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Bericht:

28.09.2016

Wacken Open Air 2016 - Schallwellen-Surfen im Matsch


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Leider stand das 2016er Wacken Open Air mal wieder im wenig glanzvollen, braunen Stern des Matschs. Die wenige Wochen vor Abfahrt getätigte Investition in gute Gummistiefel einer norwegischen Marke (Den Norwegern vertraue ich in Sachen Umgang mit Nässe) bereue ich zu keiner Sekunde in der ich durch den teilweise wadentiefen Matsch wate. Die sonst durchaus festivalerprobten Docs bleiben während der gesamten Tage verwaist im Vorzelt stehen.

Arbeitsbedingt schlagen wir am späten Mittwoch auf und sind dankbar für die zwar durchnässten, aber noch grünen Zeltflächen. Die Wege zumindest auf dem Presseplatz sind glücklicherweise auch noch befahrbar sodass Pavillon, Zelte samt Equipment bis an dem von Freunden freigehaltenen Platz schnell aufgebaut sind. Den restlichen Mittwoch verbringen wir erst mal damit alte Bekannte zu treffen. Nicht wenige Besucher sehen sich genau einmal im Jahr, und zwar auf den Äckern des Schleswig-Holsteinischen Dorfes wieder. Da sind die Bands erst ein mal zweitrangig wie zumindest in meine Fall. Ich muss aber auch gestehen, dass ich entweder viele Bands schon so oft (auch auf dem W:O:A) gesehen habe, dass sich der Ehrgeiz sich über die Matschgründe vor die Bühnen zu kämpfen eher in Grenzen hält. Doch ein paar meiner Highlights (aber auch Lowlights) will ich hier mit euch teilen.

BildEktomorf
HIGHLIGHTS

TRIPTYKON spielen natürlich auch nicht zum ersten mal auf den Bühnen des W:O:A, dennoch ist dieser Gig am Festival-Samstag etwas besonderes, denn zum ersten Mal stehen hier Musikerin und Musiker um Tom Gabriel Warrior gemeinsam mit der weiblichen Gesangsergänzung Simone Vollenweider auf der Black Stage, welche natürlich passend mit flammenden Feuertrögen und umgedrehten Kreuzen ausgeschmückt ist. Startet der Gig noch in den letzten Strahlen des Tageslichts, wird die Atmosphären mit fortschreitender Uhrzeit und Dunkelheit intensiver – wenn auch nicht so intensiv, wie man es sonst als Liebhaberin der Band auf intimeren Konzerten gewohnt ist. Die Reihen vor der Bühne sind relativ licht, die Stimmung eher zurückhaltend, wobei dies bei der tragenden, düsteren Musik nichts ungewöhnliches ist. Ich selbst stehe auch oft mit geschlossenen Augen, sich nur leicht zur Musik bewegend auf Konzerten. Hier könnte aber auch in erster Linie der Untergrund Schuld sein, der einen auf Biegen und Brechen auf einer Stelle festsaugt.

BildCripper

CRIPPER gehören für mich auch zu den Highlights des Festivals und das hat mehrere Gründe. Zum einen zerrocken die Hannoveraner Thrasher die W:E:T-Stage OBWOHL sie die allerallerallerletzte Band des gesamten Festivals sind. Mit anderen Worten, die geneigte Herren und die Dame starten um 02:15 Uhr vor den hartgesottensten Fans die für ihr Durchhaltevermögen einen Ehrenpreis bekommen sollten – denn die Stimmung ist trotz aller Widrigkeiten ausgelassen. Und auch Britta fegt über die Bühne und versucht sich die Uhrzeit nicht anmerken zu lassen. Ich komme aber nicht umhin die etwas kleineren Augen zu bemerken. Das Notfall-Nickerchen scheint noch nicht allzu lange her zu sein. Eigentlich liegt das einzige Manko des Auftritts im akuten Zeitmangel. CRIPPER wollen ihren Fans natürlich ein vollgepacktes Set bieten, was in einem 45 Minuten-Slot allerdings nur schwer möglich ist. Dementsprechend kurz fallen die Ansagen aus um am Ende vielleicht doch noch eine Zugabe unterzubringen. Der Kontakt zum Publikum leidet so zwar etwas, aber das lassen sich die Fans nicht anmerken. Konsequenter Abriss auch vor der Bühne bis zum Schluss.

BildEine Statue für Lemmy

PARKWAY DRIVE standen eigentlich so gar nicht auf meinem Programm, aber ich lasse mich ja gerne zu neuen Erfahrungen anstacheln, uns so stehe ich am Samstag um kurz vor 1 vor der Party Stage mit Freunden, die wahrlich zur Fanbase der australischen Metalcore-Mannen zählen. Um ehrlich zu sein: Sobald ich irgendein „core“ in der Genrebezeichnung einer Band lese, bin ich normalerweise über alle Berge. Ist in dem ganzen Treibmatsch aber nicht möglich, also stehe ich zwischen der augenscheinlichen Zielgruppe (eher kurzhaarig, Käppis en masse und Luftgekloppe statt Headbanging) – und bin Überrascht was für nettes Zeug da teilweise doch über die Boxen schallt. Immer wenn ich denke, das kann was (in meinen subjektiven Anti-Core Ohren), neige ich mich zu meinen PARKWAY DRIVE Kennern und erhalten immer eine Antwort: „Das ist vom neusten Album!“. Völlig umgehauen hat mich „Writings on the Wall“, das so ganz anders wie die üblichen PARKWAY DRIVE Bretter ist: schleppend und mächtig, klassische Core-Growls (ein Grund meiner Antipathie) nur zwischendurch einstreut. Die Fans machen eigentlich nur selten Pause, aber auch hier die Energie erst recht überall spürbar, was nur noch durch das folgende „Wild Eyes“ mit seinem „Fangesang“ toppen kann. Leider hier wieder klassisches Metalcore-Geholze, was mich nicht vom Hocker reißt, dafür Bombenstimmung bei vielen Zuschauer in meiner näheren umgebung auslöst, zum Leidwesen meiner noch einigermaßen schlammfreien Klamotten. Den Platz vor der Party Stage verlasse ich in Richung Schlafsack schließlich braungesprenkelt bis ins Gesicht.

BildReliquiae

RELIQUIAE spielen gleich vier Gigs (also jeden Tag) auf der Wackinger Stage, da heißt es für die sieben Medieval Rock Musikanten durchhalten und vor allem zurückhalten was den Flüssigbrot-Konsum über die Tage angeht. Auch müssen Stimmbänder wie Instrumente bei dem klammen Wetter über den Zeitraum in Schuss gehalten werden, was sicher auch kein einfaches Unterfangen ist. Glücklicherweise gelingt es den Osnabrückern, wie ich am Freitag feststellen darf. Alle stehen trotz Matschweg und Regen gestriegelt auf der Bühne. Allerdings hält der Regen auch viele Besucher ab sich vor der Bühne einzufinden und so starten RELIQUIAE vor eher spärlichem Publikum. Das bessere Wetter am vorherigen Tag hat um einiges mehr Zuschauer auf das Wackinger Plaza „gespült“, aber auch für die paar Besucher gibt die Band ihr Bestes. Als schließlich die Sonne hervorbricht, füllt sich der Platz vor der Bühne schließlich doch ordentlich mit Neugierigen, die sich von on der hohen Qualität, sowohl musikalisch, gesanglich als auch textlich überzeugen lassen.

Für den IHSAHN-Gig eine Stunde vor Mitternacht am Freitag bin ich mit Abstand am dankbarsten. Diese hatte ich noch Anfang des Jahres auf dem norwegischen Blastfest verpasst, allerdings fehlte noch die Restbegeisterung um großes Interesse für das musikalische Projekt des bekannten Emperor-Fronters zu hegen. Hier stehe ich nun vor der Headbanger Stage und bin wie weggeblasen von so viel Intensität, Atmosphäre, Komplexität und Können. Die Musik IHSAHNs birgt so viel Abwechslung, dass man fast denken Könnte die Kapelle habe eben mal gewechselt, und doch hört man unverkennbar, dass dieser vertonte, mächtige Wahnsinn aus einer Feder und einem Gehirn stammt. Ich schreibe nicht viel mehr außer: Zuhause angekommen habe ich mein Bankkonto um einige Euros für die komplette Diskografie erleichtert.

BildOrphaned Land
MIDLIGHTS

TWISTED SISTER. Seit 40 Jahren ununterbrochen aktiv und das muss man wirklich loben. Doch diese Tour ist die Farewell-Tour, die letzte Tour, bevor sich Dee Snider und seine Truppe von den Weltbühnen verabschieden. Die Geschichte hat allerdings gezeigt, dass es einige betagte Legenden es mit sogenannten Abschiedstourneen nicht ganz so ernst nehmen. So macht sich Snider über Kollegen wie Black Sabbath und die Scorpions lustig, die den Fans mehrfach für „absolut letzte Konzerte“ schon ordentlich viel Kohle abgeluchst haben, um es kurze Zeit später doch nicht mehr im Ruhestand aushalten zu können. Doch nicht mit TWISTED SISTER (voraussichtlich). Dem Konzertfinale der Band stand jedoch auch eine Premiere entgegen. Mike Portnoy schwingt erstmalig seine Drumsticks auf den W:O:A! Und das selbstverständlich wie gewohnt grundsolide. Das gedamte Set durch beweisen TWISTED SISTER Qualität. Dee Snider ist natürlich der agile Wischmopp auf der Bühne, während sich die anderen Musiker eher zurückhalten. Leider muss man das auch vom Löwenanteil des Publikums sagen. Eine Band, die aufgrund von einer handvoll Songs von einer breiten Masse gehyped wird, hat eben Live einen entscheidenden Nachteil – besonders auf Festivals bei gemischten „schau ich mir mal an“ Zuschauern. Während „We're gonna take it“ gehörig gefeiert wird, ist bei den meisten anderen Songs Schnarchstimmung angesagt, obwohl das Infield bis zu den Ausgängen dicht gefüllt ist.

BildOverthrust

Ganz klar Neugierde hat mich zum Gig von OVERTHRUST getrieben. Die botswanische Band spielt Old School Death Metal. Mit anderen Worten eine Rarität aus Südafrika. Leider, denn ich würde mir viel mehr Impact von diesem Komtinent in der Metalszene wünschen, insbesondere wenn die kulturellen Wurzeln einen hörbaren, spannenden Abdruck in der Musik hinterlassen, wie man bei Bands aus dem Nahen oder fernen Osten, Skandinavien, Südamerika oder den USA immer wieder gerne heraushört. Vielleicht hat mich diese Hoffnung aber auch am Ende enttäuscht, denn die Jungs auf der (viel zu hohen) Wasteland Stage versuchten tatsächlich Death Metal der klassischen alten Schule zu zimmern. „Versuchen“, weil das Dargebotene zwar ganz okay ist, aber nicht darüber hinaus kommt. So bleibt die Stimmung staubig (es war tatsächlich auch mal trocken!) und zurückhaltend. Vielleicht kann man auch einfach nicht erwarten dass Metal-Pioniere aus Botswana eine Qualität erreichen, wie es Bands aus Ländern mit langer Metal-Geschichte und gegenseitiger Unterstützung schaffen. Dennoch sind OVERTHRUST eine tolle Entwicklung von der ich mir in Zukunft haufenweise mehr wünsche.

LOWLIGHTS

Das „lowste light“ des diesjährigen Wacken Open Air waren ganz eindeutig STEEL PANTHER. Eigentlich finde ich die Karikierung des Glam Metal-Genres und seiner Verfechter durch die amerikanische Fun-Band durchaus lustig. Die Songs sind catchy und mitsingbar, selbst wenn sie jedem Feministen den Schweiß auf die Stirn treiben. Nicht nur die Texte triefen vor Sex und Sexismus, auch die Bühne ist bei STEEL PANTHER selbstverständlich stets mit amerikanischen Plastikbrust-Püppchen geschmückt. Traditionell wählt die Band während des Sets eine Frau aus dem Publikum aus, welche auf der Bühne schließlich ein persönliches Ständchen bekommt. Auf der True Metal Stage steht kurz darauf ein 16-Jähriges Mädchen. Den Song den Michael Starr und Russ Parrish für sie schließlich dichten, muss man nun nicht zur Gänze wiedergeben, doch während man am Anfang noch merkt, dass der mit dem Song beginnende Michael Starr sich etwas unwohl mit der Situation fühlt und zurückhaltend singt, dass er ihr später mit den Hausaufgaben hilft (wobei auch so etwas vermeindlich harmloses in STEEL PANTHER-Manier auch etwas versautes bedeuten kann), hält sich Russ Parrish nicht zurück. Von Backstage mit 16-Jähriger Vögeln über Anal-Verkehr und Schwanzlutschen alles dabei. Auch Starr „taut“ schließlich auf und schlägt in die selbe Kerbe (haha … haaa …). Bei aller gewohnten Versautheit der Band, die Aktion mit der dem minderjährigen Mädchen ist grenzwertig und peinlich. Das in dem Moment einzig positive: Die 16-Jährige hat Spaß, schließlich ist sie bei ihren Idolen (hoffentlich nicht in jeglicher Hinsicht) auf der Bühne. Und um noch etwas fair zu sein: Ihr Set haben STEEL PANTHER wie gewohnt souverän abgespult und die Ansagen zwischen den Songs waren wie immer einer der unterhaltsamsten Aspekte des Konzerts.

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Fazit: Die Gummistiefelsohlen sind trotz hartnäckigem Treibmatsch geblieben wo sie sein sollten, eine wesentliche Errungenschaft nach dem Wacken Open Air im Jahr 2016. Aber auch: Wer einmal dort war und sich seine „Wacken-Hood“ aufgebaut hat, wird immer Spaß (egal bei welchem Wetter) und nie Langeweile haben, auch wenn das Bandaufgebot (mich) manchmal unberührt gelassen hat. Trotz der Größe hält sich das Familiäre Gefühl wacker. Und entgegen der vielen Wacken-Hater und dem manchmal übertriebenen Aufgebot an unsinnigen Extras bleibe ich dem Festival mehr als nur sentimentalitäts-treu wenn es mein Terminkalender zulässt – oder ich nicht doch hin und wieder mit den Metaldays in Slowenien fremdgehe. Entschuldung. (Autor(en): Saskia Z.)
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