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03.07.2012

Metalfest Germany West 2012 - Dürftige Orga vs. großartige Bands


BildDer zweite deutsche Ableger der Festivalreihe, sollte mit seiner speziellen Location etwas ganz besonderes werden - wären da nicht die zahlreichen Pannen und die durchgehend dürftige Organisation gewesen, die Geduld, Stehvermögen und Nerven so einiger Besucher auf eine harte Probe stellten. Auch wenn vieles im Argen lag, so belohnten im Endeffekt besonders das überraschend gute Wetter, die überwiegend grandiosen Auftritte der Bands und die zumindest in einigen Punkten besondere Bühnensituation.

06.06.2012 - Mittwoch Abend (Anfahrt)

Schon bei der Auffahrt auf das Gelände fallen besonders die Ahnungslosen und teilweise überforderten Ordner auf, die verzweifelt versuchen per Augenmaß angemessen große Abfahrts-Wege zu koordinieren. Dieser chaotische Eindruck soll sich die kommenden Tage nur weiter erhärten. Obwohl der Großteil der Securities und Ordner sehr bemüht ist alle Fragen freundlich zu beantworten und weiterzuhelfen, gelingt ihnen das nur selten. Nahezu jeder abgestellte Ordner beklagt die Informationspolitik des Veranstalters, ein Briefing oder eine Einweisung scheint es im Vorfeld schlichtweg nicht gegeben zu haben.
Gerade als wir unseren Stellplatz erreicht haben, sammelt ein Ordner Parkgebühr und Müllpfand ein, was ja auch seine Richtigkeit hat. Allerdings wird uns später zu Ohren kommen, dass offenbar einige Besucher gar nicht mehr darauf angesprochen wurden, und darüber hinaus die Chips für das Müllpfand ausgingen. Das pure Chaos regiert schon vor Beginn des eigentlichen Festivals.

Glücklicherweise sind die Wege vom Camping-Areal zu den Parkplätzen - wie auch versprochen - nicht all zu weit, sodass mobile Behausung samt Inhalt und Verpflegung relativ zügig zum ausgewählten Platz getragen werden können. Das Elend folgt zumindest in unserem Fall auf den Fuß, denn gerade als wir uns sagen, "Was für ein Glück - Gerade die Regenpause erwischt...", beginnt es wie aus Kübeln zu schütten, was zu Folge hat, dass wir uns nach 20 Minuten mühsamen Aufbau am Hang, auf (zumindest bei uns) mit Steinen durchsetztem Boden, Nass und übel zugematscht, in unsere Campingstühle fallen lassen.
Zumindest den Weg zur Bändchenausgabe kann uns ein Ordner weisen, an welcher an diesem Abend noch eine recht humane Schlange für die zugang-gewährende Armzierde ansteht.
Auf unserem Weg nach unten kommen wir an gerade mal vier Dixiklos und einem Toiletten- und Duschcamp vorbei, das an diesem Abend noch frei zugänglich ist.

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07.06.2012 - Donnerstag

Am Morgen zeigt sich erst das wahre Ausmaß der mehr als suboptimalen Toilettensituation. Die gestern noch frei zugänglichen Spültoiletten wurden mit Zäunen abgesperrt an deren Eingang Flatrates oder einzelner Dusch- oder Toiletten Zugang verkauft wird. All das wäre ja gar kein Problem, wenn es nicht bedeutend zu wenige Dixis geben würde, die den Besucher auch vor die wirkliche Wahl stellen würden, für mehr Komfort bezahlen zu wollen oder nicht.
Allerdings kann von mehr Komfort auch nicht wirklich die Rede sein. Anfänglich machen sich Toilettenpapier und Seife, ja sogar einfache Mülleimer rar, was immerhin im Verlauf des Festivals etwas verbessert wird. Auf die Frage, wann denn die Klos mal geputzt würden, bzw. dass es langsam mal nötig würde, kommt nur die Antwort zurück, dass dafür ja alle Leute erstmal draußen sein müssten. Dass das ohne Ansage an die Gäste nicht funktionieren kann, schien wohl nicht einleuchtend genug.
Dass die Situation auf dem gesamten Camping-Areal so haarig aussieht, zeigen uns Besucher, die gezielt auf die als Presse erkennbaren Leute zulaufen, um ihre Kritik loszuwerden. Jemanden von der Crew, der möglicherweise auch wirklich eine Optimierung anleiern kann, sucht man auf dem Gelände vergebens.
Überhaupt stimmt der vorher ausgedruckte Geländeplan absolut nicht mit der Aufteilung vor Ort überein, was aber aufgrund der noch relativ übersichtlichen Größe nicht weiter dramatisch ist.

Während wir uns morgens unser Frühstück einverleiben, beobachten wir den Hang hoch ein Schauspiel, das unsere Vermutung erhärtet. Der Platz auf den großen, so eigentlich gar nicht eingezeichneten Parkflächen, wird sichtbar knapp, doch der Blech-Strom auf Rädern will nicht abreißen. So wird kurzerhand der Bauer der angrenzenden Felder angeordert, und während dieser Oben seine augenscheinlich noch nicht reife Ernte mit dem Traktor abrasiert, fahren unten schon in Reih und Glied die Autos auf das frisch gemähte Areal. Zumindest hier wurde schnell gefackelt um einer offenbar ungeplanten Situation Herr zu werden.

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Die Bändchenschlange entpuppt sich bei unserem ersten Spaziergang zum Hauptgelände als ausgewachsenes Monster. Der große Anreise-Ansturm am Morgen macht sich nun hier erst recht bemerkbar. Ein Ausgabe-Zelt mit bis zu fünf Mitarbeitern versucht ohne sichtbaren Erfolg die Masse abzufertigen und macht keinen glücklichen Eindruck. Auch hier macht sich wohl die fehlende Kommunikation, Organisation und sogar ein scheinbarer Mangel an Zangen zum verplomben der Bändchen enorm bemerkbar. Dass diese Zangen, egal mit welcher Kraft und Technik, noch nicht mal vernünftig funktionieren, erfährt einer unserer Begleiter am eigenen Leib, als ihm nämlich nach unsäglich langer Wartezeit und später zurück am Zelt das Band einfach wieder abfällt. Und er war bei weitem nicht der Einzige mit diesem Problem.
Die Schlange wird die nächsten Stunden auch nur noch länger und dabei sogar noch breiter. Teilweise stehen die Leute zu fünft nebeneinander und das Ende ist schon gar nicht mehr auszumachen. Um die 3 Stunden Zeit zum Warten muss man mitbringen, einige Besucher versuchen mit Campingsesseln und einer Dose Bier aus der Sache das Beste zu machen. Nur die vom Himmel knallende, ansonsten willkommene Sonne, ist hier ohne schattenspendende Bäume eine Herausforderung für die noch blasse Haut der meisten Besucher, die mit dem Metalfest dieses Jahr größtenteils ihr erstes Open Air bestreiten.

BildWir dürfen uns zu den wenigen Glücklichen zählen, die aufgrund ihrer bereits erhaltenen Bändchen nicht die ersten Bands verpassen... dachten wir zumindest. Denn zu unserer Überraschung müssen wir feststellen, dass wohl alle Bands entgegen der vorher aus dem Netz gezogenen Running Order ganze 15 Minuten eher anfangen. Dass Auftritte mal später beginnen, kommt vor. Aber zu früh anfangen und damit Fans um einen beträchtlichen Teil der Show bringen, ist schon sehr grenzwertig, egal welche Gründe diese Entscheidung hat. Entschuldbar wäre es noch gewesen, wenn die Leute über entsprechende Änderungen informiert würden, egal ob durch Videoleinwände, Durchsagen oder Aushänge verteilt auf dem ganzen Gelände. So etwas sucht man jedoch vergebens. Erst am letzten Tag entdecken wir an der Wand eines Toilettencontainers einen unscheinbaren, A4 großen Zettel der oben erst mal die Übertragungs-Zeiten der EM mitteilt, darunter knapp über den Wechsel zweier Headliner informiert - für uns nur leider zu spät. Doch dazu später mehr.

Wir beginnen unseren wahren Festivaltag mit TURBOWOLF und SKULL FIST, die in klassischer Manier in knallengen Röhrenjeans und jeder Menge Action über die Bühne fegen und die mittägliche Trägheit einiger Zuschauer vertreiben. Die Begebenheiten des Amphitheater verleiten allerdings die Meisten dazu, es sich derweil auf den rundum aufgereihten Steinbänken bequem zu machen und die Sonne zu ein paar äußerst gediegenen Tönen zu genießen. Wir zugegebener Maßen aus. Entspannter kann ein Festival einfach nicht beginnen. Zumindest was die musikalische Darbietung betrifft.
Zwischendurch machen wir erstmalig einen Abstecher zum Pagodenzelt, in dem sich die zweite Bühne befindet. Uns erwartet stickige, stehende und sehr warme Luft, extrem wenig Beleuchtung, dass man teilweise nur vermuten kann wo man hintritt, und der Auftritt der noch recht frischen Black Metal Band THRENODIA, die trotz der genredienlichen Dunkelheit auf mich leider mehr belustigend als packend wirkt. Das Zelt ist zu dem Zeitpunkt noch spärlich besetzt, da sich die meisten erst mal vor die Hauptbühne fläzen oder schlicht noch in der Bändchenschlange stecken.

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Im Anschluss bieten ALESTORM eine Runde Pirate Metal. Der Rhein und damit Wasser ist nicht weit, sodass die Schotten zwar nicht so "glaubwürdig" wie auf dem 70.000 Tons Of Metal wirken, wo sie Anfang des Jahres residierten, aber - man kennt sie nicht anders - eine mitreißende Show auf den Betongrund der Bühne legen, deren gespannte Überdachung zu diesem Zeitpunkt beinahe etwas an Segel erinnert. Die Stimmung ist während und nach dem Konzert ordentlich aufgeladen und trägt die Fans auf einem Hoch zum Auftritt der folgenden Band MOONSPELL.
Die Portugiesen sind wahre Meister der Atmosphäre und Fronter Fernando Ribeiro stapft sogleich mit einer silbernen Maske und großen Gesten auf die Bühne um mit Bombastik in die Show zu geleiten. Leider leidet die Atmosphäre etwas, da besonders uns deutsche Artgenossen diese Maske unweigerlich an einen relativ talentfreien Tunichtgut im Hoppergeschäft erinnert, und die strahlende Sonne ist dem düsteren Extreme Gothic Metal leider auch nicht gerade dienlich. Trotz allem schaffen es die Fünf eine packende Show zu bieten, die zumindest uns glücklich und entspannt in eine Pause am Bier- und Getränkestand entlässt.

BildMoonspell

Mit 3,50 Euro plus 1 Euro Pfand sind die Bierpreise auf ähnlichem Niveau vergleichbarer Festivals. Allerdings ist ein ebenso hoher Preis für einen Becher Wasser fragwürdig. Besonders bei den entgegen der Wettervorhersagen überraschend warmen Temperaturen wünscht man sich zwischendurch mal eine einfache und vor allem preislich angemessene Alternative zum Bier.

BildBLIND GUARDIAN läuten die heiße Phase des Abends ein. Die reihen vor der Bühne sind voll, alle sitzen und warten gespannt auf die Show des Super-Acts und den absoluten Stimmungsgaranten auf jedem Festival. Während die Töne des Intros erklingen, stehen vorne angefangen die Leute nacheinander auf um schlussendlich durchweg die Stufen als erhöhte Standfläche zu nutzen. Einerseits sind die Schräge und die gleichmäßigen Sitzreihen ein Segen, denn egal wo man steht, man hat einen freien Blick auf die Bühne. Vor allem die häufig kleinere weibliche Fraktion genießt es, endlich mal nicht zwischen Wänden aus großen Kerlen zu verschwinden. Die Kehrseite der Medaille besteht in der eingeschränkten Bewegungsfreiheit, so ist ausgelassenes Mitgehen oder gar ein Moshpit einfach nicht möglich. Ein zu weiter Schritt nach hinten oder vorne hat zur Folge, dass man nicht nur selbst eine Etage tiefer liegt und mit pech auf die harten Steinkanten knallt, sondern auch eine Kettenreaktion à la Domino-Effekt in Gang setzt. Bei ein paar gut gefüllten Festivalgenossen schwant mir zum Teil schon übles. Glücklicherweise erleben wie solch ein Szenario während aller Tage nicht mit.

BildBlind Guardian

Auch BLIND GUARDIAN Sänger Hansi Kürsch fällt im Laufe des Auftritts auf, dass sich die Action im Publikum auf Headbangen und hochgereckte Arme beschränkt, und gibt sich nach der Versicherung des Publikums, da ginge aufgrund der Banksituation leider nicht mehr, mit dem eingeschränkten Mitgehen der Fans zufrieden. Das tut der Stimmung jedoch absolut keinen Abbruch. Spätestens mit den Klassikern "Valhalla" und "The Bards Song" macht das Publikum dieses Defizit stimmgewaltig wett und das Konzert in der untergehenden Sonne wird zum Ohren- und Augenschmaus.
Eine wirklich böse Szene spielt sich dagegen während des Konzerts im Graben ab. Schon zu Anfang fallen uns die für Festival und vor allem Headliner-Verhältnisse viel zu wenigen Securities auf, die gerade mal zu viert die Sicherheit aller beteiligten garantieren sollen. Es sieht schlichtweg nach purer Ahnungslosigkeit aus, als der erste Crowdsurfer gen Bühne getragen wird (was nur im Mittelgang auf der breiten Treppe möglich ist) und unten nicht entgegengenommen, sondern unter den Blicken der vier Männer auf dem harten Steinboden landet. Ohne sich zu erkundigen, ob der junge Mann nach diesem Aufprall verletzt ist, wird dieser unsanft aus dem Graben gedrängt. Ein Ding der Unmöglichkeit.

MEGADETH schließen den Abend eher enttäuschend. Dave und Kumpanen spielen die Show zwar souverän runter, aber interagieren so gut wie gar nicht mit dem Publikum geschweige denn sie bewegen sich großartig. Musikalisch alles gekonnt, aber von einem Live-Konzert darf man sich mehr erhoffen.

BildMegadeth
(Autor(en): Saskia Z.)
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Kommentare

04.07.2012 15:03 Uhr AnimatismA
Wenn die an der Loreley nächstens Jahr wieder genauso viel Mist bauen, dann werden die ein Statement sicher auch stecken lassen, genau wie bei der Dessau-Ausgabe.
Beim ersten Mal kann man schließlich noch jede Menge Versprechungen machen ^^
 
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04.07.2012 08:34 Uhr RedFire
Jo, eigentlich genauso wie in Dessau, nur dass die sich nicht nochmal öffentlich geäußert haben...
 
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03.07.2012 22:14 Uhr Sturmgeweihter
Wie konntest du dir Swallow the Sun entgehen lassen? Schäm dich! Aber richtig!

Scheint ja viel schiefgelaufen zu sein, was die Orga angeht. Aber ich finde es gut, dass die Veranstalter Eier beweisen und zu ihren Fehlern Stellung beziehen.
Verspricht ja, dass es dann nächstes Jahr besser wird.
 
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