfraktion konzentriert sich durch und durch aufs Instrument und flankiert mehr oder weniger Bewegungslos die Bühne … aber wer braucht schon Metal-Models auf der Bühne und ein Olympia-Sportprogramm, wenn er gute Musik haben kann! Mich haben IN THE WOODS... in jedem Fall positiv überrascht.

BildThrone of Katarsis

Leider letzter Gig des Tages für mich: THRONE OF KATARSIS. Das Studio ist natürlich bis zur Rückwand gefüllt. Belustigt darf man einen Roadie dabei beobachten, wie er versucht die dicken Kerzen auf den Boxen anzuzünden. Nach diversen Feuerzeugeinsätzen gibt er genervt auf, wir müssen also auf die visuelle Atmosphäre diesmal verzichten – allerdings reichen die in rotes Licht getauchte Bühne und die Schädel und Knochen an Infamroths Mikrofonständer völlig dafür aus. Die Band weiß wie sie sich in Szene setzt. Während ich allerdings im Fotograben Hocke und mehr oder weniger verzweifelt mal wieder mit dem spärlichen Licht kämpfe, meint einer der Schädel mich angreifen zu müssen und fällt mir beinahe in den Schoß. Also mit der Deko ist heute nicht so ...

BildTHRONE OF KATARSIS hingegen sind in guter Form. Das Set wird gekonnt und qualitativ hochwertig durchgezockt. Leider fällt meine Stimmung rasant in den Keller als die zwei Gesellen neben mir doch tatsächlich meinen einen (fast) eierlosen Typen namens Hitler grüßen zu müssen. Ich schiele zum Ordner neben der Bühne, zwei Meter vor uns, der die Gesten ohne Zweifel gesehen haben muss. Blöd nur, dass eben dieser die Beiden mit den braun verrotteten Gehirnzellen vor beginn des Konzerts herzlich begrüßt hat.
Das Festival ist angewiesen auf freiwillige Helfer, zu welchen auch der Ordner vor mir gehört. Und es ist unmöglich für die Veranstalter im Vorfeld die Hintergründe seiner Volunteers zu überprüfen. Es ist schlicht und ergreifend Mies für die gesamte Black Metal Szene, wenn ihr immer wieder braune Scheiße unter Schuh klebt und diese einfach nicht abgehen möchte. Nach diesem Erlebnis bin ich reif für den Heimweg.

Freitag, 19. Februar 2016

Den nächsten Tag darf ich mit SLEGEST beginnen, nachdem ich ausgerechnet SOLEFALD vorher verpasst habe (Köstliche Reaktion von einem Gast am Tag zuvor, während ein Song von SOLEFALDs neuem Album in der Umbaupause aus den Boxen schallt: „Was ist das für ein Scheiß!? Sind wir hier in der Disko oder was??“).
Die Blackened Doomer sind trotz der ungünstig konstruierten Bühne (Ebenerdig, ein paar abwechselnd aufflackernde Funzelscheinwerfer vorletzter Generation) guter Laune und grooven sich durch ihren Gig. Highlight ist das Saxophon-Solo in der Mitte des 30-minütigen Sets, welches mit „Logna Sin Fiende“ sein Ende findet.

BildManes

MANES bringen nochmal etwas entspannte Abwechslung in das sonst recht stark von Blastbeat-Geholze dominierte Festival. Die Trondheimer haben ihre Wurzeln zwar im Black Metal, sind mittlerweile aber in experimentellen Electronic Jazz Gefilden Zuhause. Und ja, das muss ich auch erst mal nachschlagen, denn auch diese Band ist für mich absolut neu. Und so steige ich ohne große Erwartungen in das Konzert ein – und werde regelrecht begeistert wieder entlassen. Worte die den MANES Gig zusammenfassen? Intim, konzentriert, hypnotisch, sphärisch ...
Die gesamte Bühne, Sound und Mitglieder bieten ein perfektes harmonisches Bild. Im Hintergrund starren große Augen von einem Screen herunter auf Band und Zuschauer. Der Lichttechniker lässt tiefes Blau dominieren. Gleich zwei Drummer die mit ihren Schlagbuden die Bühne flankieren entbehren nicht einer gewissen coolness. Hinzu kommt der unfragwürdige Eindruck, dass alle Musiker voll in ihrer Musik aufgehen. Dieses vollkommene Gesamtpaket kann nur auf den Zuschauer überspringen.
Auch bin ich beeindruckt vom Sänger, der es einarmig schafft - teilweise im schnellen Wechsel - Synthesizer, Mikros und Megafon zu bedienen. Absolute (nicht nur) Live-Empfehlung!

BildKrakow

Und noch eine Band, die mit diesem Festival ihrer Heimatstadt treu bleibt, und doch eine ganz andere Stadt als Namen trägt. KRAKOW, spielen düsteren Stoner Metal auf einer noch düstereren Bühne. Immerhin sind die Beine etwas ausgeleuchtet, während die im Schatten liegenden Köpfe zusätzlich noch unter schwarzen Kapuzenhoodies verschwinden. Gesang ist rar und so präsentieren die Vier ein recht intensives, konzentriertes beinahe-instrumental Set. Interessant wird die sonst zurückhaltende Optik durch das nach und nach per Laser nachgezeichnete Bandlogo im Hintergrund, welches sich in intensivem Rot auf die Netzhaut brennt.

BildArcturus

Während ARCTURUS ihre Show in der großen Halle spielen, merkt man durchweg, dass es den Avantgarde Metallern heute um die Musik geht. Die Show spielt eine untergeordnete Rolle und so nimmt Sänger ICS Vortex immer wieder auf einem Barhocker platz und trägt die Texte von Songs vor, die einen gesunden Querschnitt durch die gesamte Diskografie der Band darstellen. Obwohl musikalisch nichts auszusetzen ist, will mich die Musik einfach nicht einpacken und mitnehmen. Und so stehe ich den größten Teil des Konzerts hinter dem FOH und fröne einer meiner Lieblingsbeschäftigungen bei nicht ganz so spannenden Darbietungen: Lichttechniker dabei beobachten wie sie manchmal fast schon Dirigenten gleich die Regler auf ihrem Pult bedienen.

BildCor Scorpii

COR SCORPII starten etwas verspätet auf der „Sardinen“-Bühne, das wird der charismatischen und sehr sympathischen Truppe jedoch schnell verziehen. Allen ist die gute Laune und der Spaß ins Gesicht gezeichnet. Sänger Thomas S. Øvstedal streut in den Pausen stets etwas Konversation mit dem Publikum ein, und schwenkt nach der Feststellung, dass ja doch viel internationales Publikum zugegen ist, schließlich komplett auf Englisch um, was sicher nicht nur ich sehr zu schätzen weiß. Hin und wieder verstehe ich zwar den einen oder anderen Brocken Norwegisch, aber auch nur, wenn es nicht mal wieder einer der tausenden Dialekte ist, mit denen sogar Landsmannen ein Verständnisproblem haben.

Bild1349

Für mich findet der Abend mit 1349 den krönenden Abschluss. Und wieder senkt sich ein tiefschwarzes Tuch über die Haupthalle des USF Verftet, denn diese Nummer bietet Black Metal-Cuisine vom feinsten. Das sehen auch die Zuschauer so, und ganz offensichtlich schenken einige frenetische Headbanger ihrem überschwappenden Bier keine Beachtung während sie sich von den Blastbeast in andere Sphären hämmern lassen. Musikalisch spielen alle auf den Punkt. Songs wie „Nathicana“, „Slaves“ oder „Atomic Chapel“ werden mit eiserner Präzision vorgetragen. „Cauldron“ entlässt mich schließlich in das passende Wetter: Scharfe Böen mit Regen der einem unter die zugezogene Kapuze fährt. Welcome to Bergen.

Samstag, 20. Februar 2016

Der letzte Tag, und nicht wenigen sind die Strapazen von Bierkonsum und Metalfeier anzusehen. Trotz der horrenden Bierpreise wird natürlich zugelangt und für Norweger ist ein 0,4 l Bierpreis von 67 Kronen, also rund 7 Euro, ohnehin absolute Normalität.

BildEinherjer

Mein Blastfest-Finale starte ich mit EINHERJER, stets (verdient) konstante Größe auf den meisten Metal Festivals. Mit Ole Sønstabø haben die alteingesessenen drei Viking Eisen aus Haugesund seit diesem Jahr einen frischen, vierten Mann an der Gitarre gefunden. Und frisch ist hier auch auf das Alter bezogen gemeint, denn Herr Sønstabø dürfte in etwa 20 Jahre jünger sein als seine Mitmusiker. Liegt es an der vorbildlichen Förderung von jungen Musikern in Norwegen, oder an der besseren Vernetzung in den vergleichsweise kleinen Städten? Ich bin in jedem Fall positiv überrascht, alleine schon deswegen, weil die Entscheidung für den Gitarristen qualitativ ohne Frage die Richtige war. Die (schöner weise) sowas von gar nicht Viking aussehende Band, zockt sich durch ein ausgewogenes Set aus Alt und Neu und macht somit jeden Fan glücklich. Aus dem ersten Album wird „Dragons of the North“ beschworen, während auch schon der folgende Song „Nord og ner“ wieder einen Teil des neusten Outputs „Av oss, for oss“ anstimmt. Auch Grimar startet eine Umfrage nach Landsleuten und Zugereisten. Entlarvte Muttersprachler werden anschließend prompt genötigt bei „Nidstong“ mitzusingen – was auf Festivals ja leider nicht ganz so gut funktioniert wie bei Headlinerkonzerten. Das durchmischte Publikum ist so nur bedingt Textfest, was der Stimmung jedoch keinen Abbruch tut.

BildSahg

SAHG bringen groovenden, rockigen Doom Metal aufs Blastfest in ihrer Heimatstadt. Und jede Menge Live-Qualität. Die Stimme von Olav Iversen mit ihrer unverkennbaren Färbung trifft einfach mit Leichtigkeit die Töne und auch die Instrumentfraktion agiert mit absoluter Verlässlichkeit. Der „Sardinen“-Raum ist aus gutem Grund gut gefüllt. Spätestens wenn die Band ihr Set mit dem treibenden „Pyromancer“ schließt, dürfte sie wieder ein paar neue Fans dazugewonnen haben.

BildIn Vain

Obwohl die jetzt aufspielenden RED HARVEST hier nach sechs Jahren ihre Reunion feiern, bleibe ich der Fete fern (Fans würden mich dafür lynchen). Ein teures Getränk will vernichtet und neue Bekanntschaften gepflegt werden, und so kehre ich zu IN VAIN erneut zu der kleinsten Bühne in der USF zurück. Viel Bewegungsfreiheit bleibt den sechs Bandmitglieder nicht mehr, als sie schließlich vollzählich versammelt „Against the Grain“ anstimmen. Bei langen Instrumentalparts flankieren die beiden (Haupt)Sänger fast bedächtig das Schlagzeug, und schaffen so eine fast erhebende Optik. Das Schlagzeug bedient indes nicht Stig Reinhardtsen der verhindert ist, sondern ersatzweise Baard Kolstad (Borknagar). Und noch ein neues Gesicht gesellt sich als dritter Sänger auf die Bühne. Leider auch ein neues Gesicht für mich, zumindest bin ich aus der Distanz von der Seite nicht in der Lage dieses einzuordnen, und so bleibt der Gast für mich ein Geheimnis. Nur als einmal längere Zeit die Technik streikt und die Gitarre keinen Ton mehr lässt, bricht etwas Panik auf der Seite der Bühne auf. Aber nach diversem Schalter umlegen und Kabel wechseln ist IN VAIN soundtechnisch wieder vollständig unterwegs.

BildGreen Carnation

Der nun anstehende GREEN CARNATION Gig darf ebenfalls aus „herausstechend“ bezeichnet werden, schließlich trennte sich Anno 2007 die Allstars-Truppe – bestehend aus Mitgliedern von Satyricon, Emperor, Tristania, Carpathian Forest, Sirenia und Blood Red Throne – steht nun aber komplett wiedervereint vor uns wieder auf der Bühne. Und damit die geneigten Fans endgültig in Verzückung verfallen, spielen die Goth-Progger auch noch ihren meisterlichen Silberling „Light of Day, Day of Darkness“ in voller Länge.
Eigentlich das perfekte Gesamtpaket, wäre da nicht (mal wieder) das interessenmäßig bunt durchmischte Publikum das es nicht unterlassen kann während der ruhigen Instrumentalparts den unsäglichen Sabbel zu halten. Die Atmosphäre wird dadurch empfindlich gestört und Musikgenuss will sich daher bei mir nicht so recht einstellen. Während ich mir allerdings gerade die Störenfriede vor die Tür zu den Rauchern wünsche, will Bandstimme Kjetil Nordhus alle mit ausladenden Gesten und geöffneten Armen mitnehmen in die Welt von GREEN CARNATION.

BildDer krönende Abschluss durch die neue Band-Werdung des Kings of Black Metal höchst persönlich ist im Anzug: ABBATH zieht schon lange vor dem Soundcheck die Leute vor die Bühne, und auch ich sichere mir wohl bewusst über den sicher hohen Andrang im Fotografengatter früh einen Platz zentral vor der Bühne. Der Soundcheck bleibt natürlich von allen eher unbeachtet, doch ich komme nicht umhin den langhaarigen Rotschopf 1,5 Meter über mir anzustarren, der da Mikro und Saiteninstrumente testet. Als zwei Besucher mit klar britischem Akzent sich ungläubig hinter mir fragen „Nein. Das kann er nicht sein. Oder doch?? Diese Ähnlichkeit kann doch kein Zufall sein!!“, spreche ich meinen Augen doch mein Vertrauen aus. „Doch, ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es Jamie Cavanagh von ANATHEMA ist!“, und so diskutieren wir darüber, ob Olve Eikemo aka Abbath und Jamie einfach nur dicke Kumpels sind die sich gegenseitig Roadie-Gefallen tun, oder man sich so als Top-Musiker einfach nur das Taschengeld aufbessert. Der quasi „Gaststar“ bleibt allerdings von allen anderen unbemerkt, bis er schließlich die Bühne zum frivolen schwarzen Finale freigibt.

BildAbbath

Und ABBATH sollte tatsächlich besonders unterhaltsam werden. Was für eine grandiose Show! Wir starten laut und treibend mit „To War“ und „Winter Bane“ in ein Set, dass das gesamte Schaffen des zentralen Frontkünstlers im Querschnitt von IMMORTAL über I bis natürlich ABBATH abdeckt. Während King ov Hell und Ole André Farstad Todernst aber selbstverständlich mit souveräner coolness ihr Set spielen ("Creature" Gabe Seeber versteckt hinter Drumset und Maske natürlich auch), gibt der Meister eine Grimassenfeuerwerk vom feinsten ab. Zähne blecken, Zunge rausstrecken, Augen aufreißen gehört zum Mimikrepertoire eines Abbath eben einfach dazu. Die Ansagen zwischen den Songs werden außerdem gekonnt weggenuschelt – oder eher krächzend weggelallt -, ohne dass man auch nur im Ansatz erkennen könnte ob es sich um Norwegisch, Englisch oder eine andere Sprache handelt. Aber auch daraus macht sich Abbath einen bewussten Spaß. IMMORTAL Songs wie „Tyrants“ oder „One By One“ werden von den vielen alteingesessenen Fans der Band natürlich zuverlässig abgefeiert.

BildAbbath

Auch bei „Warriors“ muss mächtig geheadbangt werden. Der Song mit dem krächzend gröhligen „Pseudo-Gesang“ und dem rockigen treibenden Groove hat beinahe etwas von einem Lemmy bzw. Motörhead-Tribute. Zwischendurch lässt sich Abbath auf einer der Monitorboxen nieder und spielt unterdessen lässig weiter.
Das Ende des Konzerts kommt gefühlt ziemlich jäh, als die Musiker sich verabschieden und die Bühne verlassen. Die Lichter bleiben an, laute zum Set gehörige Backgroundmusik spielt weiter und vermittelt den Eindruck, dass ABBATH sich nochmal zur Zugabe die Ehre geben. Als dann doch die Bühnenlichter erlöschen und die Musik endgültig versieht ist klar: Das war das Blastfest 2016.
Ich habe nicht einmal die Türe der Halle erreicht, schon geht es hinter mir mit dem Abbau emsig und laut zur Sache. In wenigen Stunden dürfte hier nichts mehr an die große, laute Feier der hiesigen Szene erinnern. Was vielen bis zum nächsten Morgen bleibt ist der Kater, temporärer Tinnitus, ein knatschpinkes Festivalbändchen und natürlich die Erinnerung an ein gelungenes Musik Erlebnis an der norwegischen Küste.

Mehr Fotos findet ihr in unserer BLASTFEST Facebook-Galerie! (Autor(en): Saskia Z.)
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